Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Bill Gates, ein Getriebener

Von Torsten Riecke
Bill Gates hätte allen Grund zu feiern. Sein Unternehmen Microsoft ist 30 Jahre alt geworden. Sein wichtigstes Produkt, das Betriebssystem Windows, ist seit 20 Jahren auf dem Markt. Und Gates wird am morgigen Freitag 50 Jahre alt.
HB NEW YORK. Falls er auf sein Lebenswerk zurückblickten würde, sähe er nur Superlative: der reichste Mann der Welt mit einem geschätzten Vermögen von 46,5 Milliarden Dollar. Der größte Softwarekonzern auf dem Globus mit einem Jahresumsatz von fast 40 Milliarden Dollar. Spitzenreiter bei Betriebssystemen mit einem Marktanteil von über 90 Prozent.Aber Bill Gates blickt nicht zurück. ?Du wachst auf, jeden Morgen, und sagst dir: Oh, Mann, Google macht da einen guten Job und Sony dort?, erzählte Gates kürzlich bei einem Besuch der Universität Michigan in Ann Arbor. ?Du willst also grundsätzlich mit bangem Blick nach vorn schauen.? Bill Gates ist auch auf dem Gipfel seines persönlichen und beruflichen Erfolgs ein Getriebener geblieben, besessen von dem Gedanken, den anderen immer einen Schritt voraus zu sein.

Die besten Jobs von allen

Wer dem immer noch jungenhaft wirkenden Mann mit seiner schlich-ten Brille begegnet, spürt zunächst wenig von dieser Besessenheit. Sei-ne Stimme ist leise, fast schüchtern. Sein Auftreten ist zurückhaltend bis an die Grenze der Selbstverleug-nung. Fast nichts lässt vermuten, dass sich hinter diesem Gesicht des netten Jungen von nebenan ein ebenso ehrgeiziger wie knallharter Geschäftsmann verbirgt. Nur seine wachsamen Augen verraten jene Leidenschaft, die ihn angetrieben hat.Dass Gates an seinem 50. Geburtstag immer noch den Druck verspürt, sich täglich aufs Neue zu beweisen, hat nicht nur mit seinem Charakter zu tun. Der Microsoft-Gründer und sein Unternehmen gehören in der sich schnell wandelnden Welt der Bits und Bytes bereits zu den Senioren. Der Herausforderer Google ist gerade mal sechs Jahre alt, seine Gründer Sergey Brin und Larry Page erst Anfang 30. Gates befürchtet, dass die Menschen künftig nicht mehr auf Windows schauen, wenn sie ihren PC einschalten, sondern auf eine Google-Maske.Google ist jedoch offensichtlich nur eine Bedrohung für Gates. Mindestens ebenso gefährlich für sein Imperium ist die so genannte ?Open-Source?-Bewegung in der Softwarewelt. Konkurrenzprogramme wie Linux sind ein Angriff auf Windows. Gerade zu einem Zeitpunkt, da in den Schwellenländern der Computer zu einem Massenprodukt wird, kann dies Gates? Wachstumshoffnungen zunichte machen.Nicht besser sieht es bei den Videospielen aus. Seit Jahren läuft Microsoft dem Marktführer Sony hinterher. Mit dem neuen Modell Xbox 360 will Gates jetzt den Spitzenplatz erobern. Er weiß, dass Spielkonsolen wichtig sind, um Microsoft-Produkte zu einem festen Bestandteil des Familienlebens zu machen.Dieser allumfassende Machtanspruch hat Gates viel Kritik eingebracht. Insbesondere in der Technologiebranche hält man ihm vor, dass er seine einzigartige Karriere weniger seiner Genialität als vielmehr Glück und einer vollen Kasse verdankt. ?Die Botschaft seines Auf-stiegs lautet: Es ist klüger zu folgen, als zu führen?, schrieb David Gelernter im ?Time?-Magazin. Der Wissenschaftler an der Universität Yale spielt damit vor allem auf Microsofts Vorgehen im Internet an, wo der Konzern nach seinem Fehlstart den Konkurrenten Netscape mit allen Mitteln aus dem Markt drängte.Bill Gates ficht solche Kritik scheinbar nicht an. Unangenehme Fragen schweigt er oft aus. Nur seine blitzenden Augen verraten dann, dass es in ihm brodelt. Dass er sich und der Welt am liebsten jeden Tag beweisen möchte, dass er immer noch der Beste ist. Auch mit 50.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.10.2005