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Bernie Ecclestone: Ein Denkmal bröckelt

Christoph Strobel
Bernie Ecclestone ist vom Schrotthändler zum Mr. Formel 1 aufgestiegen. Wenn die Gerichte gegen ihn sind, steht er bald vor den Trümmern seines eigenen Imperiums.
Ecclestone in der Boxengasse des neuen Formel1-Kurses in Shanghai
FRANKFURT/M. Die Behauptung, Bernhard Charles Ecclestone wäre der Eigentümer der Formel 1, ist nur die halbe Wahrheit. Ohne ?Bernie?, wie er außerhalb seiner Geburtsurkunde genannt wird, würde die Rennsportserie in der heutigen Form nicht existieren. Seit über einem Vierteljahrhundert lenkt der 74- jährige Brite die Königsklasse des Motorsports.Und obwohl Ecclestone noch längst nicht ans Aufhören denkt, könnte die Zeit des gelernten Chemikers bald abgelaufen sein. Seit Montag klagen drei Banken vor einem Londoner Gericht auf mehr Einfluss in der Formel 1. Eine Entscheidung zu ihren Gunsten wäre gleichbedeutend mit einer Demontage der Alleinherrschaft Ecclestones, dessen Karriere einst als Schrotthändler begann.

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Der Zweite Weltkrieg war gerade zu Ende. Und während neue Produkte nur langsam die Fließbänder verließen, gab es Gebrauchtes und Zerstörtes im Überfluss. Da kam der junge Ecclestone, der am 18. Oktober 1930 als Sohn eines Fischkutterkapitäns im englischen Ipswich geboren wurde, auf die clevere Idee, Motorräder auseinander zu schrauben und die Einzelteile zu verkaufen. Wenig später gründete er zusammen mit seinem Freund Fred Crompton den Motorradhandel Crompton & Ecclestone, zahlte seinen Kompagnon aus und baute das Geschäft zu einem der größten Motorradhändler Englands aus.Das Ecclestone heute zu den reichsten Männern Englands gehört, hat er aber vor allem seinem Engagement im Motorsport zu verdanken.Allein die Formel 1 soll dem Briten rund 2,8 Milliarden Euro eingebracht haben. Dagegen strotzt sein Auftritt vor Understatement. Die Kombination aus weißem Hemd und schwarzer Hose mit Bügelfalte gehört zu seinen Markenzeichen wie das Funkgerät, ohne das der Formel-1-Boss kaum gesehen wird. Ecclestone liebt die totale Kontrolle.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Als die Stunde vonn Ecclestone kamDer Aufstieg des Schrotterfahrenen begann, als das Vermarktungsgeschäft der Formel 1 in Trümmern lag. Ecclestone, der eine Karriere als Rennfahrer nach einem Unfall in der Formel 3 aufgegeben hatte, hangelte sich vom Fahrermanager (Jochen Rindt) zum Rennstallbesitzer (Brabham). Sein Einstieg in die Organisationsstrukturen begann mit der Gründung der Konstrukteursvereinigung FOCA, die bis 1987 die Fernsehrechte verwaltete. Als der Gesellschaftsvertrag auslief und die Teams merkten, dass der Verkauf der Rechte schwierig war, kam die Stunde von Bernie Ecclestone. Er war bereit, die enormen finanziellen Risiken auf sich zu nehmen, gründete die unabhängige Formula One Promotions and Administration (FOPA) und zog die Rechte an sich. Heute liegen alle kommerziellen Rechte gebündelt bei der Holdingfirma SLEC, die Ecclestone nach seiner Frau Slavia benannt hatte ? Slavia Ecclestone Company.Als die Formel 1 Mitte der 90er Jahre boomte wie die New Economy, verkaufte Ecclestone rund 75 Prozent der Rechte für 1,6 Milliarden Euro an das Imperium von Leo Kirch. Nach der Pleite des Medienmoguls übernahmen die Banken die Kirch-Anteile zur Sicherung der Kredite ? und damit auch 75 Prozent Kontrolle über die Formel 1.Das scheint Ecclestone so wenig zu stören wie seine grauen Haare, die ihm immer wieder ins Gesicht wehen. Obwohl seine Familie über die Firma Bambino Trust nur über eine Minderheit an SLEC-Aktien verfüge, kontrolliert der Mogul die Vorstände der wichtigsten an der Formel 1 beteiligten Unternehmen. Die Finanzinstitute fühlen sich seit längerem von dem Briten ausgetrickst, da dieser sich mit Geschick seine Macht gesichert hat.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Er möchte natürlich die Kontrolle behaltenEcclestone habe vor zwei Jahren ?die Kontrolle über die handelnden Firmen in der Gruppe mit mehreren unternehmerischen Schritten geschickt eingefädelt?, sagte die Anwältin Elizabeth Jones vor dem Londoner High Court 59. Die von Jones vertretenen Banken, die Bayerische Landesbank, Lehman Brothers und J.P. Morgan Chase sind der Meinung, dass zwei Vereinbarungen von Bambino mit der Formel-1-Führung ungültig sind.Ecclestone möchte natürlich die alleinige Kontrolle behalten und sollte er gewinnen, würde sich nichts ändern. Sollten die Banken obsiegen, würden sie die Kontrolle über die die wichtigsten Bereiche der Formel 1 erlangen und könnten Ecclestone auf das Abstellgleis schieben. Damit wäre der Weg frei für eine Neuverteilung der Teamgelder und die Gründung einer Konkurrenzserie der Automobilhersteller wie Ferrari, BMW und DaimlerChrysler zunächst abgewendet.Im Falle eines Urteils für Bernie Ecclestone würde die neue Rennserie durch die Hersteller vorangetrieben und die Banken blieben am Ende auf 75 Prozent einer wertlosen Rennserie ohne Topteams sitzen. Ecclestone jedenfalls wird nicht gehen, bevor er keinen entsprechenden ?Gebrauchtwagenhändler als würdigen Nachfolger gefunden hat.?Lesen Sie weiter auf Seite 4: Freund und Feind von Bernie Ecclestone Zu den treuesten Begleitern von Bernie Ecclestone gehört seit den 70er Jahren Max Mosley. Zusammen mit dem heutigen FIA-Präsidenten und Frank Williams gründete der Brite 1975 die Konstrukteursvereinigung FOCA.Die Vereinigung siegte 1976 im Streit mit der FIA um bessere Organisation und Fernsehrechte. Weil der Formel-1-Boss die Geschäfte über ein Vierteljahrhundert im Alleingang regelte und die Rennställe willkürlich an Fernseh- und Werbegeldern beteiligte, formiert sich bei den Automobilherstellern der Widerstand.Ferrari, BMW, Daimler-Chrysler und Renault haben sich zur GPWC (Grand Prix World Championship) zusammen geschlossen und drohen mit der Gründung einer einer eigenen Rennserie ab 2008. Die One-man-show sei vorbei, hat kürzlich Fiat-Präsident Luca di Montezemolo gesagt.Tatsächlich ist die Allmacht Ecclestones faktisch schon länger gebrochen. Ohne ihn geht es noch nicht, aber es geht immer mehr gegen ihn.Quelle: NEWS Frankfurt
Dieser Artikel ist erschienen am 24.11.2004