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Biker unter sich

Oliver Stock
Nestlé-Chef Peter Brabeck und Daniel Vasella, Chef des Pharmakonzerns Novartis, kennen sich gut. Das liegt nicht nur an der Vorliebe der beiden Schweizer Topmanager für schwere Motorräder. Sie haben schon so manchen Milliarden-Deal gemeinsam eingefädelt.
Peter Brabeck gibt den Vorstandsvorsitz von NestleŽ ab.
ZÜRICH. Manchmal müssen es eben Superlative sein: Über den ?größten Deal der Schweizer Wirtschaftsgeschichte? unterhielten sich gestern die Analysten in Zürich, meinten damit den zwischen Nestlé und Novartis und waren beeindruckt. Rund 25 Milliarden Euro wird Novartis an Nestlé dafür zahlen, dass der Pharmahersteller vom Lebensmittelproduzenten dessen Anteile am Spezialisten für Augenheilkunde Alcon übernimmt.Und da Geschichte von Menschen geschrieben wird oder, wie der Historiker Leopold von Ranke feststellt, eben von ?großen historischen Persönlichkeiten?, waren Nestlé-Chef Peter Brabeck-Letmathe und sein Kollege von Novartis, Daniel Vasella, gesuchte Leute. Das war nicht immer so.

Die besten Jobs von allen

Die beiden, die in jedem Kinostreifen ein smartes Gespann abgeben würden, kennen sich gut. Sie zählen zu jener handverlesenen Schar von ausschließlich Herren, die an der Spitze von Schweizer Unternehmen stehen, deren Gemeinsamkeit es ist, von ihrem überschaubaren Standort aus die Welt derart mit Produkten aus dem eigenen Haus zu beglücken, dass kein Weg an ihnen vorbeiführt.Es gibt private Vorlieben, die sie teilen. Etwa die für schwere Motorräder. Brabeck knattert auf einer solchen Maschine beispielsweise zum Jazz-Festival von Montreux, das ganz um die Ecke der Firmenzentrale von Nestlé am Genfer See liegt. Vasella seinerseits lässt sich in Lederkluft auf seiner schweren BMW ablichten, nachdem es ihm als frisch gekürter Chef von Novartis gelungen ist, ein Blutkrebs-Medikament in Rekordzeit vom Labor bis zum Patienten zu bringen. ?Super-Dan? schreiben die US-Zeitungen unter das Foto.Dass der jüngste Milliardendeal bei einer Motorradtour über die Alpenpässe unter den Augen treuherzig blickender Kühe ausgehandelt wurde, ist allerdings eine bloße Vermutung, die alle Beteiligten energisch zurückweisen. Nichts soll hier bitte schön nach ?Kuhhandel? aussehen, sagt einer.Und überhaupt: Es wäre ja auch zu einfach. Selbst wenn andere historische Persönlichkeiten, wie etwa Kohl und Gorbatschow, als sie in der Datscha des Russen Deutschland wiedervereinigten, so etwas miteinander trieben. Bei Brabeck und Vasella läuft alles nach Vorschrift.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Vasella braucht den Beifall dringend Natürlich gibt es auch Geschäftstermine, bei denen sich die Wege der beiden Herren kreuzen. Brabeck ist ein Multitalent. Er sitzt beispielsweise im Aufsichtsrat von Roche. Das Unternehmen wiederum ist in Basel die lokale Konkurrenz von Novartis. Es war in den vergangenen Monaten sogar deutlich erfolgreicher als der Wettbewerber. Vasella kann damit aber leben, weil Novartis wiederum Großaktionär bei Roche ist.So bleibt alles in der Familie, und ?das Schweizer Netzwerk glüht?, wie es ein angelsächsischer Analyst gestern ausdrückte. Weil man sich kennt und schätzt, ist die Alcon-Übernahme ja auch nicht der erste, sondern bereits der dritte Milliarden-Deal zwischen Nestlé und Novartis innerhalb von knapp anderthalb Jahren: Im Dezember 2006 übernahm der Nahrungsmittelkonzern für rund zwei Milliarden Euro die Sparte ?Medizinische Ernährung? von Novartis. Im April 2007 verkaufte Novartis den US-Babynahrungshersteller Gerber für umgerechnet vier Milliarden Euro an Nestlé. Nun also geht es mal andersherum, womit Brabeck und Vasella dokumentieren, dass ihre Beziehung keine Einbahnstraße ist.Dass sich alle drei Geschäfte wie Perlen an einer Schnur reihen und zusammenhängen, weisen Firmensprecher von sich. ?Jeder Vertrag ist individuell ausgehandelt?, behaupten sie. Sozusagen je eine Perle für sich, welche die Goldschmiede Vasella und Brabeck da eingefasst haben.Den Beifall dafür genießen beide. Vasella braucht ihn dringender als Brabeck. Der studierte Arzt, der irgendwann anfing, Rezepte zu erfinden, statt sie zu verschreiben, steht unter Druck, weil der Aktienkurs von Novartis seit Jahren bröckelt. Schon als 2004 der deutsch-französische Pharmakonzern Aventis zu haben war, stand Vasella in den Startlöchern, ließ sich aber vom französischen Widerstand abschrecken. Seither löchern ihn die Aktionäre und wollen wissen, in welche Richtung Novartis wachsen will.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Brabeck und der "Absolutismus"Vasella reagiert zunehmend dünnhäutig. Interviews werden spärlicher. Vorbei sind die Zeiten wie damals vor acht Jahren, als sich Greenpeace Zugang zu seinem Anwesen am Zuger See verschafft, dort Lautsprecher aufbaut und lauthals gegen die Umweltpolitik des Pharmakonzerns protestiert. Super-Dan bleibt cool, kocht Kaffee, tischt frische Kipferl auf und versichert, das Problem zu lösen.Auch Brabeck hat die Untiefen des Managerlebens ausgelotet. An diesem Donnerstag wird er planmäßig als Konzernchef von Nestlé abtreten, er bleibt Verwaltungsratspräsident ? ihn zur Aufgabe seiner Doppelfunktion zu bewegen, war allerdings ein steiniger Weg. ?Absolutismus? hielten Aktionäre dem doppelten Brabeck vor. Die Diskussion könnte auch Vasella noch erreichen, der ebenfalls beide Ämter auf sich vereinigt.Schlimm? Zumindest nichts Neues. Wer bei Ranke nachschlägt, findet in seiner Sammlung großer historischer Persönlichkeiten vor allem absolutistische Herrscher.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Der Wirtschaftswissenschaftler und der Arzt Zwei Karrieren in Schweizer Weltkonzernen Peter Brabeck-Letmathe 1944Er wird am 13. November in Villach/Österreich geboren. Peter Brabeck beginnt 1968 nach dem Wirtschaftsstudium in Wien als Verkäufer bei einer Nestlé-Eisfirma. Er arbeitet später wegen seiner Sprachkenntnisse vor allem in Südamerika.1987Er kommt als Vizepräsident der Sparte Kulinarische Produkte in die Nestlé-Zentrale in Vevey.1992Brabeck wird Vizepräsident des Konzerns.1997Er wird in den Verwaltungsrat gewählt und wird Chief Executive Officer (CEO).2005Er wird auch Chairman.Daniel Vasella 1953Er wird am 15. August in Fribourg/Schweiz geboren. Daniel Vasella schließt später sein Medizinstudium in Bern mit dem Doktortitel ab und absolviert eine Management-Ausbildung an der Harvard Business School. Er arbeitet danach als Arzt.1988Er geht für den Pharmakonzern Sandoz in die USA. Später steigt er in die Konzernleitung auf.1996Vasella wird bei der Gründung von Novartis (aus Sandoz und Ciba-Geigy) Vorsitzender der Geschäftsleitung und Mitglied des Verwaltungsrats.1999Im April wird er auch Präsident des Verwaltungsrats.
Dieser Artikel ist erschienen am 08.04.2008