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Bewegliches Urgestein

Von Martin Buchenau
Seit 34 Jahren arbeitet Hans-Georg Härter beim Autozulieferer ZF ? jetzt sitzt er im Chefsessel. In nur einer Amtszeit will er das Unternehmen strategisch neu ausrichten.
Der 61-Jährige Hans-Georg Härter hat den Vorsitz des Vorstandes von ZF in Friedrichshafen übernommen. Foto: dpa
STUTTGART. Wenn Hans-Georg Härter bei schönem Wetter mit dem Privatjet nach Friedrichshafen von einer seiner vielen Dienstreisen zurückkehrt, dann liegt ihm beim Landeanflug die Welt zu Füßen. ?In zehn Minuten bin ich zu Hause?, freut sich Härter.In einer der schönsten und abwechslungsreichsten Landschaften Deutschlands mit Bodensee und Alpen ist der Vorstandschef des Automobilzulieferers ZF Friedrichshafen der mächtigste Manager weit und breit. 55 000 Beschäftigte erzielen weltweit rund zwölf Mrd. Euro Umsatz mit Getrieben und Fahrwerkskomponenten. Nur Bosch und jetzt Continental/Siemens VDO sind deutlich größer.

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Die Gefahr abzuheben besteht bei dem gebürtigen Hessen nicht. Das mag daran liegen, dass der Manager mit stattlicher Figur nach 34 Jahren im Unternehmen getrost als ZF-Urgestein bezeichnet werden kann. Zudem kam er erst spät zu höchsten Ehren. Seit dem Jahreswechsel führt der 62-Jährige den drittgrößten deutschen Automobilzulieferer. Er schulterte zuvor als Chef von ZF Sachs die Integration der größten Übernahme in der Firmengeschichte.Als es um die Nachfolge seines Vorgängers Siegfried Goll ging, wurde auch extern nach Kandidaten gesucht. An Härters Meriten konnte das Unternehmen im Stiftungsbesitz letztendlich aber nicht vorbeisehen. Zwar wurde die Entscheidung von außen als konservativ und langweilig gedeutet. Aber es wurde auch als typisch angesehen, gilt ZF doch ein wenig als behäbig.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Ich bin kein Ankündigungsmanager?Von Anfang an war klar: Härter hat nur eine Amtsperiode. ?Aber ich bin kein Ankündigungsmanager, ich bin ein Umsetzungsmanager?, sagt Härter trocken von sich selbst. Im Augenblick heißt das viel reisen. Es geht ihm um einen einheitlichen Auftritt des Konzerns vor allem im Ausland. Denn Sachs, Boge, Lemförder ? alle ZF-Sparten kochen noch allzu oft ihr eigenes Süppchen. Ein weiterer Grund für seine Reisen sind wichtige Kontakte zu den Kunden der Autoindustrie. Denn die Probleme der großen US-Kunden können nur durch Neugeschäfte vor allem mit Koreanern und Japanern kompensiert werden. Härter weiß, dass vor allem die Japaner Jahre brauchen, bis sie einem Zulieferer große Aufträge zutrauen. Den Prozess kann man allenfalls beschleunigen, wenn der Chef persönlich erscheint. Nur das kommt an.Nach großer Strategie klingt das noch nicht. ?Warten Sie doch ab?, sagt Härter. ?Wir werden in meiner Amtszeit ZF für die nächsten zehn bis 15 Jahre neu strategisch ausrichten.? Grundsätzliche Entscheidungen stehen an. Was passt horizontal oder vertikal noch zum Antriebsstrang und Fahrwerk in der Autobranche?Bislang ist ZF mit seiner Technik auf die Auto- und Nutzfahrzeugindustrie fixiert und nicht in stationären Anlagen wie etwa Windkraftanlagen vertreten. Auch Elektronik wird immer wichtiger. ZF fühlt sich auch stark genug für eine größere Übernahme. Aber vom Fall Continental Siemens VDO will ZF sich nicht anstecken lassen. Denn derzeit werden die Preise in der Branche vor allem durch die Beteiligungsunternehmen in die Höhe getrieben.In wenigen Monaten soll klar werden, wohin die Reise bei ZF in den nächsten Jahren geht. Noch wägt Härter ab. Aber wenn sich der Umsetzungsmanager erst einmal für eine neue Richtung entscheidet, wird er nicht so leicht aufzuhalten sein, urteilen Kollegen und Geschäftspartner.Es muss ja nicht gleich eine große Übernahme sein. Partiell arbeitet ZF mit den Großen bereits vorbildlich zusammen. So werden Lenksysteme im Joint Venture mit Bosch gebaut, den Antriebsstrang für Hybridmotoren entwickelt ZF mit Conti, die Steuerungselektronik dafür kommt aus Hannover. Wenn es beiden Seiten nützt, sieht Härter derartige Kooperationen pragmatisch.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Härter zu unterschätzen, wäre ein FehlerHärter zu unterschätzen, nur weil er lieber bequeme Schuhe trägt und mit seiner Korpulenz gemütlicher wirkt als sportlich gestählte Konzernchefs in feinen Brioni-Anzügen, wäre ein Fehler, urteilen Branchenkenner. Denn Härter kennt nicht nur die Getriebe von ZF in- und auswendig, sondern er hat auch das globale Geschehen im Blick. So sitzt er am Tisch, wenn Russlands Präsident Putin vor deutschen Unternehmern verkündet: ?Wir Russen werden nach Europa kommen. Diesmal nicht mit Kalaschnikows, sondern mit unserem Geld. Und wir werden nicht aufzuhalten sein.?Solche markigen Sätze bleiben haften. Und Härter weiß auch, dass der chinesische Staat auf Milliarden Währungsreserven sitzt, die er bisher noch nicht zu Akquisitionen verwendet hat. Als Stiftungsunternehmen ist ZF vor Übernahmen gefeit, aber nicht vor den unberechenbaren Auswirkungen der Weltpolitik auf den Märkten.Eher Seltenheitswert dürfte es haben, dass ein Vorstandschef quasi von Beginn seiner Amtszeit an den klaren Auftrag hat, einen Nachfolger aufzubauen. Aber Härter spricht auch über dieses Thema nüchtern und unprätentiös. Dabei hat der ZF-Chef mitunter ein strenges Auge. Allzu flapsig und forsch auftretende Jungmanager bekommen da schon mal eins zwischen die Hörner. ?Wenn sie schon über Konzernstrategie reden, sollten sie auch den richtigen Umsatz nennen.? Härter sieht solche Aktionen pädagogisch fürsorglich und mit eigenem Humor.?Das Auge des Herrn macht die Kühe fett?, erklärt Härter seine väterliche Strenge mit einem Augenzwinkern. Sie kommt nicht von ungefähr. Härter selbst hat zwei Söhne. Einer von ihnen ist Unternehmensberater bei Porsche Consulting und lebt in Asien, der andere arbeitet im Konzern.In Friedrichshafen hat sich Härter mitten in der Stadt eine Wohnung genommen. Das Haus der Familie steht in Passau, wo sich der Techniker ohne akademische Weihen in 30 Jahren bis zum Chef der Bau- und Landmaschinensparte hinaufarbeitete.?Härter lebt für die ZF rund um die Uhr?, sagt einer seiner Weggefährten ? manchmal auch ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit. Sein Herzblut hänge an dem Laden ? im wahrsten Sinn des Wortes.Vor Jahren steckte Härter eine schwere Herzoperation innerhalb von sechs Wochen weg. ?Ich bin dadurch etwas ruhiger geworden und nicht mehr ganz so ungeduldig wie früher?, sagt er und geht unbeirrt seiner Arbeit nach.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Vita von Hans-Georg HärterVita von Hans-Georg Härter1945 wird Härter im hessischen Bensheim geboren und absolviert zunächst eine Ausbildung als Maschinenschlosser. Im Anschluss erlangt er den Abschluss als ?staatlich geprüfter Techniker?. Später studiert er an der Akademie Meersburg mit Abschluss ?Technischer Betriebswirt?.1973 wechselt er zu ZF Passau in die Abteilung Wertanalyse und Methoden.1982 steigt Härter schnell zum Abteilungsleiter auf und wird fünf Jahre darauf Fachabteilungsleiter im Bereich Wertanalyse und Methoden.1991 rückt Härter in die Geschäftsführung von ZF Passau auf.1994 wird er Mitglied der Unternehmensleitung der ZF Friedrichshafen AG und Vorsitzender der Geschäftsführung der ZF Passau GmbH.2007 wird Härter Vorstandsvorsitzender der ZF Friedrichshafen und damit Konzernchef.
Dieser Artikel ist erschienen am 15.08.2007