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Berthold Leibinger: ?Wir waren hungrig?

Von Peter Brors und Katharina Slodczyk
?Da standen wir, 200 Schüler der Ulrich-von-Hutten-Oberschule in Korntal. Wir waren hungrig. Hungrig in jeder Beziehung.? Das ist der Anfang. Die ersten Sätze eines Buches über sein Leben. Berthold Leibinger hat sie geschrieben, bisher allerdings nur im Geiste. Wie Berthold Leibinger zum König des Nibbelns wird, den Laser neu erfindet und zur Ikone des deutschen Mittelstands aufsteigt. Die Geschichte des Mannes, der aus der kleinen schwäbischen Maschinenfabrik Trumpf einen weltweit führenden High-Tech-Konzern machte.
DITZINGEN. ?Da standen wir, 200 Schüler der Ulrich-von-Hutten-Oberschule in Korntal. Wir waren hungrig. Hungrig in jeder Beziehung.? Das ist der Anfang. Die ersten Sätze eines Buches über sein Leben. Berthold Leibinger hat sie geschrieben, bisher allerdings nur im Geiste. Sätze, die ein Gefühl an einem Tag im Sommer 1945 beschreiben, dem Tag, an dem für den damals 14-Jährigen die Schule in einer Kleinstadt nahe Stuttgart nach dem Krieg wieder beginnt.Es ist das Gefühl einer ganzen Generation, das Leibinger in diese Sätze packt. Einer Generation, deren Kindheit in den 30er-Jahren geprägt ist vom Jubel um die vermeintlichen Erfolge Hitlers, deren Jugend in den 40er-Jahren in die Zeit der Bombennächte fällt, eine Generation, die erwachsen wird in einem Umfeld von Knappheit und Entbehrung; die zu jung ist, um im Krieg persönliche Schuld auf sich zu laden. Eine Generation, die das neue Deutschland aufbauen will. Die hungrig ist, hungrig auf alles.

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Heute, 60 Jahre später, sitzt Leibinger in einem hellen, großzügigen Büro mit deckenhohen Fensterflächen, weißen Schrankwänden, viel Leder, Chrom und Glas im siebten Stock eines nüchternen Bürobaus. Schaut er von seinem Schreibtisch auf, dann hat er im Blick, wohin ihn das Hungergefühl von damals geführt hat. Da unten zu seinen Füßen stehen sie, die Hallen von Trumpf, wo große Maschinen hergestellt werden zum Schneiden und Stanzen von Blechen, zum Schweißen und Biegen. Maschinen mit dem blauen Trumpf-Logo, wie sie in allen Teilen der Welt stehen, zum Bau von Fahrzeugen ebenso eingesetzt werden wie für Fahrkartenautomaten, Flugzeugturbinen und PC-Gehäuse. ?Jeder, der auf dieser Welt wohnt, arbeitet, lebt, reist, fährt, hat mit Produkten zu tun, die auf unseren Maschinen entstehen?, sagt Leibinger.Dies ist sein Erfolg, sein Lebenswerk. Er hat aus der kleinen schwäbischen Maschinenfabrik Trumpf, in der er nach dem Abitur als Lehrling anfing, einen High-Tech-Konzern gemacht, weltweit führend vor allem bei Werkzeugmaschinen, die mit gebündeltem Licht, mit Lasertechnik arbeiten. Trumpf ist heute eines der florierendsten Familienunternehmen der Republik und Leibinger eine Ikone des Mittelstands. Ein genialer Tüftler und erfolgreicher Unternehmer, der sich für Kunst genauso interessiert wie für Technik, Politik und die Wissenschaft. Und der sich einmischt, überall da, wo seiner Meinung nach etwas im Argen liegt. Für sein Wirken erhielt er bereits so ziemlich jede Würdigung, die zu Lebzeiten verliehen wird.Christian Trumpf, Firmengründer und damals Chef von Trumpf, hat all diese Talente schnell bemerkt: 1956 heuert er seinen ehemaligen Mechaniker-Lehrling an. Der soll seine Diplomarbeit zum Abschluss des Maschinenbaustudiums im Unternehmen schreiben. Der Arbeitsauftrag lautet: einen speziellen Vorgang bei der Blechbearbeitung zu verbessern. Doch daraus wird nichts. Auf 87 Seiten, unterteilt in neun Kapitel, zusammengefasst unter der Überschrift ?Untersuchung über die Grundlagen der Bearbeitung von Stahl und Nichteisenmetallen mit der Aushauschere? findet Leibinger nur heraus: Das Verfahren taugt nichts, ein neues muss her. Die Maschine, die das beherrschen soll, die hat Leibinger da auch schon im Kopf, die so genannte Kopiernibbelmaschine. Beim Nibbeln werden Bleche Stück für Stück entlang einer Schnittlinie abgetrennt, die aus lauter kleinen Einzellöchern besteht.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Es bleibt nicht bei einer Erfindung.Nur widerstrebend freundet sich Trumpf mit der Idee an, lässt den jungen Diplom-Ingenieur die Maschine aber doch konstruieren. Die neue Schneidtechnik wird ein Erfolg und verhilft der Firma zu einem unerwarteten Umsatzschub.Es bleibt nicht bei dieser einen Erfindung, diesem einen Patent, inzwischen hat Leibinger mehr als 100. Nach und nach lässt er sich seine Patente mit Anteilen bezahlen. ?Es war für Trumpf billiger, mich am Unternehmen zu beteiligen, als weiter Lizenzgebühren zu zahlen?, erzählt Leibinger. So wird Trumpf im Laufe der Zeit zu seiner Firma, aus Berthold Leibinger Mister Trumpf, der Nibbelkönig. Aus einer Firma mit elf Millionen Mark Umsatz und 325 Mitarbeitern im Jahr 1961 formt er eine Gruppe mit 1,4 Milliarden Euro Umsatz und 6 000 Mitarbeitern ? eine Erfolgsgeschichte, wie man sie sonst oft aus den USA hört. Und tatsächlich kann man das Phänomen Leibinger nicht verstehen ohne seine frühen Jahre in den USA.Die Bilder haben sich in sein Gedächtnis eingebrannt, mit allen Details: der Flug über den Atlantik im November 1958, 18 Stunden ohne Zwischenlandung wegen schlechten Wetters, Ankunft in New York mit einem fast leeren Tank, der Ausblick aus seinem Zimmer im 18. Stock des Commodore-Hotels an der Lexington Avenue, der erste Gin Tonic in der Lobby. Wenn Leibinger von seiner Amerika-Zeit erzählt, ist es wie bei einer Dia-Schau, Bilder, die er aneinander reiht, aus einer Zeit, in der das Land jenseits des Atlantiks eine ganz besondere Faszination auf die Menschen hier ausübt.Amerika, das ist damals das mit Abstand reichste Land, fast jeder Haushalt besitzt dort schon ein Fernsehgerät, viele Familien sogar zwei Autos. Für Nichtamerikaner sind die Staaten ein Mythos, ein weites Land mit einzigartigen Städten, einzigartigen Produkten, modern, praktisch, glitzernd. Das Land, aus dem der Kaugummi und der Pulverkaffee kommen. Ein Land, so geschmacksbeherrschend, anziehend. Dem kann sich auch Leibinger nicht entziehen.1958 wandert er mit seiner Frau aus in dieses Land, seinem Dip lom in der Tasche, einem gebrauchten VW, 800 Dollar und dem Brief des damals größten US-Werkzeugmaschinenherstellers Cincinnati Milling. Ein Verwandter hat den Kontakt zu der Firma hergestellt. Die Reaktion des Unternehmens fällt sehr unverbindlich aus: ?Falls Sie in dieses Land kommen sollten, könnten wir uns vorstellen, dass Sie ein wertvoller Mitarbeiter sein könnten.?Leibinger wird so wertvoll, dass sein US-Chef ihn später gar nicht mehr ziehen lassen will. ?Sie sind der größte Narr, den ich jemals kennen gelernt habe, wenn Sie jetzt wieder nach Deutschland zurückkehren wollen?, gibt er ihm mit auf den Weg.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Zurück in die Heimat, mit der er immer in Kontakt bleibt.Zweieinhalb Jahre, bis Ende 1960, arbeitet Leibinger in den USA, aber richtig Wurzeln schlägt er in Wilmington, Ohio, nicht. Die ganze Zeit über bleibt er in Kontakt mit Trumpf und gibt schließlich nach: ?dem Heimweh und dem Gefühl, ich habe große Möglichkeiten in Deutschland?. So geht es zurück in die Heimat, zurück zu Trumpf.Was er mitbringt, sind Einblicke in die Organisation eines größeren Unternehmens und die Erfahrung, sich bewährt zu haben in einem fremden Land. ?Wer sich hier über Wasser hält, der hat es geschafft, hab ich mir bei unserer Ankunft gedacht.?Das ist Leibinger nicht nur in den USA gelungen. Er ist später einer der ersten Unternehmer, die sich mit Japan in Japan auseinander setzen, der China als Markt entdeckt. Schon Anfang der 90er-Jahre erzielt Trumpf mehr als die Hälfte seines Umsatzes im Ausland. Heute sind es mehr als zwei Drittel. Zu der Trumpf-Gruppe gehören heute 45 Töchter und Beteiligungen, die in 23 Ländern Industriebleche durchlöchern. Cincinnati Lamb, wie das US-Unternehmen jetzt heißt, bei dem Leibinger arbeitete, ist dagegen heute eine unbedeutende Firma, Trumpf einer der Branchenführer. Leibinger: ?Was wäre aus diesem Unternehmen geworden und was aus Trumpf, wenn ich in den USA geblieben wäre??Bei jedem anderen käme diese Frage ziemlich selbstgerecht daher. Nicht bei Leibinger. Zu einnehmend ist er im Gespräch. Eher leise, bedächtig und konzentriert formuliert er seine Sätze, garniert sie zwischendurch immer wieder mit einer Portion Selbstironie. Genau dieser Unterton ist es, mit dem er Menschen für sich und seine Ziele gewinnen kann. Das Selbstironische verhindert es, Leibingers enormes Selbstbewusstsein als Arroganz abzutun, seine gelegentlich auch eigenwillige Art als Starrsinn und seine manchmal ausholenden Antworten, die nicht immer die Präzision lasergesteuerter Werkzeugmaschinen haben, als Weitschweifigkeit. Selbst Sätze wie dieser sind dann einfach nur unterhaltsam: ?Ich war schon immer davon überzeugt, dass ich etwas intelligenter bin als die meisten anderen?, erzählt Leibinger, ?das wollte ich dazu nutzen, um mit weniger Arbeit im Leben zurechtzukommen.? Doch die Rechnung sei nicht aufgegangen. ?Vielleicht wäre es doch leichter geworden, wenn wir in den USA geblieben wären.?Vieles ist Zufall in seinem Leben, schon die erste Verbindung zu Trumpf. Leibingers Eltern besitzen einen Laden mit ostasiatischer Kunst, Anna Trumpf, die Frau des damaligen Firmenbesitzers, ist eine gute Kundin. Aus der Kundin wird eine Freundin der Familie und später Berthold Leibingers Patentante. Und aus ihrem Mann Leibingers Chef. Denn obwohl Deutsch, Philosophie und Geschichte seine Lieblingsfächer sind, fängt er nach dem Abitur eine Mechaniker-Lehre bei Trumpf an ? aus Vernunft, ?um etwas Handfestes in der Hand zu haben?, das gibt er offen zu. Und aus rein pragmatischen Erwägungen: ?Trumpf war in allernächster Nähe, fünf Minuten mit dem Rad morgens, abends acht Minuten, weil es dann ein bisschen bergauf ging?, erzählt er.Es ist aber deutlich mehr als die reine Bequemlichkeit und Vernunft, was ihn zu Trumpf bringt. Es sind die Erfahrungen seiner Eltern, die Erfahrungen der Nachkriegszeit, die ihn prägen und ihn veranlassen, der schwäbischen Maxime ?Schaffe, net schwätze? den Vorzug zu geben und sich gegen ein geisteswissenschaftliches Studienfach zu entscheiden. Und die Erfahrung, dass der Handel mit Ostasienkunst, mit Fayencen und Tuschzeichnungen, Lackarbeiten und Holzschnitten, wie seine Eltern ihn betreiben, ein mühsames Geschäft ist, zudem auch noch exotisch, und nicht recht in die damalige Zeit passt. ?Wir waren immer so unnötig. Ostasiatika, reiner Luxus.? So wollte Leibinger nicht sein. Doch über all das spricht der Mann eher in knappen, kurzen Sätzen. Ausführlicher erzählt er dagegen von den zwei Adern, die er geerbt hat, eine für Kunst, die andere für Technik und Handwerk. Er philosophiert über Neugier, die Notwendigkeit der Phantasie und darüber, wie man sie steuern kann, damit Innovationen herauskommen. ?Wie organisiert man Innovationen? Diese Frage beschäftigt mich mein ganzes Leben?, sagt er, ein Patent hat er bis heute nicht gefunden.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Er schafft einen kleinen Think Tank.Bis dahin begnügt er sich mit einer Zwischenlösung: ?Freiräume schaffen und eine entsprechende Atmosphäre, die inspiriert, sowie fähige Leute suchen.? Mit dieser Mischung ist ihm einiges gelungen, hat er etliche Widerstände überwunden ? beim Bau des ersten Trumpf-Lasers Anfang der 80er-Jahre zum Beispiel, der zunächst nur 90 Sekunden funktioniert. Leibinger stellt dann ein junges Entwicklerteam zusammen ? darunter Physiker und Mechaniker, die wissen, wo es beim Kunden hakt, welche Belastungen ein Laser außerhalb des Labors überstehen muss. Er gibt ihnen Geld und Zeit und lagert sie aus der Firmenzentrale aus. Er schafft einen kleinen Think Tank, der Neues austüftelt: ?Eineinhalb Jahre später hatten wir einen Laser, der ein Quantensprung war, zuverlässig und kompakt, und er war unser Laser?, erzählt Leibinger. Aus dem Stand hat sich Trumpf so an die Spitze einer neuen Technologie gesetzt. Heute machen Lasermaschinen gut zwei Drittel des Konzernumsatzes aus, und die Lasersparte glänzt mit den höchsten Wachstumsraten.Hürden überwunden hat Leibinger auch bei der bisher schwersten Krise der Branche Anfang der 90er-Jahre, als die Umsätze der Schwaben einbrechen. Leibinger hat sie gemeistert ? unkonventionell, unter anderem mit Hilfe eines Arbeitszeitmodells, das später Porsche und Daimler-Chrysler als Vorbild dient: Mehrarbeit darf bis zu zwei Jahre auf Zeitkonten angesammelt und wieder abgebaut werden.Leibinger selbst formuliert sein Vorgehen so: ?Gegen Widerstände zu agieren, das ist ein wichtiger Impetus.? Hinzu kommen bei ihm Verantwortungsgefühl, Glaubwürdigkeit, Integrität sowie die Prinzipien des schwäbischen Pietismus: fleißig, sparsam und fromm sein. Diese Kombination macht aus dem philosophisch veranlagten Techniker einen erfolgreichen Fabrikanten. Und im Privatleben einen sehr konsequenten Vater, wie seine Kinder erzählen: ?Er war streng, zu streng?, sagt seine jüngere Tochter Regine. ?Bei Geburtstagen musste ich als Bub auch immer die unpopulären Mitschüler einladen?, berichtet Sohn Peter Leibinger, der heute die Lasersparte von Trumpf führt. Nicola Leibinger-Kammüller, die ältere Tochter, drückt es diplomatischer aus: Man könne die Regeln, die er aufstelle, auch durchbrechen. Er beharre nicht auf seinen Prinzipien.Zuletzt im Herbst dieses Jahres, bei seiner Entscheidung, wer nach ihm die Leitung der Firma übernimmt. Kurz vor seinem 75. Geburtstag und nach mehr als 40 Jahren bei Trumpf, davon 27 Jahre an der Spitze, hat Leibinger die Führung an seine Tochter Nicola übergeben ? eine Entscheidung, die viele in der Branche überrascht, hatten sie doch eher Leibingers Sohn Peter auf der Rechnung. Letztlich habe die Wahl nicht wirklich fassbare Gründe gehabt, sagt Leibinger, wenn er seine Entscheidung zu erklären versucht.Er hat sich viel Zeit damit gelassen, die Struktur des Unternehmens auf die Übergabe vorbereitet, Gespräche geführt, sich beraten ? mit seiner Frau, mit Menschen aus dem Unternehmen, mit dem Aufsichtsrat. Und ausnahmsweise überwiegen in dem sonst so glatten, schmalen Gesicht die Furchen, wenn er sagt: ?Es fällt mir nicht leicht, die Richtlinienkompetenz abzugeben.?Wann immer es um seine Nachfolge gegangen ist, eins ist Leibinger von vornherein klar gewesen: dass die Unternehmensführung in der Familie bleiben würde. Er singt ein Hohelied auf familiengeführte Unternehmen. Darauf lässt er nichts kommen und begründet das gelegentlich recht lapidar: ?Da muss sich der Chef nicht zu viel reinreden lassen.? Eine ökonomische und eine ideelle Begründung schiebt er aber gleich hinterher. Die ökonomische Argumentation: ?Was treibt den Menschen an? Dass Leistung sichtbar und belohnt wird. Dass Eigentum weitergegeben werden kann.? Die ideelle Seite: Im Besitz der Familie stiftet das Unternehmen Identität, bleibt eine Firma zum Anfassen. Und das lebt er auch: ?Ich habe keine Yacht, kein Schloss, ich hab auch nie Golf gespielt.? Der Gewinn bleibe im Unternehmen.Lesen Sie weiter auf Seite 5: Autoritär und patriarchalisch nennen ihn einige. Leibinger, ein Firmenchef ganz nach dem Geschmack der Mitarbeiter? Nicht ganz, gelegentlich knirscht es intern: ?Zu sehr sind Sie es gewohnt, im Mittelpunkt des Interesses zu stehen?, sagte Horst Warthon bei seinem Ausscheiden als Betriebsratschef des Werkes Ditzingen vor einigen Jahren.Autoritär und patriarchalisch nennen einige Leibingers Führungsstil. ?Ich stelle die Verantwortung in den Vordergrund?, stellt er es richtig. Dazu gehört für ihn nicht nur, erfolgreich zu wirtschaften, sondern auch gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen in Ehrenämtern wie der Bachakademie oder im Innovationsforum Baden-Württemberg.?Er passt nicht ins normale Unternehmerbild?, sagte mal ein alter Freund von ihm, der inzwischen verstorbene Marcus Bierich, früherer Chef des Autozulieferers Bosch: ?Der Konformismus, mit dem es sich die Wirtschaft gern leicht macht, ist nicht seine Sache.?Heute klingt es wie aus dem Lehrbuch, wenn man den Aufstieg von Trumpf betrachtet. Eine Strategie, die sich auf drei Kernpunkte stützt. Marktführerschaft bei Technik, Qualität, Service, früher Eintritt in neue Märkte, Diversifizierung aus dem Stammgeschäft heraus. Leibinger bringt seine Strategie auf die Kurzform: ?Auf dem westeuropäischen Markt wollen wir dominieren, in den USA kräftig mitmischen und in Japan sichtbar präsent sein.?Dass er diese Ziele mit streng rationalen Entscheidungen, mit einem Master-Plan erreicht hat, diesen Eindruck relativiert er: ?Viele strategische Überlegungen macht man, ohne dass man dabei alle Perspektiven überblickt. Manche Schritte ergeben dann ganz neue Perspektiven.?Es ist eine der seltenen Situationen, in denen Leibinger seine Leistung, sein Können einschränkt. Ähnlich spricht er nur noch über seinen Abschied von der Konzernspitze: ?Es ist nun mal ein Gesetz, dass ältere Menschen zu mehr Vorsicht neigen, dass die Bewahrung wichtiger wird, als neue Ziele zu erobern.? Und das habe sich bei ihm bewahrheitet: ?In unseren Gesprächen zur Jahresplanung war ich immer der Vorsichtigste.? Schnell korrigiert er sich an dieser Stelle etwas: ?Ich war immer der Vorsichtigere, die jüngeren Kollegen deutlich mutiger.?Trotz seines Wechsels vom Chefsessel an die Spitze des Aufsichtsrates ? Leibingers Lebensinhalt wird die Firma aber auch weiterhin bleiben, daran lässt er keinen Zweifel: ?Ich bin immerhin noch größter Anteilseigner.?Lesen Sie weiter auf Seite 6: Sein Leben: Berthold Leibinger
  • Herkunft Berthold Leibinger wird am 26. November 1930 in Stuttgart als Sohn eines Händlers für Ostasienkunst geboren. Seine Kindheit und Jugend verbringt er in Korntal bei Ditzingen. Dort werden die Prinzipien des schwäbischen Pietismus ? fleißig, fromm und sparsam zu sein ? leidenschaftlich gepflegt. Sie prägen Leibinger ? ebenso wie andere Maximen wie Verantwortungsgefühl und Integrität, die ihm seine Eltern vermitteln. Nach dem Abitur 1950 beginnt er mit einer Mechaniker-Lehre bei der Maschinenfabrik Trumpf. Dem schließt sich ein Maschinenbaustudium an der Technischen Hochschule Stuttgart an.
  • Karriere Spätestens mit seiner Diplomarbeit, die er bei Trumpf schreibt, zeigt Leibinger, dass er das Zeug zum Erfinder hat. Für das damals eher kleine Maschinenbauunternehmen, gegründet und geführt von Christian Trumpf (Foto, rechts mit Leibinger), entwickelt er eine neue Maschine zur Blechbearbeitung, die Kopiernibbelmaschine. Wie bei einer Perforation werden Bleche Stück für Stück entlang einer Linie abgetrennt, die aus kleinen Einzellöchern besteht. Die Kopiernibbelmaschine schneidet Bleche damals so schnell und akkurat wie kein anderes Gerät. Nach zwei Jahren Arbeit bei einem US-Maschinenbauer kehrt er 1961 zu Trumpf zurück. Er wird Leiter der Konstruktionsabteilung. Die Produkte, die er plant und zum Patent anmeldet, verhelfen Trumpf zu einem enormen Wachstum. Für seine Patente wird er mit Unternehmensanteilen entlohnt. 1978 wird Leibinger zum Trumpf-Chef. 2005 wechselt er an die Aufsichtsratsspitze.
  • Unternehmen Trumpf hat einen Umsatz von 1,4 Milliarden Euro und beschäftigt knapp 6 000 Mitarbeiter. Das Unternehmen ist in 23 Ländern aktiv und gehört zu den weltweit führenden Werkzeugmaschinenherstellern, die mit Lasertechnik arbeiten. Lasermaschinen machen gut zwei Drittel des Konzernumsatzes aus.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.12.2005