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Bildung vom Reißbrett

Nicht nur im Umwelt-, Verteidigungs- oder Wirtschaftsministerium kassieren Roland Berger & Co. Heimlich gestalten Unternehmensberater auch die deutsche Bildungslandschaft mit. Unter ihrer Regie entstehen komplette Universitäten.
Nicht nur im Umwelt-, Verteidigungs- oder Wirtschaftsministerium kassieren Roland Berger & Co. Heimlich gestalten Unternehmensberater auch die deutsche Bildungslandschaft mit. Unter ihrer Regie entstehen komplette Universitäten.Wenn sich die Größen des deutschen Consulting-Geschäfts in der Öffentlichkeit zeigen, dann geht es immer öfter um Staatstragendes. Vor allem zur Eliteförderung äußern sich Roland Berger oder McKinsey-Chef Jürgen Kluge neuerdings oft und gerne. Da stellt McKinsey ("Deutschland, Deine Bildung") einen "Forderungskatalog" auf, "wie die verschiedenen Bereiche des Bildungssystems zu reformieren sind", oder Boston Consulting bringt die Initiative Business@school auf die Spur.

Die besten Jobs von allen

Vor und mehr noch hinter laufender Kamera wirbelte allen voran McKinsey-Chef Jürgen Kluge in den letzten Wochen durch die deutsche Bildungslandschaft. Wenn die SPD mit ihren diversen Elite-Offensiven (siehe Karriere 02/2004) die Schlagzeilen füllte, war der promovierte Physiker nicht weit. Unbemerkt von der medialen Öffentlichkeit präsentierte der oberste McKinsey-Berater den Genossen auf der Weimarer Klausurtagung hinter verschlossener Tür seinen "Marshallplan für Innovation". Er war es auch, der das Wort vom "deutschen Harvard" im Mund führte, das dann durch die deutsche Presse jagte. Auch andere Vorschläge, die in den vergangenen Wochen die Diskussion beherrscht haben, unterbreitete der Berater - ungefragt und honorarfrei - den versammelten SPD-Granden: Die Berliner Humboldt-Universität solle die "Flaggschiff-Uni" des Bundes werden, daneben müsse es weitere "Inseln der Exzellenz" geben, eine "Albert-Einstein-Gesellschaft" solle sich zentral um die deutsche Spitzenforschung kümmern. Der Kanzler dankte. Sanierer zu SamariternGanz uneigennützig ist solches Engagement keineswegs. Bildungsaktivitäten sind gut fürs Image, vor allem wenn man als brutaler Sanierer verschrien ist. Und ein formidabler Türöffner zu jenen Politikern, die die öffentlichen Aufträge in den Ministerien vergeben, nach denen sich Beratungsunternehmen gerne strecken.Kluge - wie Konkurrent Berger politisch weniger festgelegt, als gemeinhin angenommen - werden sogar Ambitionen nachgesagt, er wolle unter einer möglichen CDU-Regierung Merkel Bundesbildungsminister werden. Offiziell zu erfahren ist dazu natürlich nichts, wenn auch bekannt ist, dass die promovierte Physikerin Merkel den Gedankenaustausch unter vier Augen mit dem promovierten Physiker Kluge durchaus schätzt. Öffentlich zeigen sie sich dann - wie Anfang Dezember auf einer von der Humboldt-Universität organisierten Veranstaltung in der neuen Berliner Bertelsmann-Repräsentanz - schon einmal einig, dass die zukünftige Finanzierung von Hochschulen nicht ohne Studiengebühren auskommen wird.Längst beschränken sich McKinsey, Berger oder BCG nicht mehr nur auf gute Ratschläge, Positionspapiere und kostenlose Denkstudien. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit schreiben sie Businesspläne für neue Studiengänge und komplette Bildungsbetriebe. "Wenn Sie wollen, konzipieren wir Ihnen eine ganze Universität", verrät Roland-Berger-Berater Georg Barzel hinter vorgehaltener Hand.
Keine leeren Sprüche. So hat McKinsey den Businessplan für die ESMT, die "Super-Business-School" der deutschen Wirtschaft in Berlin, geschrieben. Nach den Vorgaben der Berger-Berater entstand die Bucerius Law School in Hamburg und auch die neue AutoUni des Volkswagen-Konzerns in Wolfsburg. Boston Consulting erstellte die Expertise für die in Gründung befindliche Hanseuniversität Rostock. Hochschulen vom Reißbrett.
Lachnummer ESMTNicht immer kommt Vorzeigbares dabei heraus. Beispiel McKinsey. Als sich vor drei Jahren die Herren Rolf-E. Breuer (Deutsche Bank), Jürgen Schrempp (DaimlerChrysler), Ulrich Hartmann (E.ON) und Henning Schulte-Noelle (Allianz) in den Kopf setzten, eine "deutsche Harvard Business School" aus dem Boden zu stampfen, entwarf McKinsey das Konzept. Heute gilt die European School of Management and Technology (ESMT) als ein Flop. Die ESMT, die im ehemaligen DDR-Staatsratsgebäude in Berlin residiert, ist eine pompöse Hülle fast ohne Inhalt. Ein paar Managerfortbildungskurse - mehr hat das "deutsche Harvard" nicht zu bieten. Von den international renommierten Professoren, die die Neugründung auf eine Stufe mit den Top-Business-Schools der Welt hieven sollen, fehlt weiterhin jede Spur.Wohl doch nicht so genial, die Blaupause von McKinsey? Die Topberater erinnern sich nur ungern: "Zu unserem Engagement bei der ESMT möchten wir nichts sagen", heißt es offiziell. Wohl wahr: Berater können nur bedingt dafür verantwortlich gemacht werden, wenn aus ihren Konzepten und Businessplänen nichts wird. Doch so ganz unbeteiligt ist McKinsey am Schicksal der ESMT nicht, sitzt doch Senior Partner Frank Mattern bis heute im Aufsichtsgremium der Superschule.Dennoch hat McKinseys Ruf als Bildungsgestalter durch die ESMT-Schlappe keinen Schaden genommen. Beim Wettbewerb, den der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft - ein Zweckverband der deutschen Unternehmen - kürzlich ausschrieb, um die besten "Geschäftsmodelle" bei Weiterbildungsangeboten von Hochschulen zu unterstützen, winkt dem Sieger wie selbstverständlich eine "Strategieberatung" durch McKinsey.Heinzelmännchen im Hintergrund > Auch bei Boston Consulting gibt man sich wortkarg, wenn das Beratungsunternehmen auf seine Aufträge aus dem Hochschulbereich befragt wird. "Da haben wir vor einiger Zeit mal etwas an der Uni Frankfurt gemacht", sagt Martin Koehler, BCG-Geschäftsführer und Senior Vice President, lakonisch. Genaueres gibt die Uni Frankfurt preis: "BCG hat die Uni bei der Überprüfung ihrer Strukturen und der Einführung wirksamer Qualitätsmanagement- und Controllingstrukturen unterstützt." Auch bei der geplanten "Hanseuniversität Rostock", der privaten Hochschulneugründung, die als erste Uni an die Börse strebt (siehe Karriere 01/2004), waren die Dienste von Boston Consulting gefragt. Das Projekt war Gegenstand einer Machbarkeitsstudie der Boston Consulting Group, die die Stadt Schwerin seinerzeit in Auftrag gegeben hat. "Die Boston Consulting Group hat den Initiatoren zwar eine interessante Unternehmensidee bescheinigt, insgesamt aber einen unausgereiften Planungsstand der Unterlagen bemängelt", teilt das Bildungsministerium Mecklenburg-Vorpommern auf Anfrage mit. Lehrpläne aus Berger-BürosEbenfalls diskret, aber durchaus erfolgreich agieren die Berater von Roland Berger Strategy Consultants - und das nicht nur, wenn es um Aufträge im Verteidigungsministerium geht. Die Partner Björn Bloching und Georg Barzel können auf eine stattliche Liste an gelungenen Hochschulkonzepten verweisen. Sie waren es, die den Businessplan für die Bucerius Law School schrieben, eine der erfolgreichsten privaten Hochschulgründungen der letzten Jahre. Beraten hat Berger auch die Universität Witten/Herdecke und verschiedene Wissenschaftsministerien. Für das Northern Institute of Technology (NIT), eine Public-Private-Partnership mit der TU Hamburg-Harburg, schrieben Berger-Berater nicht nur das Marketingkonzept, sondern gleich auch das Economic Curriculum, die Lehrpläne für das Wirtschaftsstudium.Noch dicker der Auftrag, den Roland Berger für den Volkswagen-Konzern übernahm. Für deren 100-Millionen-Euro-Projekt einer Corporate University gab es die Rundumbetreuung: Ziele, Philosophie, Lerninhalte, Zielgruppen, Organisationsstruktur und Businessplan der AutoUni wurden "maßgeblich von uns gestaltet", sagt Barzel. Selbst das Pilotlehrprogramm "Elektronik im Automobil" entstand am Berger-Tisch.Dennoch sind die Bildungsengagements der Berater nur ein Zuschussgeschäft. "Nur die fünf, sechs größten staatlichen Hochschulen in Deutschland könnten uns überhaupt bezahlen", erklärt Berger-Mann Bloching. "Das sind praktisch Pro-bono-Aktivitäten." Bei Honorarsätzen von lumpigen 1.000 Euro pro Berater und Tag kommt ein Haus Berger nun mal nicht auf seine Kosten. Im Consulting ist man andere Dimensionen gewohnt - 3.000 Euro pro Tag und Berater gelten als normal.
Doch auch so finden die Konzepte der Beratungsunternehmen ihren Weg. In Hamburg wurde mit Jörg Dräger ein Ex-Berger-Mann Wissenschaftssenator. Unschwer zu erraten, wo die Ideen für den radikalen Umbau der Hamburger Hochschullandschaft geboren wurden. Und wie selbstverständlich sitzt auch Roland Berger in einer der Kungelrunden, in der Kanzler Schröder die Bildungslandschaft von morgen entwirft. Als kürzlich führende Vertreter aus Wissenschaft und Wirtschaft zum "offenen Gespräch über Zukunftsthemen" ins Kanzleramt gebeten wurden, saß Berger dort in trautem Kreis neben Schröder, Wirtschaftsminister Clement, Bildungsministerin Bulmahn, dem Präsidenten der Humboldt-Uni e tutti quanti. Eins zu eins im Match Berger/Kluge sozusagen.
Christoph Mohr

Wo Berater mitmischenRoland Berger
> Bucerius Law School (Businessplan, weitere Beratung)
> Northern Institute of Technology (NIT)/TU Hamburg-Harburg (Marketingkonzept, Economic Curriculum)
> Volkswagen AutoUni (Gesamtkonzept)
> Universität Witten/Herdecke (Studie zur Auswirkung auf die Region)
> Uniklinik-Fusion Kiel/Lübeck (Beratung)

McKinsey
> European School of Management and Technology (ESMT), Berlin/München (Businessplan)

Boston Consulting Group
> Universität Frankfurt (Qualitätsmanagement- und Controllingberatung)
> Hanseuniversität Rostock (Machbarkeitsstudie)

Heidrick & Struggles
> Universität Luxemburg (Personalsuche des ersten Rektors der neu gegründeten Universität)
Dieser Artikel ist erschienen am 30.03.2004