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Bernd Osterloh - Der Große mit dem roten Herzen

Von Josef Hofmann
Als Klaus Volkert am vergangenen Donnerstag die stehenden Ovationen der VW-Belegschaft nach 15 Jahren an der Spitze des Gesamtbetriebsrats entgegennimmt, ist seinem Sitznachbarn sicher mulmig zumute. Bernd Osterloh übernimmt nun Volkerts Posten.
HB FRANKFURT. Für den groß gewachsenen Mann mit dem lichten Haar bedeutet der Rücktritt Volkerts zwar einen frühzeitigen Karriereschub. Aber Bernd Osterloh weiß schon am Morgen, dass im Laufe des Tages eine Bombe platzen wird.Denn nicht Altersgründe, wie Volkert in der Betriebsversammlung sagt, sind dafür maßgeblich, dass der 62-Jährige abtritt und für seinen designierten 48-jährigen Nachfolger Osterloh frühzeitig das Feld räumt. Sondern die mögliche Verstrickung in die Affäre um Tarnfirmen und Schmiergelder, in deren Zentrum der ehemalige Skoda-Personalchef Helmuth Schuster steht.

Die besten Jobs von allen

Nun wird es an Osterloh liegen, ?zu retten, was zu retten ist?, wie es ein Mitstreiter formuliert. Am morgigen Dienstag wird er zum Chef eines der einflussreichsten Betriebsräte der Republik gewählt, an die Spitze der VW-Arbeitnehmervertretung.Schon seit dem vergangenen Sommer, als er Volkerts Vize wurde, galt Osterloh als Kronprinz. Doch eigentlich sollte er das Gremium erst ab dem kommenden Frühjahr leiten. Nun darf er früher ran und seine Qualitäten als Krisenmanager beweisen. Osterloh, ein zupackender Mensch, nimmt die Herausforderung an.Er wird es sein, der in den kommenden Wochen den verursachten Vertrauensverlust für das Gremium wieder wettmachen muss. Dass er es schaffen kann, daran zweifeln weder seine Kollegen von der Gewerkschaft noch die Arbeitgeberseite. Denn Zaudern ist seine Sache nicht.Osterloh, der in Anzug und mit Krawatte den neuen Typ des Arbeitnehmer-Managers verkörpert, war nie einer, der Verantwortung gescheut hat. Allein seine Größe von über 1,90, sein leicht kantiges Gesicht, das durch die Glatze noch markanter wirkt, verschaffen ihm Präsenz. Wenn er redet, fixiert er sein Gegenüber mit den Augen, setzt bei der Gestik seine großen Hände zur Untermauerung seiner Thesen ein. Seine Körpersprache verrät: An ihm kommt man nicht leicht vorbei.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Sachlich, aber mit kämpferischem Nachdruck Seine Argumente trägt er sachlich, aber mit kämpferischem Nachdruck vor. Dass er das Management nicht da oben und die Beschäftigten eine Ebene tiefer sieht, macht er schnell deutlich: ?Das Unternehmen ist in einer Situation, in dem wir ihm helfen müssen. Das haben wir immer getan?, war seine Parole bei der letzten Tarifrunde im Herbst.Dennoch, kumpelselige Verbrüderungen sind seine Sache nicht. Er kennt den Vorwurf der Arroganz, akzeptiert ihn, auch wenn er ihn für unberechtigt hält. Weggefährten bescheinigen ihm, dass er ?ein guter Zuhörer? ist, aber auch, dass er schwer von einer einmal gefassten Meinung abzubringen ist.Dabei ist Osterloh wie sein Vorgänger ein echtes VW-Gewächs. Nach seiner Ausbildung zum Industriekaufmann bei Rollei kommt er 1977 als Montagearbeiter zu VW, Schon fünf Jahre später wird er zum Vertrauensmann der IG Metall gewählt und durchläuft die Hierarchie der Gewerkschaftsbewegung, in der er noch immer verwurzelt ist. Die Gesinnung hat Tradition im Hause Osterloh. Sein Großvater mütterlicherseits gehörte neben Otto Grotewohl zu den SPD-Neugründern in Deutschland, sein Vater saß 27 Jahre im Betriebsrat der Deutschen Bahn. ?Er war nie zu Hause, war immer für die Gewerkschaft unterwegs. Damals habe ich mir geschworen, so etwas niemals anzufangen?, bekennt SPD-Mitglied Osterloh.Zu Hause wird der neue oberste Arbeitnehmervertreter, für den Autos schon immer mehr waren als nur Transportmittel, in der nächsten Zeit wohl kaum anzutreffen sein. Sein Hobby, mit schnellen Motorrädern flott durch Kurven zu tauchen, hat er schon länger aufgegeben. Nur auf Fußball wird der nach eigenen Angaben ?fanatische Fan?, der zu den Gründern des VW-VFL-Wolfsburg-Fanclubs gehört, nicht verzichten müssen. Schließlich ist das VFL-Stadion nicht weit von seiner Wirkungsstätte entfernt. Doch sein Herz schlägt nach wie vor für Eintracht Braunschweig.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Vor Kritik schreckt er nicht zurückVor Kritik schreckt er nicht zurück. Das bekommen auch seine Mitstreiter zu spüren. ?Die IG Metall vernachlässigt ihre Klammerfunktion bei Tarifverhandlungen. So verhandelt jedes Unternehmen einzeln ? einer gegen den anderen?, kritisiert er seine Dachorganisation. ?VW muss wieder Autos konstruieren, die sich leicht bauen und dann auch noch verkaufen lassen?, frotzelte er vor der letzten Tarifrunde und machte klar, wo er die Schuldigen für die Misere vermutet ? nicht in der Produktion. Zu lange habe bei VW das Motto gegolten ?Der Kunde, das unbekannte Wesen?, polterte er in Richtung Management.Die Berufung von Wolfgang Bernhard zum VW-Markenchef ? in den kommenden Jahren einer seiner wichtigsten Verhandlungspartner ? sieht Osterloh daher nüchtern. Dass Bernhard der Ruf des knallharten Sanierers vorauseilt, stört ihn nicht, weil auch er weiß, dass sich in Wolfsburg vieles ändern muss, will VW konkurrenzfähig bleiben: ?Mir ist einer lieber, der sagt, was er denkt. Dann kann man diskutieren. Bernhard will die Strukturen optimieren, und das ist nötig?, sagt er nüchtern.Auf die zackigen Diskussionen freuen sich schon jetzt einige im Konzern, denn ?eigentlich sind die beiden aus einem ähnlichen Holz geschnitzt?, sagt einer, der sein Büro im VW-Hochhaus hat. Osterloh und Bernhard markieren das Ende der Ära der unbedingten Konflikt-Vermeidungsstrategie. Die Bandagen in Wolfsburg werden härter.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Vita von Bernd Osterloh Vita von Bernd Osterloh 1956 wird er als Sohn eines Eisenbahners in Braunschweig geboren. Nach der Schulzeit absolviert er eine Lehre als Industriekaufmann bei Rollei.1977 zieht der Autofan nach Wolfsburg und tritt bei VW eine Stelle als Arbeiter in der Produktion an.1982 wird er zum Vertrauensmann der IG Metall gewählt, sieben Jahre später steigt er in das Führungsgremium der Organisation auf.1990 zieht Osterloh in den VW-Betriebsrat in Wolfsburg ein.2002 wird er in den Gesamtbetriebsrat des Automobilherstellers gewählt.2004 gilt er als Vize von Klaus Volkert als Kronprinz für dessen Nachfolge 2006.2005 tritt Volkert zurück, Osterloh rückt an die Spitze.
Dieser Artikel ist erschienen am 04.07.2005