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Bevor der Makler dreimal klingelt

Ulrike Heitze
Der zweite Teil des karriere-Finanzguides für Berufseinsteiger erklärt, welche Versicherungen zum Jobstart wichtig sind und welche Policen erst mal warten können. Wir sagen Ihnen, was Sie über Berufsunfähigkeitsrente, Haftpflichtversicherung, Krankenkassen und Zusatzversicherungen wissen sollten.
Sie haben ja Recht - die zwei Dutzend Versicherungsmakler, die einem Hochschulabsolventen die Bude einrennen, noch ehe der sein Diplom in der Hand hält: Jetzt, da bald das erste Gehalt eintrudelt, wäre doch der richtige Zeitpunkt, sich mal dem Thema Versicherungen zu widmen. - Stimmt! Die Gelegenheit ist günstig, nur die Palette der "absolut lebensnotwendigen" Policen ist kleiner, als die Herren Berater gerne vorgeben.
Ein Berufseinsteiger mit schmalem Budget braucht sich fürs Erste nur um drei Baustellen zu kümmern: die Absicherung seiner Arbeitskraft, seiner Gesundheit und seines Geldbeutels. Die restlichen Risiken kann er bei Bedarf getrost später angehen, wenn das Gehalt üppiger fließt.

Serie:
Finanzguide für Einsteiger
Alle Basics zu Geld, Vermögen, Vorsorge
Teil 1 in karriere 05/06: Steuern
Teil 2 in karriere 06/06: Versicherungen
Teil 3 in karriere 07/06: Finanzen und Vorsorge
Die Arbeitskraft auffangen
Nachdem der Gesetzgeber 2001 die Berufs- und Erwerbsunfähigkeitsrente tüchtig reformiert hat, haben junge Arbeitnehmer von staatlicher Seite so gut wie keine finanzielle Unterstützung mehr zu erwarten, wenn sie im Laufe ihres Berufslebens ihren Job gar nicht oder teilweise nicht mehr ausüben können. Die Einstiegshürden sind so hoch und die Leistungen so niedrig, dass man damit nicht ernsthaft kalkulieren sollte.
Da die 1 000 bis 2 000 Euro, die auch ein Kranker monatlich braucht, aber irgendwoher kommen müssen, tun Berufseinsteiger gut daran, ihr Verdienstausfallrisiko über eine private Berufsunfähigkeits-(BU-)Police aufzufangen. Tritt der Worst Case ein, zahlt diese Versicherung eine monatliche Rente in vereinbarter Höhe. Wie hoch man diese bei Vertragsabschluss ansetzen sollte, hängt von der persönlichen Finanzausstattung an: Wer regelmäßig sonstige Einkünfte, etwa Mieten, Zinsen oder eine Rente aus einem Versorgungswerk, zu erwarten hat, kann niedriger dimensionieren als jemand, der sein Leben allein aus einer BU-Rente bestreiten müsste. Das volle aktuelle Nettoeinkommen abzusichern, wird schwer fallen, stellt die Verbraucherzentrale NRW fest. Solche Summen versichern die Unternehmen ungern. Zwei Drittel bis drei Viertel des Nettogehalts seien eher möglich.
BU-Policen in dieser Höhe sind nicht billig: Für 1 500 Euro Rente zahlen 30-Jährige mit guter Gesundheit gut 1 000 Euro Beitrag pro Jahr. Da die Einstiegspreise mit zunehmendem Alter und schlechterer Gesundheit klettern, ist es sinnvoll, sich früh um eine Police zu bemühen. Der Preis sollte aber nur die zweite Geige spielen, wichtiger sind bei so lang laufenden und elementaren Verträgen die Güte des für Laien verzwickten Vertragswerkes und die Qualität des Versicherungsunternehmens.
Berufseinsteiger, die aus ihrer Studentenzeit eine Berufs- oder Erwerbsunfähigkeitsversicherung haben, sollten sich zügig nach Studienende bei der Versicherung um eine Umstellung der Police bemühen. Die meisten Verträge sehen nur eine begrenzte Karenzzeit vor, innerhalb derer man eine Aufstockung der BU-Rente ohne erneute Gesundheitsprüfung verlangen kann

Die besten Jobs von allen


Schäden bezahlbar machen
Das Bürgerliche Gesetzbuch ist eindeutig: Wer anderen schuldhaft einen Schaden zufügt, muss dafür geradestehen. Und das kann ganz schön teuer werden: wenn beispielsweise nach einem Skiunfall das Opfer lange Zeit nicht arbeiten kann und der Verursacher für dessen Lebensunterhalt sorgen muss, oder wenn bei der wilden Party beim Nachbarn eine teure Vase zu Bruch geht. Deshalb ist eine private Haftpflichtversicherung dringend angesagt.
Der Bund der Versicherten empfiehlt Policen mit einer Deckungssumme von mindestens drei Millionen Euro. Ab fünf Millionen aufwärts wären ideal. Mit einer kleinen Selbstbeteiligung kann man die ohnehin niedrigen Kosten noch mal drücken. Einige Euro teurer ist die Ergänzung um eine Forderungsausfalldeckung: Dann springt die eigene Versicherung ein, wenn man selbst geschädigt wurde, die Gegenseite aber - trotz vollstreckbaren Titels - nicht in der Lage ist, den Schaden zu begleichen. Da immerhin 40 Prozent aller deutschen Haushalte nicht haftpflichtversichert sind, ein überdenkenswerter Schutz



Gesundheit finanzieren
Endet das Studium, ist Sense mit den Studententarifen für die Gesundheit. Wer bislang gesetzlich krankenversichert war, kann in seiner Kasse bleiben, muss sich aber auf die höheren, einkommensabhängigen Beiträge umstellen lassen. Verzögerungstaktik bringt keinen Preisvorteil, Bummler zahlen nach.
Das Gros der Berufsanfänger bleibt beim Gehalt unter der Versicherungspflichtgrenze von 3 937,50 Euro pro Monat, wird also zwangsweise Mitglied in einer gesetzlichen Krankenkasse (GKV). Ein Wechsel innerhalb des Systems ist mit einer Kündigungsfrist von zwei Monaten möglich.

Grundsätzlich ist das Leistungsspektrum der rund 250 Krankenkassen bei Behandlungsmethoden und Medikamenten gleich, weil per Gesetz vorgegeben. Die Auswahl der passenden Versicherung über den Preis ist also erst mal nicht verkehrt. Die teuersten Kassen berechnen derzeit 14 bis 14,5 Prozent; die günstigsten bundesweiten Anbieter - die IKK-Direkt und die BIG - zwölf und 12,1 Prozent vom Einkommen.
Der Preis muss allerdings nicht das einzige Entscheidungskriterium sein, denn zunehmend unterscheiden sich die Kassen durch ihr Beiwerk: Einige bieten medizinische Beratungshotlines, spezielle Schulungsprogramme für Schmerzpatienten oder ein Kostenerstattungswahlrecht. Wer darauf Wert legt, muss seine Billigkassenauswahl dahingehend noch mal überpüfen. Berufseinsteiger, die während ihres Studiums privat krankenversichert waren, wechseln als Arbeitnehmer trotzdem in die Gesetzliche, sofern sie weniger als 3 937,50 Euro monatlich verdienen. Steigt das Gehalt später oder machen sie sich selbstständig, können sie wieder bei der Privaten (PKV) anklopfen. Um nach der Interimszeit in der GKV wieder zu den alten Konditionen bei der PKV genommen zu werden, kann der Abschluss einer Anwartschaftsversicherung sinnvoll sein. Die kleine Variante dieser Police garantiert die Rückkehr ohne erneute Gesundheitsprüfung, allerdings zum neuen und damit teureren Eintrittsalter. In der großen Variante wird das ursprüngliche Eintrittsalter übernommen

Eine Anwartschaftsversicherung rentiert sich dann, so Sabine Erber vom Verband der privaten Krankenversicherung, wenn die Rückkehroption maximal zwei bis drei Jahre entfernt ist. Über längere Zeiträume wird sie schlicht zu teuer. Zurzeit ähnelt die Überbrückungspolice darüber hinaus einem Pokerspiel: Während es bei der voraussichtlich im nächsten Jahr kommenden Gesundheitsreform recht sicher ein Bleiberecht für PKV-Versicherte geben wird, ist ein Rückkehrrecht für GKV-Versicherte mit PKV-Anwartschaft selbst nach Aussagen des Verbandes höchst unwahrscheinlich. Wer die Rückkehr also bis zur Reform hinkriegt, fährt mit einer Anwartschaftsversicherung gut, die anderen hätten umsonst gezahlt

Gesundheitsschutz aufstocken
Trotz aller Streichungen im Gesundheitswesen kommt ein gesetzlich versicherter Kranker auch ohne Zusatzpolicen über die Runden und wieder zu Kräften. Dennoch kann es manchmal sinnvoll sein, die GKV-Leistungen über private Policen aufzupäppeln - und das auch zügig anzugehen, denn Jugend und Gesundheit bescheren niedrigere Beiträge. Grundsätzlich unterscheidet man stationäre, ambulante und Zahnzusatzversicherungen.
Die stationäre Zusatzpolice finanziert bei Klinikaufenthalten beispielsweise das Ein- oder Zweibettzimmer, die Chefarztbehandlung oder besondere Behandlungsmethoden. Da im OP-Fall mit Professorenbeteiligung schnell hohe Kosten zusammenkommen, die den eigenen Geldbeutel ordentlich strapazieren, ist die stationäre Zusatzpolice eine überdenkenswerte Ergänzung. Sie kostet einen gesunden jungen Versicherten 30 bis 50 Euro pro Monat

Die ambulante Variante gibt es in unzähligen Zusammenstellungen. Am besten machen sich Interessenten erst ihre Bedürfnisse klar, bevor sie mit der Suche loslegen: Brauchen sie wirklich jemanden, der die Brille finanziert? Wollen sie einen Heilpraktiker aufsuchen und können die Kosten nicht selbst tragen? Wie wichtig ist der erleichterte Zugang zu Psychotherapeuten? Frei nach Schnauze bestücken kann ein Kunde seinen Tarif zwar nicht, aber darauf achten, dass im Paket möglichst wenige überflüssige Leistungen enthalten sind.
Ähnlich zwiespältig sind Zahnzusatzversicherungen zu sehen. Auch wenn einem die Versicherer gern anderes weismachen: Der normale Zahnersatz ist zumindest zurzeit noch in der GKV mitversichert. Und wer alle Jubeljahre Kronen, Brücken oder andere Zahnprothesen braucht, kann das Geld dafür auch in Eigenregie sukzessive ansparen. Ob sich eine Zahnzusatzpolice rentiert und wie teuer sie ausfällt, ist daher nicht zuletzt eine Frage des Zahnzustandes. Ein Gespräch mit dem Zahnarzt kann da hilfreich sein. Policen, die die Zuzahlung der GKV um die Hälfte aufstocken, sind jedenfalls teurer Unfug. Die Leistung der Privaten sollte von der GKV entkoppelt sein

Die Kooperationsangebote der eigenen Kasse mit einem bestimmten privaten Versicherer sind oft günstiger als die fremder Unternehmen. Aber: Wechselt der Versicherte mal seine Krankenkasse, wird er in der privaten Zusatzpolice umgetopft in einen Nichtkooperationstarif - und der muss dann längst nicht mehr günstig sein. Unterm Strich muss sich jeder Berufstätige fragen, ob er immer das große Menü braucht - und bezahlen kann - oder ob es auch mal der Salatteller tut

Dieser Artikel ist erschienen am 06.07.2006