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Biertrinken gehört zum Geschäft

Finn Mayer-Kuckuk. Foto: Pixelio.de
Christian Schmitz leitet die Hülsta-Niederlassung in Tokio - und hat für seine Firma einen deutsch-japanischen Führungsstil entwickelt.
Manchmal tut Christian Schmitz nur so, als ob er kräftig mittrinkt. "Das Bier nach Feierabend ist in Japan Teil des Relationship Managements. Aber ich will am nächsten Tag einen klaren Kopf behalten und meinen Fitnessplan nicht gefährden", sagt der 36-jährige Chef der japanischen Niederlassung des Möbelherstellers Hülsta. "Japaner sind konsensorientiert und vermeiden tagsüber Konfrontationen. Erst abends unter Alkoholeinfluss hört der Chef dann die Beschwerden." Um nicht als Spielverderber aufzufallen, helfen die örtlichen Sitten: Kneipenbesucher gießen sich pausenlos gegenseitig ein - leeren die Gläser aber nie.

An die Rolle als Chef von Japanern ist Schmitz gewöhnt. Im Jahr 2003 schickte ihn BASF als Abteilungsleiter in das Inselreich. Da war er 31, und seine sechs Untergebenen waren Japaner - und alle älter als er. Eigentlich undenkbar, dass der Jüngere dem Älteren sagt, wo es langgeht. "Doch wenn man sich wirklich auf das Land einlässt, dann kann man sich nach und nach Respekt erarbeiten", sagt Schmitz. Es sei aber wichtig, sich mit den Gepflogenheiten auszukennen und Japanisch zu sprechen. Doch auch nach außen sind persönliche Kontakte in Japans Arbeitswelt besonders wichtig. In seiner Zeit bei BASF erwarb er sich das Vertrauen eines Schlüsselmanagers in einem japanischen Partnerunternehmen. Schmitz gelang über diesen Kontakt die Einführung einer neuen Produktgruppe auf dem japanischen Markt.

Die besten Jobs von allen


Der Chef bei Hülsta Japan gibt eine deutsche Arbeitshaltung vor - und die unterscheidet sich deutlich von den Sitten Nippons. In japanischen Unternehmen sind Überstunden immer noch Pflicht. Eine Folge: Viele Angestellte bleiben länger, sind aber unproduktiv. Bei Hülsta dagegen sollen die Mitarbeiter zügig arbeiten und rechtzeitig nach Hause gehen. Auch Schmitz achtet darauf, ein Leben neben der Arbeit zu haben. Er fährt Snowboard und verreist mit seiner japanischen Frau. Privatleben und Beruf sind jedoch nur schwer zu trennen: Aus Geschäftskontakten entwickeln sich oft Freundschaften.

Das kann auch zu Problemen führen. Ein befreundetes Ehepaar stellte Schmitz kürzlich einen Bekannten vor, dessen Verwandter Interesse daran zeigte, Hülsta-Möbel zu vertreiben. Letztlich aber durfte das Geschäft nicht zustande kommen. Der Verwandte war bei dem Bekannten in Ungnade gefallen, und das befreundete Ehepaar sagte verärgert eine Einladung bei Schmitz ab. Er hätte ihr Vertrauen missbraucht. "Manchmal sind die Beziehungen sehr tiefgründig, und die Zusammenhänge sind praktisch nicht zu verstehen."

Der Manager hat Wirtschaftswissenschaften und ostasiatische Regionalwissenschaften in Duisburg studiert. Vor elf Jahren kam er das erste Mal nach Japan - als Praktikant bei Bayer. Zurück in Deutschland setzte er alles daran, möglichst schnell nach Japan zurückzukehren. Das Leben hier empfindet er als einfach und angenehm. Die Preise in Tokio sind zwar hoch, wegen des niedrig stehenden Yen derzeit aber nicht viel höher als in deutschen Großstädten. Einzige Ausnahme: die Monatsmieten für eine Wohnung. Je nach Lage fängt der Markt für eine schöne, zwischen 80 und 110 Quadratmeter große Wohnung bei etwa 2200 Euro an. Aber auch von 6000 Euro für eine Expat-Wohnung ist häufig zu hören.

Leben und arbeiten in Japan

Wichtigste Firmen: Japanische: Toyota Motor, Honda Motor, Panasonic, Sony, Mitsubishi (Handel).

Deutsche: Bosch, Bayer, DHL, Nippon-Boehringer Ingelheim, SAP.

Wichtigste Regionen: Kanto (Tokio, Yokohama, Saitama), Kansai (Osaka, Kioto, Kobe), Fukuoka, Hiroshima, Sapporo.

Durchschnittsgehalt: Ein japanischer Berufseinsteiger verdient 750 bis 1250 Euro im Monat; es gibt keine MBA-Schule von internationalem Rang.

Freizeit: Das Nationalgericht Sushi (Nigiri und Maki plus Suppe) kostet im Restaurant um die Ecke 16 Euro, im In-Restaurant "Shirokane Fukuda" 95 Euro. Täglich nutzen 3,5 Millionen Menschen Tokios Bahnhof Shinjuku.
Dieser Artikel ist erschienen am 03.04.2008