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Bescheidener ?Bankier der Armen?

Friedensnobelpreisträgerträger Mohammed Junus hat mit seiner Grameen Bank mehr als sechs Millionen Bangladeschers einen Weg aus ihrer Armut ermöglicht. Sein Rezept, für das er zunächst ausgelacht wurde, ist so einfach wie bestechend. Der Ex-Professor verleiht Kleinkredite an Bedürftige, fast alle davon sind Frauen.
HB NEU DELHI/DHAKA. Als bescheidener ?Bankier der Armen? aus Bangladesch hat sich Mohammed Junus weltweit einen Namen gemacht. Er will den Armen Hilfe zur Selbsthilfe geben, gemäß dem Prinzip: Wer dem Hungernden einen Fisch gibt, hilft ihm für einen Tag. Wer ihm das Angeln beibringt, hilft ihm für ein ganzes Leben. Zu seinen Bewunderern gehören - neben etlichen Menschen in seiner verarmten Heimat, denen Junus ein menschenwürdiges Leben ermöglicht - Prominente wie Bill und Hillary Clinton. Seit Jahren wurde Junus als möglicher Gewinner des Wirtschaftsnobelpreises gehandelt, nun erhält er völlig überraschend die Auszeichnung in der Kategorie Frieden. Das ambitionierte Ziel des 66-jährigen: die Armut auf der Welt zu besiegen. ?Eines Tages?, sagte Junus vor einiger Zeit, ?werden unsere Enkel in Museen gehen, um zu sehen, was Armut war.?Sein Rezept ist so einfach wie bestechend: Der Ex-Professor und seine Grameen-Bank - die ?Dorf-Bank? wird ebenfalls mit dem Preis geehrt - verleihen Kleinkredite an Bedürftige, fast alle davon sind Frauen. Sicherheiten verlangt die Bank nicht. Die Zinsen sind viel niedriger als die der Wucherer, an die die Armen sich zuvor wenden mussten, reguläre Bankkredite bekamen sie ohne Sicherheiten keine. ?Armut überdeckt die Menschen mit einer dicken Kruste und lässt die Armen dumm und initiativlos erscheinen?, sagte Junus. ?Wenn man ihnen aber Kredit gibt, dann erwachen sie langsam zum Leben.?

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Statt als ?Guter Bankier? in seiner Heimat hätte Junus auch eine typischere Karriere einschlagen und ein erfolgreicher Geschäftsmann werden können. 1940 wurde Junus in Chittagong, dem Handelzentrum Bangladeschs, als Sohn eines Goldschmiedes geboren. Der Vater ermöglichte dem Sohn eine gute Ausbildung. Die Mutter aber war es, die ihn besonders beeinflusste. ?Mutter half jedem Armen, der an unsere Tür klopfte?, sagte Junus. Er bekam ein Fulbright-Stipendium in den USA, nach Abschluss des Studiums wurde er mit nur 33 Jahren Wirtschaftsprofessor an der Universität von Chittagong.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Für sein Konzept wurde Junus zunächst ausgelacht.Doch vor der immer schlimmeren Armut in seiner gerade unabhängig gewordenen Heimat konnte Junus nicht die Augen verschließen. ?Während Menschen auf den Straßen vor Hunger starben, lehrte ich elegante Wirtschaftstheorien?, sagte Junus in einem Interview vor einigen Jahren. ?Ich begann, mich für die Arroganz zu hassen, vorzugeben, ich hätte Antworten. Wir Universitätsprofessoren waren alle so intelligent, aber wir wussten absolut nichts über die Armut um uns herum.? Junus beschloss: Die Armen sollten seine Lehrer sein.Mitte der 70er Jahre reiste Junus mit Studenten mehrfach in ein verarmtes Dorf, wo Wucherzinsen privater Kredithaie den Aufstieg der Armen verhinderten. ?Ihre Armut war kein persönliches Problem wegen Faulheit oder Mangel an Intelligenz, sondern ein strukturelles: Mangel an Kapital. Das existierende System stellte sicher, dass die Armen keinen Pfennig sparen und nicht in die Verbesserung ihres Lebens investieren konnten?, sagte Junus. Die Idee seiner Bank mit ihren Kleinkrediten zu fairen Konditionen war geboren.Für sein Konzept wurde Junus zunächst ausgelacht. Bankiers hielten die Armen für nicht kreditwürdig. Junus hielt dem entgegen: ?Wie könnt ihr wissen, ob die Armen nicht kreditwürdig sind, wenn ihr es nie ausprobiert habt? Vielleicht sind es die Banken, die der Menschen nicht würdig sind?? 1983 bekam seine ?Dorf-Bank? die Lizenz. Bis Mitte vergangenen Jahres hatte die Grameen-Bank mehr als vier Mrd. Euro an die Armen verliehen. Die Spötter sind längst verstummt: 99 Prozent der Kredite werden zurückgezahlt.In mehr als 60 Entwicklungsländern hat Junus' Konzept inzwischen Nachahmer gefunden. ?Ich lade jeden ein, meine Idee zu klauen?, sagte der Ex-Professor im vergangenen Jahr in einem ARD-Hörfunkinterview. ?Es ist eine tolle Idee, jeder sollte das tun. Ich beschwere mich nur, dass sich nicht noch viel mehr Leute dieser Idee annehmen und sie umsetzen."
Dieser Artikel ist erschienen am 13.10.2006