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Beruf: Chef

Um 19 Uhr ist es soweit. Leise nehmen die Aktionäre auf den Bänken Platz. Der Vorstandsvorsitzende Hendrik Oellers tritt ans Pult. Es wird still im Saal. In der nächsten Stunde hören die Anteilseigner viel über Kostenkalkulation, Geschäftsmodell und Marketingstrategie des Unternehmens U-Taché.
Von der Schulbank weg eine Firma gründen - kein Problem. karriere abi erzählt drei Erfolgsgeschichten.
Hendrik Oellers, 17, produziert
Taschen aus LKW-Plane in jeder
Größe und Form.
Foto: Andy Ridder
Testlauf mit Tasche
Um 19 Uhr ist es soweit. Leise nehmen die Aktionäre auf den Bänken Platz. Der Vorstandsvorsitzende Hendrik Oellers tritt ans Pult. Es wird still im Saal. In der nächsten Stunde hören die Anteilseigner viel über Kostenkalkulation, Geschäftsmodell und Marketingstrategie des Unternehmens U-Taché. Es geht zu wie bei der Jahreshauptversammlung eines Großkonzerns. Nur dass die meisten Aktionäre Eltern der Firmengründer sind und der Vorstandschef gerade mal 17 Lenze zählt

U-Taché, das sind 18 Schüler des Wirtschaftskurses am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Stuttgart. Ihr Produkt: Umhängetaschen aus LKW-Plane, jedes Exemplar ein Unikat. "Mit Kultbags läuft doch jeder rum", meint Hendrik. "Bei uns kann man Design, Farbe und Größe selbst auswählen." Preis: 30 Euro. Zugeschnitten wird in der Schule, produziert von einer professionellen Näherin. "Outsourcing nennt man das", weiß Hendrik aus dem Unterricht. Die Idee kommt an. 70 Taschen haben die Schüler schon verkauft

Die besten Jobs von allen


Hinter allem steckt "Junior", ein Projekt des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln. Hier können Schüler ein Jahr das Unternehmertum unter Realbedingungen testen. U-Taché zahlt sogar Sozialabgaben und Steuern - zwar nicht an den Fiskus, aber an Junior

Hendrik wurde demokratisch zum Chef gewählt und findet den Posten klasse: "Das wäre auch was für später." Erst aber soll U-Taché 33 Prozent Rendite abwerfen, sagt Christina Lung. Die 18-Jährige ist die Finanzvorsitzende und mit einem Stundenlohn von 50 Cent eindeutig unterbezahlt. Dafür feierten alle das U-Taché-Debüt auf der Junior-Messe in Sindelfingen ausgiebig in der Kneipe. Auf Firmenkosten natürlich.

Maike Brzoska

Martin Schuster, 19, bekämpft das
Chaos in Schulbibliotheken.
Stapeln mit System
Martin Schuster liebt Ordnung. Dass ihm sein Sinn für Systematik schon den Jugend-forscht-Preis mit lächelnder Politprominenz von Schröder bis Köhler bescherte - ja, das war schon was. Eigentlich aber interessierte den 19-jährigen Abiturienten nur eins: "Dass alle Bücher endlich dahin kommen, wo sie hingehören.

Vor drei Jahren entwickelte Martin eine Software speziell für Schulbibliotheken. Den Anstoß gab das Chaos am Katharineum zu Lübeck, wo Martin zur Schule geht: Verschollene Bücher, Zettelwirtschaft, kein Geld für ordentliche Software. Also setzte sich der 16-Jährige hin und schrieb den verblüfften Lehrern ein Programm für die schuleigene Bibliothek. Seither läuft der Laden wie geschmiert: ordnen, scannen, Säumige mahnen - alles auf Knopfdruck. Früher waren pro Schuljahr 300 Bücher futsch, heute sind es noch 30

"Ans Geldverdienen habe ich damals gar nicht gedacht", sagt Martin. Erst als sich zum Jugend-forscht-Preis noch ein zweiter gesellte, meldete der 17-Jährige seine Firma Schul-Logistik beim Gewerbeamt an. Für 900 Euro verkauft er im Paket Software, Scanner, 20.000 bedruckte Etiketten, Support und Updates. Zwölf Schulen arbeiten bereits mit Martins Programm. Auf sein jüngstes Projekt freut sich schon das Schulsekretariat: Ein Verwaltungssystem, das automatisch Zeugnisse schreibt, Schülerdaten aktualisiert, Formulare erstellt. Bleibt zu hoffen, dass danach die Software dran ist, die Vokabeln lernen überflüssig macht, Hausaufgaben per Mausklick löst und Atteste für den Sportunterricht ausstellt.

Maike Brzoska

Startup digital
Was braucht man schon zum Programmieren - einen PC, einen Nerd und eine angeknabberte Pizza. Nicht so bei PPS-Systems: Auf drei Tischen türmen sich die Akten. Die bunten Striche an der Wand erinnern eher an Popart als an Hightech. "Ein Datenbanksystem", erklärt Philipp Spangenberg. Der PPS-Chef ist mit 24 schon ein alter Hase im Geschäft. Mit 18 gründete er die Münchener Software-Firma - da drückte er noch die Schulbank. Eine Erfolgsstory. Mit seinen mobilen Lösungen hat das Startup schon Siemens Aufträge vor der Nase weggeschnappt. e-Sixt, die Uniklinik München und das Bildungsministerium arbeiten mit PPS

Angefangen hat alles bei Jugend forscht. Der damals 17-Jährige fand Schulhefte ziemlich blöd und entwickelte für den Wettbewerb in Rheinland-Pfalz das digitale Klassenzimmer, in dem jeder Schüler am Palm arbeitet, der per Infrarot Daten mit dem Lehrer-PC austauscht. Philipp gewann. Fortan tourte der Gymnasiast durch Deutschland und knüpfte das Netzwerk, von dem er heute lebt. "Viele meiner Mitarbeiter habe ich damals kennen gelernt.

Abi und Informatikstudium waren immer Nebensache für Philipp. Die Firma geht vor. Mit der jüngsten Software BlueID, die Handys zum digitalen Autoschlüssel umfunktioniert, hat er gerade wieder zwei Gründerwettbewerbe gewonnen. Im August will er mit seinem Partner Markus Weitzel ein neues Unternehmen gründen und BlueID gemeinsam mit BMW vermarkten. Geschätzter Firmenwert: über eine Million Euro. In ein größeres Büro will Philipp trotzdem nicht ziehen. "Ist doch ganz gemütlich hier."

Maike Brzoska
Wettbewerbe für Gründer

[ www.schueler-unternehmen-was.de ]
Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung unterstützt Schülergründungen laufend mit Infos und Finanzspritzen

[ www.jugend-denkt-zukunft.de ]
Bei dem Innovationsspiel entwickeln Schüler für Unternehmen Ideen für die Produkte der Zukunft. Einstieg in die Beratung ist jederzeit möglich.

[ www.juniorprojekt.de ]
Bei dem Projekt können Schulklassen Firmen gründen und sich auf Landes- und Bundesebene mit der Konkurrenz messen. Im Mai finden Info-Messen in verschiedenen Städten statt.

[ www.jugend-gruendet.de ]
High-Tekker zwischen 16 und 21 Jahren sucht die Initiative Jugend gründet. Bewerbung zu Ideen-Contest und Planspiel 2007 ab Herbst möglich

[ www.business-at-school.de ]
Die besten Geschäftsideen von Schülern der 10. bis 13. Klasse prämiert die Boston Consulting Group mit Praktika und Sachpreisen. Anmeldung ab November

[ www.startup-werkstatt.de ]
Bei diesem Existenzgründer-Planspiel können Schüler ab 16 Jahren fiktive Firmen gründen. Anfang 2007 startet die nächste Spielrunde.

Dieser Artikel ist erschienen am 16.06.2006