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Bessere Forschungsbedingungen in Deutschland

Über 70 deutsche Nachwuchswissenschaftler an führenden ausländischen Universitäten wie Cambridge, Yale, Princeton, Stanford und am MIT haben gemeinsam mit dem Magazin karriere eine Initiative zur Verbesserung der Lehr- und Forschungsbedingungen in Deutschland gestartet.
Das Manifest "Pro Science"
Die Liste der Erst-Unterzeichner
Rund 90 deutsche Nachwuchswissenschaftler an führenden ausländischen Universitäten wie Cambridge, Yale, Princeton, Stanford und am MIT haben gemeinsam mit dem Magazin karriere eine Initiative zur Verbesserung der Lehr- und Forschungsbedingungen in Deutschland gestartet. In einem Manifest ?Pro Science?, das nun dem Bundesbildungsministerium sowie den Wissenschaftsministerien der Länder vorliegt, fordern die 89 Erstunterzeichner eine leistungsgerechte Förderung von Forschung, bessere Karriereaussichten für Nachwuchsforscher, international offene Bewerbungsverfahren und die zeitliche Entlastung von Wissenschaftlern von Verwaltungsaufgaben, um ihnen mehr Raum für die Forschung zu geben. Auch Studiengebühren befürworten die Forscher, wenn sie den Hochschulen zu Gute kommen, und da, wo sinnvoll, die Wissenschaftssprache Englisch in Forschung und Lehre. Zudem soll die Karriere an den Hochschulen stärker von der individuellen Forschungs- und Lehrqualität abhängen. Zu den Initiatoren zählen unter anderem Martin Wikelski, Associate Professor in Princeton, Hans Hofmann, Forscher am Center for Genomics Research in Harvard sowie Christine Mehring und Bjoern Ewald, beide Assistant Professor in Yale.

Die besten Jobs von allen

Anlass der Initiative ist der seit Jahren anhaltende Verlust der besten Jung-Wissenschaftler ans Ausland ? vorwiegend an Universitäten in den Vereinigten Staaten, Großbritannien und der Schweiz. Zwar lässt sich die Abwanderung von deutschen Wissenschaftlern nicht beziffern, da sie nicht erfasst wird, doch schon die Einzeldaten zeigen das Ausmaß. Vier der fünf letzten deutschen Nobelpreisträger forschen in den USA. Jeder siebte Ex-Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die deutsche Top-Wissenschaftler im Ausland fördert, kehrt nicht zurück. Besonders groß ist der so genannte Braindrain in den innovationsträchtigen Natur-, Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften.?Handeln tut not, denn Wissenschaftler haben in Deutschland keine Lobby. Weder bringen sie viele Wählerstimmen, noch gehen sie auf die Straße und schlagen Krach?, begründet karriere-Chefredakteur Jörn Hüsgen die Initiative des Magazins. ?Wer mit seinen Arbeitsbedingungen und Karriereaussichten hierzulande unzufrieden ist, verschwindet still in andere Länder ? laut Expertenschätzung sind es aktuell allein 20.000 in den USA.?In der Februar-Ausgabe von karriere: Sackgasse Uni-Laufbahn. Was deutsche Nachwuchswissenschaftler aus Liebe zum Beruf in Kauf nehmen. Die Ausgabe erscheint am 27. Januar.Lesen Sie auf Seite 2: Das Manifest "Pro Science".

Manifest ?Pro Science?

Bessere Chancen für die Besten ? eine Initiative von karriere und deutschen Nachwuchswissenschaftlern im Ausland.

Was sich in Deutschland ändern muss:

1. Auswahl der Besten
Weg von: engen Stellenausschreibungen.
Hin zu: international offenen Bewerbungsverfahren.

Deutschland kann und muss die besten Köpfe der Welt anziehen. Dazu bedarf es internationaler Berufungskomitees mit mehrheitlich externer Besetzung. Das Komitee formuliert die Stellenausschreibung und wählt zügig den geeignetsten Kandidaten aus, in Beratung mit Frauenbeauftragten, Studentenvertretern und Verwaltung.

2. Karrierechancen für den Nachwuchs
Weg von: befristeten Verträgen ohne Perspektive.
Hin zu: Planungssicherheit gegen Leistung.

Nachwuchswissenschaftler brauchen eine Lebensperspektive. Vorbild ist das US-amerikanische ?tenure track?-Modell: Jeder junge Assistenz-Professor erhält nach fünf Jahren bei positiver Bewertung durch ein internationales Gremium eine feste Stelle. Die weitere Karriere an der Hochschule ist an individuelle Forschungs- und Lehrqualität gekoppelt.

3. Leistungsgerechter Wettbewerb
Weg von: Geldvergabe nach Gießkannenprinzip.
Hin zu: Förderung von Spitzenforschung.

Forschungsgelder müssen nach Leistung verteilt werden. Die jeweiligen Forschungsprojekte werden von unabhängigen Gremien nach international akzeptierten Kriterien alle drei Jahre evaluiert. Hochschulmittel gehen nicht wie bislang an einzelne Lehrstuhlinhaber, sondern an ?Departments?, d.h. Fachbereiche und Hochschulinstitute. Diese Form der Mittelvergabe fördert den internen und externen Wettbewerb. Konkurrierende Departments können sich durch die Anwerbung von Spitzenforschern zusätzlich stärken. Dadurch entstehen automatisch Exzellenzzentren.

4. Mehr Forschung
Weg von: Frontalunterricht und Bürokratie.
Hin zu: zeitgemäßer Lehre, gemeinsamer Forschung.

Professoren sollten grundsätzlich mehr Zeit haben zu forschen. Dafür müssen sie von Verwaltungsaufgaben entlastet werden und die Gelegenheit bekommen, sich in der Lehre auf ihr Spezialgebiet zu konzentrieren. Kleine Seminare und Forschungsgruppen sollten Massenvorlesungen ersetzen. Wenige große Seminare sollten didaktisch besser gestaltet werden.

5. Internationalität
Weg von: Ausgrenzung durch deutsche Hochschulsprache.
Hin zu: Wissenschaftssprache Englisch.

Professoren muss es an deutschen Hochschulen freigestellt sein, in Englisch zu unterrichten. In jedem Fach sollte es (mit sinnvollen Ausnahmen, z.B. Literatur-/
Sprachwissenschaften) einen durchgängig englischen Lehrplan geben. Deutschland profitiert vom Input der weltweit besten Studenten, die zudem ihr Leben lang Deutschland verbunden bleiben.

6. Studiengebühren
Weg von: Gratis-Studium ohne Leistungspflicht.
Hin zu: Qualität, die teurer ist, aber eingefordert werden kann.

Moderate Studiengebühren, die den Hochschulen zugute kommen, fördern exzellente Forschung und Lehre. Stipendien für finanziell schwache Studenten sind selbstverständlich. Wer zahlt, schafft an: Studenten gestalten die Universität mit und bewerben sich bewusst an der Hochschule, die ihren Idealen am besten entspricht. Im Gegenzug können Universitäten ihre Studenten aussuchen und werden finanziell flexibler.

Wenn Sie als Wissenschaftler die Initiative mit Ihrer Unterschrift unterstützen möchten, mailen Sie unter Angabe Ihres Namens, Position und Hochschule an: l.borghardt@vhb.de

Lesen Sie auf Seite 3: Die Liste der Erstunterzeichner.

Die Liste der Erst-Unterzeichner:

1. Suhny Abbara, Director of Cardiovascular Imaging, Massachusetts General Hospital/Instructor, Harvard Medical School; 2. Joachim M. Baehring, Assistant Professor, Yale University School of Medicine; 3. Winfried Barchert, Postdoc in Immunology, Washington University, St. Louis; 4. Söhnke M. Bartram, Assistant Professor, Dep. of Finance and Accounting, Lancaster University; 5. Ingrid Beckers, PhD Student, Dep. of Marketing, Maastricht University; 6. Andreas Bender, PhD Student, Unilever Centre for Molecular Science Informatics, University of Cambridge, UK; 7. Vera Blazevic, Assistant Professor, Dep. of Marketing, Maastricht University; 8. Halvard B. Bönig, Assistant Professor, Dep. of Medicine, University of Washington; 9. Redouan Bshary, Professor, Institut de Zoologie, Université de Neuchâtel; 10. Hannes Bülow, Associate Research Scientist, Dept. Biochemistry & Mol. Biophysics, Columbia University; 11. Lilian Busse, Researcher, Integrative Oceanography Div., University of California, San Diego; 12. Matthias Christandl, Research Fellow, Dep. for Applied Mathematics & Theoretical Physics, University of Cambridge, UK; 13. James Deschner, Assistant Professor, College of Dentistry, The Ohio State University; 14. Elisabeth Deutskens, Assistant Professor, Dep. of Marketing, Maastricht University; 15. Claus Dierksmeier, Associate Professor of Philosophy, Stonehill College, Easton; 16. Sonja Dieterich, Assistant Professor, Dep. of Radiation Medicine, Georgetown University, Washington; 17. Axel Emmerich, Fakultät für Chemie und Geowissenschaften, Geologisch-Paläontologisches Institut, Universität Heidelberg; 18. Martin Frank, IBM T.J. Watson Research Center, New York; 19. Peter Gallert, Senior Lecturer, Information Technology, Polytechnic of Namibia, Windhoek, Namibia; 20. Johannes Gehrke, Associate Professor, Dep. of Computer Sciences, Cornell University; 21. Kay Giesecke, Assistant Professor, Management Science & Engineering, Stanford University; 22. Markus Giesler, Assistant Professor, Schulich School of Business, York University, Toronto; 23. Reinmar Hager, Postdoc. Fellow, Faculty of Life Sciences, University of Manchester; 24. Michaela Hau, Assistant Professor, Dep. of Ecology & Evolutionary Biology, Princeton University; 25. Michael Hauptmann, Investigator, National Cancer Institute, Bethesda, Maryland; 26. Jochen Hellbeck, Assistant Professor, Dep. of History, Rutgers University, New Brunswick; 27. Marc Hesse, PhD Student, School of Earth Sciences, Stanford University; 28. Hans Hofmann, Fellow, Bauer Center for Genomics Research, Harvard University; 29. Michael Horn, PhD Student, Faculty of Economics, University of Cambridge (UK) und Harvard; 30. Sabine Hossenfelder, Department of Physics, University of California, Santa Barbara; 31. Stefanie Ickert-Bond, Boyd Postdoc. Fellow, Dep. Of Botany, The Field Museum, Chicago; 32. Dirk Jenter, Assistant Professor, MIT Sloan School of Management, Cambridge; 33. Walter Jetz, Assistant Professor, Div. of Biological Sciences, University of California, San Diego; 34. Thorsten Joachims, Assistant Professor, Dep. of Computer Science, Cornell University; 35. Ulrich Kaiser, Full Professor of Economics, University of Southern Denmark at Odense/Permanenter Forschungsprofessor, ZEW, Mannheim; 36. Martin Kampmann, Graduate Fellow, Laboratory for Cell Biology/Predoc. Fellow, Howard Hughes Medical Institute, The Rockefeller University, New York; 37. Matti Kiupel, Assistant Professor, Dep. of Pathobiology & Diagnostic Investigations, Michigan State University; 38. Michael S. Koeris, PhD Candidate, Dep. of Biology, MIT; 39. Konrad Koszinowski, Postdoc. Fellow, Dep. of Chemistry, Stanford University; 40. Roman Kräussl, Assistant Professor of Finance, Vrije Universiteit Amsterdam; 41. Kristin Ladell, Fellow, Immunology & Virology, The J. David Gladstone Institutes, San Francisco; 42. Florian Lennert, Leiter Strategische Forschungsentwicklung, London School of Economics & Political Science; 43. Jan Lipfert, Graduate Student, Dep. of Physics, Stanford University; 44. Matthias Loebe, Associate Professor of Surgery/Director Lung Transplant, Baylor College of Medicine, Houston, Texas; 45. Ulrike Malmendier, Assistant Professor of Finance, Stanford University; 46. Carlos Maltzahn, Assistant Research Computer Scientist, University of California at Santa Cruz; 47. Dirk Matten, Professor Business Ethics & Director Centre for Research into Sustainability, University of London; 48. Christine Mehring, Assistant Professor, History of Art, Yale University; 49. Ulrich G. Mueller, Associate Professor, Section of Integrative Biology, University of Texas at Austin; 50. Silvia Mittler, Professor, Dep. of Physics & Astronomy, University of Western Ontario; 51. James M. Ogle, Junior Research Fellow, Dep. of Biochemistry, University of Cambridge, UK; 52./53. Marcus&Christian Opp, PhD Students, Graduate School of Business, University of Chicago; 54. Philipp E. Otto, PhD Student, Dep. of Psychology, University of Warwick; 55. Thomas Prellberg, Reader, School of Mathematical Sciences, Queen Mary, University of London; 56. Alexander Rehding, Associate Professor, Dep. of Music, Harvard University; 57. Jörg Rocholl, Assistant Professor of Finance, UNC Kenan-Flagler Business School; 58. Maike Sander, Assistant Professor, Dep. of Developmental & Cell Biology, University of California, Irvine; 59. Otto Scharmer, Senior Lecturer, MIT Leadership Lab for Social Responsibility in Business; 60. Dietram A. Scheufele, Professor, School of Journalism & Mass Communication, University of Wisconsin-Madison; 61. Martin Schindler, Research Economist, IWF, Washington; 62. Karl Schmedders, Associate Professor of Managerial Economics & Decision Sciences, Kellogg School of Management; 63. Jens Schmidt, Visiting Research Fellow, Neuromuscular Diseases Section, National Institutes of Health, Maryland; 64. Silke Schmidt, Assistant Research Professor, Center for Human Genetics, Duke University; 65. Gerhard Schulmeyer, Professor, Sloan School of Management, MIT; 66. Andrea E. Schwarzbach, Assistant Professor & Curator of the Herbarium, Dep. of Biological Sciences, Kent State University; 67. Michael Seeling, Fakultät für Chemie und Geowissenschaften, Geologisch-Paläontologisches Institut, Universität Heidelberg; 68. Tanguy Seiwert, Fellow Hematology/Oncology, University of Chicago; 69. Karin Sigloch, PhD Student, Geosciences Dep., Princeton University; Marc Spehr, Postdoc. Fellow, School of Medicine, University of Maryland; 70. Torsten Staab, Team Leader, Homeland Defense Technologies, Los Alamos National Laboratory, New Mexico; 71. Ulrich Steidl, Research Fellow, Harvard Medical School; 72. Susanne Still, Assistant Professor, Dep. of Information & Computer Sciences, University of Hawaii; 73. Eva-Maria Strauch, Graduate Research Assistant, Dep. of Chemistry & Biochemistry, University of Texas at Austin; 74. Christiane Strohm, Exchange Visitor, Leventhal School of Accounting, University of Southern California, Los Angeles; 75. Michele Tertilt, Assistant Professor, Dep. of Economics, Stanford University; 76. Christian Terwiesch, Associate Professor, The Wharton School, University of Pennsylvania; 77. Stefan Thomke, Professor, Graduate School of Business Administration, Harvard University; 78. Eduard Toews, PhD Candidate & Visiting Lecturer in Architecture, University of Cambridge, UK; 79. Jens Vöckler, Research Scientist, Computer Science Dep., University of Chicago; 80. Claudia Voelckel, Molecular Ecologist, Dep. of Ecology, Evolution & Marine Biology, University of California, Santa Barbara; 81. Christine Vogel, Postdoc. Fellow, University of Texas at Austin; 82. Sonja Vorwerk, Fellow, Dep. of Plant Biology, The Carnegie Institution of Washington; 83. Thorsten Wagener, Assistant Professor, Civil & Environmental Engineering, The Pennsylvania State University; 84. Thomas Wahl, PhD Student, Dep. of Computer Sciences, The University of Texas at Austin; 85. Guenther Walther, Associate Professor, Dep. of Statistics, Stanford University; 86. Carola Wenk, Assistant Professor, Dep. of Computer Science, University of Texas at San Antonio; 87. Martin Wikelski, Associate Professor, Dep. of Ecology & Evolutionary Biology, Princeton University; 88. Caroline Wiertz, Assistant Professor of Marketing, Cass Business School, City University London; 89. Stephan Züchner, Assistant Professor, Center for Human Genetics, Duke University
Dieser Artikel ist erschienen am 15.09.2005