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Bete und arbeite

Claudius Nießen
Foto: www.atelier-goral.de
Stille. Eigentlich ist das alles, was ein Student zum Lernen braucht. Wie wäre es, für ein paar Tage in eins der 200 Klöster zu gehen, die Gäste beherbergen? Claudius Nießen wollte es wissen und hat sich in die Eifel aufgemacht. In Heimbach gibt es das einzige Trappistenkloster Deutschlands, die Abtei Mariawald. Dort haben Mönche Schweigepflicht.
Im Bus treffe ich eine Freundin von früher. Wir haben uns lange nicht gesehen, und sie hat einiges zu erzählen. ?Was machst du jetzt so?", fragt sie noch, als ich aussteigen muss. ?Ich gehe morgen ins Kloster", sage ich und werde ernst, denn ich habe meinen Koffer immer noch nicht gepackt. Und in den letzten Tagen statt politische Theorien für die Klausur auswendig zu lernen, nur im Café gesessen und Milchkaffee getrunken.Gerade habe ich die Haustür aufgeschlossen, da klingelt das Telefon. Es ist Marcus. ?Alles okay mit dir?", fragt er ohne Einleitung. ?Ja", sage ich und stutze ein wenig. ?Wieso fragst du?" Es entsteht eine Pause. ?Sag mal", setzt Marcus an, ?ich habe gehört, du gehst ins Kloster?" ?Ja", sage ich. ?Für zwei oder drei Tage. Zum Lernen." ?Ach so", sagt Marcus und klingt erleichtert. Und: ?Ich dachte schon..." Was er dachte, sagt er nicht, dafür verabreden wir uns für später auf ein Bierchen.

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Am nächsten Morgen, neun Uhr dreizehn, stehe ich verschlafen auf dem Parkplatz vor dem Kloster Mariawald. Ich bin zu früh. Die Klosterpforte wird erst um Viertel vor zehn geöffnet. In meinem Kopf hämmert es. War wohl eins zuviel, gestern mit Marcus. Auf einem blässlichen Schild warnen Weißer Ring und Polizei: Lassen Sie Ihre Wertsachen nicht im Auto! Irgendwie wirkt das respektlos. Hier, keine zehn Meter von der Klosterpforte entfernt. Schließlich hat der da oben bestimmt gerade hier ein Auge auf alles.Um das Kloster führt eine weiß getünchte Mauer. Was sich dahinter verbirgt, lässt sich nicht erkennen. Aber irgendjemand ist dort. So viel ist sicher. Ich höre Schritte auf losem Kies. Das Hauptgebäude und die Kirche haben schon ein paar Jahrhunderte auf dem Buckel. Hier und da gibt es einen neueren Anbau. Im Klosterladen, einem geduckten Betonkasten oberhalb des Klosters, sind die Gitter noch unten. An der Tür pappt ein Aufkleber. Visa, Maestro und Geldkarte sind säuberlich mit rotem Edding ausgekreuzt.Die letzte SMS - und dann ohne Draht zur AußenweltIch setze mich auf die Treppenstufen. Schreibe noch schnell eine letzte SMS. Dann mache ich das Handy aus und vergrabe es für drei Tage im Koffer. Laptop ja, Handy nein, hatte der Mensch am Telefon gesagt. Klöster haben klare Regeln. Neben der Klosterpforte hängt ein graues Münztelefon. Benutzen lässt es sich nicht. Es sei denn, jemand hat zufällig noch Zehnpfennigstücke in der Hosentasche. Daneben ein leicht verbeulter Devotionalienautomat, der Andenkenpostkarten auswerfen soll ? für eine Mark. Irgendjemand hat aus Pappe eine Glocke ausgeschnitten und über den Klingelknopf geklebt.Ein Angestellter öffnet die Türe. Scheint kein Mönch zu sein. Er hat keine Kutte an. Seine Stimme kenne ich vom Telefon. Er bringt mich hinauf in den Gästetrakt. Ein langer Flur im ersten Stock. Ich bekomme Zimmer vier. Das einzige Raucherzimmer von einem guten Dutzend Gästezimmern. Drinnen ein Schrank, ein Bett, Stuhl, Schreibtisch, Waschbecken. Spartanisch, aber nicht ungemütlich. Der Angestellte erklärt mir, wie ich in den Speisesaal finde und dass es nicht gerne gesehen wird, wenn man nicht zu den Gebetszeiten in der Kirche erscheint. Dann bin ich alleine. Eigentlich könnte ich ja jetzt mal anfangen, ein wenig zu lernen.Ich krame in meinem Koffer nach den Büchern. Dummerweise entdecke ich auf dem Schreibtisch eine Bibel und den Mariawalder Psalter mit den Gebeten, die sie hier lesen. In dem Gebetbuch steckt ein loses Blatt: die Tagesordnung. Die Eckdaten sind gewöhnungsbedürftig. Um Viertel nach vier die erste Gebetszeit. Nachtruhe um acht. Das nennt man, glaube ich, unchristliche Zeiten. Dazwischen gibt es drei Mahl- und sechs weitere Gebetszeiten. Ich mache eine Rechenübung: Abzüglich Gebets- und Mahlzeiten sollten mir pro Tag immer noch gut sechs Stunden zum Lernen bleiben. Ich krame in meinem Koffer nach dem Wecker. Vergessen. Lege mich aufs Bett. Nur kurz. Dann aber Bücher auspacken. Schließlich bin ich zum Lernen hier.Meine erste Gebetszeit am Vormittag verschlafe ich glatt. Zur zweiten wache ich auf, weil zwei Düsenjets im Tiefflug über das Kloster donnern. Krieg und Frieden liegen hier in Hörweite voneinander entfernt. Ganz in der Nähe ist der Truppenübungsplatz Vogelsang. Die Mönche haben schon mit ihrem Gebet angefangen, als ich in die letzte Bankreihe schlüpfe. Bei der fünften Textstrophe werde ich ganz hibbelig: Jetzt, genau jetzt, könnte ich wunderbar lernen.Auf dem Weg zurück in mein Zimmer begegnet mir auf dem Flur ein Mönch mit einem Glas Orangensaft in der Hand. Er grüßt schweigend und geht vorbei. ?Schweigsamkeit soll man eigentlich immer üben", hat mir Bruder Fabian gesagt. Er bereitet die Messen vor. Und: ?Reden ist Silber, Schweigen ist Gold." Das gilt auch für Gäste. Bruder Fabian ist seit 45 Jahren im Kloster. Mit 18 Jahren ist er nach Mariawald gekommen. Seine Stimme klingt angenehm. Er spricht leise und ruhig.Bis zum Abendessen bleibe ich auf meinem Zimmer und schreibe auswendig gelernte Definitionen runter. Im Speisesaal treffe ich auf die anderen Gäste. Allesamt ältere Herren, die vom Job, von der Familie oder den Nachbarn ausspannen wollen. Dunkle Pullover, graue Haare, höflich. Das typische Kirchenpublikum. Wir essen getrennt von den Mönchen. Reichen uns Schinken, Käse und die blaue Tupper-Dose mit dem Brot. Eigentlich soll geschwiegen werden beim Essen. Aber das klappt nicht ganz. Sind ja alles Rheinländer.Ich verabschiede mich zum Lernen auf mein Zimmer. Die Nachtruhe kommt schnell, das Licht wird gelöscht. Wenn ich ehrlich bin, habe ich nichts dagegen. Hinter der Türe mit dem Schild ?Klausur. Kein Zutritt für Gäste" liegen jetzt auch die zwanzig Mönche in ihren Zellen und schlafen.Um vier Uhr fünf hämmert es gegen meine Tür. Mein Zimmernachbar. Ich habe ihn gebeten, mich zur Gebetszeit zu wecken. In der Kirche brennen nur wenige Lampen. Die Mönche erkennt man im Halbdunkel schemenhaft. Zu den Gebetszeiten tragen sie weiße Kutten mit viel zu langen Ärmeln, sonst graue Gewänder. Laute Töne klingen durch die Kirche. Kommen von einer kleinen Elektroorgel. Die hat mir Pater Fabian gezeigt. Und mit einem Lächeln verraten, er habe auch schon mal die falsche Taste gedrückt. Mein Freund Philip hatte früher auch so eine Orgel. Irgendwo gab es eine Taste für Polizei-Sirenen und eine, die Laserkanonen machte. Diesmal drückt Pater Fabian die richtigen Tasten. Dann stimmen die Mönche ihren Gesang an. Meine Augen sind kleine Schlitze. Ich beschließe gelassen, nach dem Gebet noch mal ins Bett zu hüpfen.Es dämmert noch, als ich nach drei Tagen meinen Koffer die Treppe vom Gästehaus hinuntertrage. In den Gängen ist es still. Ich werfe einen Blick durch die Tür in den leeren Kreuzgang. Fühle mich wunderbar frisch und ausgeschlafen. Nur mit dem Lernen hat es vor lauter Beten nicht richtig geklappt. Aber so ausgeruht geht es zu Hause bestimmt besser. Und schließlich bleiben noch drei Tage bis zur Klausur. Wiederkommen werde ich trotzdem: wegen der Ruhe. Nicht unbedingt zum Lernen, aber vielleicht zum Nachdenken.Gut zu wissenAbtei Mariawald, 52396 Heimbach Tel.: 02 44.69 50-60, Fax -30, E-Mail: mariawald @mariawald.de, Internet: www.mariawald.de Kosten: So viel, wie der Aufenthalt dem Gast wert war.Klosterführer. Christliche Stätten der Besinnung im deutschsprachigen Raum. Grünewald Verlag, Mainz 2000, 15,23 Euro.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.06.2002