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Berliner Super-Schule: Der Präsident antwortet

Die Fragen stellte Christoph Mohr
Am 31. Oktober soll in Berlin in Anwesenheit des Bundespräsidenten die European School for Management and Technology (ESMT) offiziell aus der Taufe gehoben werden. Das von namhaften deutschen Wirtschafts- und Industrievertretern initiierte Projekt soll einmal die deutsche Antwort auf die Harvard Business School werden. In seinem ersten Interview mit der deutschen Presse gibt Derek F. Abell, Präsident der ESMT, Auskunft über seine Ziele.
Am 31. Oktober soll in Berlin in Anwesenheit des Bundespräsidenten die European School for Management and Technology (ESMT) offiziell aus der Taufe gehoben werden. Das von namhaften deutschen Wirtschafts- und Industrievertretern um den ThyssenKrupp-Aufsichtsratsvorsitzendenden Gerhard Cromme initiierte Projekt soll einmal die deutsche Antwort auf die Harvard Business School werden.

Doch nicht zuletzt wegen der grotesken Informationspolitik bestehen nach wie vor (vgl. Handelsblatt vom 17.05.2002 "vollmundige Ankündigung") ehebliche Zweifel sowohl an der finanziellen wie auch der konzeptionellen Lebensfähigkeit des ambitionierten Projekts.

Die besten Jobs von allen


Nach längerer Suche ist es den ESMT-Gründern nun gelungen, eine namhafte Persönlichkeit der internationalen Business School-Szene als Präsidenten zu gewinnen. Derek F. Abell, derzeit Management-Professor am renommierten International Institute for Management Development (IMD) in Lausanne sowie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich und der Ecole Polytechnique Fédérale (EPF) in Lausanne wird dem deutschen Gründungsdekan Wulff Plinke zur Seite stehen.

In seinem ersten Interview mit der deutschen Presse gibt der Brite Auskunft über seine Ziele.

1. Professor Abell, mit 64 Jahren blicken Sie auf eine lange Karriere in der Manager-Ausbildung zurück. Sie lehren an drei renommierten akademischen Einrichtungen in der Schweiz. Worin besteht der Spaß, jetzt noch Präsident einer neuen Business School in Deutschland zu werden, die sehr wenig Geld hat, keine Dozenten, und dazu noch auf einem politischen Minenfeld?

Es macht immer Spaß, ein Projekt zu finden, das nahe an seinen persönlichen Interessen liegt und bei dem man denkt, wirklich etwas beitragen zu können.

Was das politische Minenfeld anbelangt, kann ich nur sagen: So etwas hat mich noch bekümmert. Manchmal jagen sich Leute, die Minen legen, damit selbst in die Luft.

2. Sie sind bis 1989 Präsident des IMD-Vorläufers IMEDE gewesen, um dann Ihr Amt an Peter Lorange abtreten zu müssen. Ist dies eine Art später Revanche, und die letzte Chance, doch noch einmal der Boss Ihrer "eigenen" Business School zu sein?

Ihre Frage überrascht mich; sie wäre mir nie in den Sinn gekommen. Übrigens: Ich hatte in den vergangenen Jahren einige andere Angebote, die Leitung einer Business School zu übernehmen, und ich habe sie immer ausgeschlagen, weil ich in ihnen keine neuen Herausforderungen erkennen konnte. Dies ist in Berlin anders.

3. Mit Professor Wulff Plinke gibt es bereits einen ESMT-Gründungsdekan. Was genau wird da Ihre Rolle als ESMT-Präsident sein? Und welche die seine?

So weit ich weiß, ist Wulff bereit, seine Beurlaubung (von der Berliner Humboldt-Universität) verlängern zu lassen, um weiterhin für die ESMT tätig zu sein. Dies ist eine große Chance für uns, und Sie können sicher sein, dass wir sie zu unserem größten Vorteil nutzen werden.

Aber um ganz ehrlich zu sein: Ich habe bislang noch keine genauen Vorstellungen darüber, wie die ESMT organisiert sein wird, aber Wulff wird sicherlich eine größere Rolle spielen, solange er von seiner Universität beurlaubt ist.

4. Der ThyssenKrupp-Aufsichtsratsvorsitzende Gerhard Cromme hat eine sehr aktive Rolle bei der ESMT-Gründung gespielt und man darf davon ausgehen, dass dies auch in Zukunft so sein wird. Werden Sie nicht zwischen Cromme als Oberaufseher und Geldbeschaffer und Plinke als Dekan für das Tagesgeschäft eingequetscht sein?

Die Leute, die mich kennen, würden Ihnen sicherlich sagen, dass ich in meiner gesamten bisherigen Karriere nie in der Mitte von irgendwelchen Sandwiches geendet habe, und ich gehe auch nicht davon aus, dass das hier passieren wird. Im Gegenteil: Die bisherige Erfahrung zeigt, dass Dr Cromme, Derek Abell und Wulff Plinke ein ziemlich gutes Team bilden.

5. Persönliche Beziehungen zu deutschen Unternehmen und deren Vorstandsvorsitzenden werden für den Erfolg der ESMT entscheidend sein. Wie gut sind Ihre eigenen Kontakte zur Deutschland AG?

Es gibt eine ganze Reihe von Dingen, die über den Erfolg der ESMT entscheiden werden, und sicherlich gehören persönliche Beziehungen dazu. Ich bin schon ein paar Jahre in diesem Geschäft und kenne eine ganze Menge Leute, auch in Deutschland. Aber der Vorteil, ein starkes Supervisory Board und ein sehr starkes Foundation Board zu haben, bedeutet, dass es uns nicht an Connections zu den richtigen Leuten fehlen wird. Natürlich ist es wichtig, wen sie kennen, aber genauso wichtig ist, was sie für diese Leute tun können, und da, glaube ich, habe ich ein dickes Plus.

Nur eine Randbemerkung: Ich habe nicht nach diesem Job gestrebt. Es sind die deutschen Unternehmen und ihre Bosse, die die ESMT in's Leben gerufen haben, die auf mich zugekommen sind.

6. Die ESMT wird - im allerbesten Fall - ein Startkapital von 100 Millionen Euro haben, was nicht mehr hergibt als ein Jahresbudget von ca. 10 Millionen Euro. Das ist ein lächerlicher Betrag angesichts der Ambition der Gründer, aus der ESMT in 5-10 Jahren ein "deutsches Harvard" (Cromme) zu machen. Sehen Sie nicht das Risiko, dass die ESMT schlichtweg nicht die Mittel für solche hochgesteckten Ambitionen hat und - im internationalen Vergleich - als drittklassige Schule enden wird?

Ich glaube, wir müssen Sie in unseren allerersten Kurs in Buchführung und Finanzen stecken! Die 100 Millionen Euro Kapital stehen in unserer Bilanz, und die Zinsen daraus werden zu den Erlösen hinzukommen, die wir erwirtschaften. Ich weiß noch nicht, wie hoch der Prozentsatz dieser Zinserlöse sein wird, wenn die ESMT voll läuft, aber meine Schätzung ist, dass es nicht mehr als 10-20 Prozent sein werden. In der Anfangsphase, da haben Sie Recht, wird es ein größerer Prozentanteil des Budgets sein, aber in dieser Phase werden auch unsere Kosten niedriger sein. Eine meiner Prioritäten in den nächsten Monaten wird es sein, einen steuerlich soliden Business Plan zu schreiben, und zu sehen, wie sich die Kosten-Erlös-Struktur darstellt, wenn wir die die Schule aufbauen.

7. Die ESMT behauptet stolz, eine Business School mit besonderer Betonung des Europäischen werden zu wollen, was dann "europäisches Paradigma" heißt. Wir haben etwas Schwierigkeiten, das Konzept hinter dieser pompösen Formel zu erkennen. Was ist so europäisch and der ESMT, besonders auch wenn man bedenkt, dass es unter den Gründungsunternehmen kein einziges nicht-deutsches gibt?

Den Fokus auf Europa zu legen, ist sicherlich keine pompöse Idee. Es ist eine Marktnische, die bislang noch nicht ausreichend gefüllt worden ist. IMD und INSEAD haben beide eine weltweite Ausrichtung, während viele andere Business Schools in Europa im Wesentlichen national bleiben.

Was die Gründungsunternehmen anbelangt, stimmt es, dass die "Gründerväter" deutsche Unternehmen sind, weil die Schule eben in Deutschland liegt. Ich glaube, dass kein anderer Weg möglich gewesen wäre. Aber ich habe die feste Absicht, die Mitgliedsunternehmen nach und nach zu internationalisieren.

8. Könnten Sie kurz Ihre ESMT-Vision umreißen, insbesondere auch ihre zukünftige Stellung im europäischen und internationalen Kontext.

Könnte ich, werde ich aber zu diesem Zeitpunkt aus zwei Gründen nicht tun: Zum einen werden wir dies zuerst mit dem Aufsichtsrat in den nächsten Wochen durchgehen, zum anderen ist unser Plan, unsere Vision formell bei der Eröffnung am 31.10. in Berlin zu enthüllen. Sie können aber sicher sein, dass es eine kraftvolle Vision ist, sonst hätte ich den Job nicht übernommen.

9. Wie lange wird es dauern, bis man die ESMT wirklich mit der Harvard Business School oder INSEAD wird vergleichen können?

Wir werden genau so gut oder besser als Harvard oder INSEAD bei einer gewissen Zahl von Basisdimensionen sein. Und bei anderen Dingen, wo wir planen, in ein anderes Profil zu investieren, werden wir ganz anders sein. Meine Hoffnung und mein Plan ist es, dass die Leute von uns sagen werden: Dies ist eine der großen Business Schools in der Welt, aber sie ist anders als die Truppe der Spitzenschulen in dieser und jener Hinsicht.

10. IMD-Präsident Peter Lorange erklärte gegenüber dem Handelsblatt, dass er selbst Sie dem ESMT-Mitbegründer Cromme als ESMT-Präsidenten vorgeschlagen habe, und dass er eine enge Zusammenarbeit zwischen IMD und ESMT voraussieht.
Sind Sie das Trojanische Pferd von IMD in Berlin?


Wenn ich wirklich das Trojanische Pferd bin, dann stimmt es auch, dass ich wahrscheinlich der einzige Soldat darin bin. Die neue Einrichtung wird mit einer Reihe von anderen kooperieren wird, da wo das Sinn macht, und ich wäre nicht überrascht, wenn IMD eine davon wäre - auf einem gut definierten, begrenzten Terrain. Vergessen Sie nicht, dass wir in einem harten Wettbewerb mit Marktführern wie IMD, INSEAD oder Harvard stehen werden. Deshalb glaube ich, dass die Metapher vom Trojanischen Pfern wirklich daneben liegt.

11. Noch einmal gefragt: Können wir davon ausgehen, mehr IMD-Professoren als Gastprofessoren oder sogar als Lehrstuhlinhaber in Berlin zu sehen, vor allem auch unter dem Gesichtspunkt, dass die ESMT verzweifelt international renommierte Management-Professoren braucht, und IMD, auf der anderen Seite, nach einer stärkeren Präsenz in Deutschland sucht?

Was Sie über unseren Bedarf an Professoren sagen, ist nicht ganz falsch. Aber ich glaube, wir werden uns kein Bein ausreißen müssen, um gute Leute nach Berlin zu holen. Ganz im Gegenteil: Ich glaube, dass die guten Leute sehen werden, dass dies ein großartiges Projekt ist, und dass viele dabei sein wollen.

Mir war nicht bewusst, dass IMD besonders in Deutschland nach einer stärkeren Präsenz in Deutschland sucht. Wir (sic) suchen überall auf der Welt danach. Und wir haben ja auch schon eine ganze Menge deutscher Programmteilnehmer hier am IMD.

Ich glaube, dass der entscheidende Punkt ist, dass Manager-Ausbildung sich in Deutschland in einer Wachstumsphase befindet, und dass es da noch viel zu tun gibt. Und dass erstklassige Schulen wie IMD und die ESMT sich für diesen Markt interessieren, weil er ein großes Wachstumspotential hat. Und dass die deutsche Wirtschaft durchaus von hochklassiger Managerausbildung profitieren könnte.




1. Professor Abell, at the age of 64, you're looking back to a long career in management education. You're teaching at three renowned academic institutions in Switzerland. Where's the fun to become president ot a new business school in Germany, with very few money, no faculty, and in a political minefield?

It's always fun to find a project which is close to your personal interests, and where you think you can make a contribution. It's not true that there is little money (actually there is quite a commitment already) but it is true that there is no faculty. As far as being a political mine-field, quite honestly nothing like that has ever bothered me in the past. Sometimes people who plant mines blow themselves up doing it.

2. You have been president of IMEDE, which became IMD later on, up to 1989, to be succeeded by Peter Lorange. Is this a sort of late revenge, the chance to be the boss of your "own" business school, again?

I was amazed to receive your question since it never crossed my mind. Actually, over the last few years, I had quite a few other offers to lead schools, and I always turned them down because I could'nt see any new challenge in it. This one is different.

3. With Prof Wulff Plinke the ESMT already has a founding dean. What precisely will be your role? And what his?

From what I know so far, Wulff is willing to extend his leave from the University to continue his work on ESMT. This is a great chance for us, and you can be sure that we shall use it to the best advantage. Quite honestly, I haven't figured out yet how the organization will look, but Wulff will certainly play a major role as long as he is still on leave from the University.

4. ThyssenKrupp supervisory board chairman Gerhard Cromme has a very active role in creating the ESMT and, one can suppose, will stay on in an important supervisory function after the official launch on Oct 31. Won't you be sandwiched between Mr Cromme, very important also as fund raiser, and an acting dean for the day-to-day management?

Those who know me would certainly reassure you that I have not at any time in my career so far ended up in the middle of any sandwiches, and I certainly don't expect it to be the case here. On the contrary, all the evidence so far would suggest Dr Cromme, Derek Abell and Wulff Plinke are a pretty effective team.

5. Personal relations to German companies and their CEOs will be crucial for the success of the ESMT? How good are your contacts to corporate Germany?

A lot of things will be crucial to the success of ESMT, and certainly relationships are among them. Of course I have been in this business for many years and I know quite a few people all over the world, including Germany. But the advantage of having a very strong Supervisory Board, and a very strong Foundation Board, means that we shall not be short of connections at the right levels. Like everything else in life, whom you know is important, but what you can do for them is equally important, and here I think I have a big plus.

Just as a footnote, I did not go looking for this job at all. It was in fact the German companies and their CEOs who founded ESMT who came looking for me.

6. The ESMT will have, at the very best, a starting capital of 100 million Euro. That translates into an annual budget of around 10 million Euro. This seems to be a ridicolous amount of money compared to the founders' ambition to become the "German Harvard" (quote Cromme) within the next 5-10 years. Don't you see the risk that there simply is not enough money for such high ambitions and that the ESMT will end as a third-class school in the international context?

I think we need to sign you up for the first course we offer in accounting and finance! The 100 million of capital is on the balance sheet, and the interest from it will contribute to the revenue which is on the income statement. I don't know yet what proportion this interest income will account for in the steady state, but my guess is not more than 10 to 20% of revenues. In the start-up phase, you are right that it will be a larger percentage of the budget, but in that phase also our costs will necessarily be a lot lower. One of my priorities in the next few months will be to write a business plan that is fiscally sound, and see what this pattern of revenues and costs will look like as we move towards building a great School.

7. The ESMT proudly claims to become a European business school with a special European emphasis (called "European paradigm"). We have some difficulties to see the concept behind this pompous formula. What is European at the ESMT, especially taking into account that there is no non-German company among the member companies?

Focusing on Europe is certainly not a pompous idea. In fact, it is a market space which has not been filled adequately yet. As you know, IMD and INSEAD both have global reach, while many of the other business school names in Europe remain primarily on a national level. As far as member companies are concerned, it is quite true that the "founding fathers" have been German companies, since it has its home base in Germany. I doubt whether this could have been done any other way. The firm intention is to progressively widen the member base.

8. Could you briefly describe your personal ESMT vision, especially in the European and international context?

I could summarize my vision for ESMT but I shall not do so for two reasons at this point: the first is that we shall be going through it with the Supervisory Board in the next few weeks, and secondly the plan is to unveil it formally in Berlin at the opening on October 31st. I do hope you can be there personally, and just in case you have not received an invitation, please let me know so that I can fix it. You can be sure that it is going to be a powerful vision; otherwise I would not have taken the job.

9. How long will it last that the ESMT can really be compared to Harvard Business School or INSEAD?

We shall be as good as or better than Harvard or INSEAD on a certain number of basic dimensions; we should be quite different on others where we plan to invest in a distinct profile. My hope and plan is that people will say of us: "this is one of the great Schools of the world, but it is different than the rest of the pack at the top in X, Y and Z respects".

10. IMD President Peter Lorange said in a statement for Handelsblatt that he proposed you to leading ESMT-founder Cromme and that he is looking forward to cooperating very closely with your school.
Are you IMD's Trojan horse in Berlin?


If I am the Trojan horse, it's also true that I am probably the only soldier inside it at the moment. My guess is that the new institution will cooperate with a number of others where this seems to make sense, and I wouldn't be surprised if IMD were one of them on some well-defined and limited territory. Don't forget that we are going to compete hard with the leaders like IMD, INSEAD and Harvard, so I think the Trojan horse metaphor is really off the track.

11. Can we expect to see more IMD professors as guest professors or even permanent faculty in Berlin, especially given the situation that the ESMT desperately needs internationally renowned management professors and that IMD, on the other side, is looking for a stronger presence in Germany.

You say in your question "ESMT desperately needs internationally renowned management professors", and there is some truth in that. What I think is not true in the argument is that we shall have to bend over backwards to attract them. I believe good ones will see that this is a great project, and many will want to join in. I wasn't aware that IMD is looking for a stronger presence in Germany particularly. We are looking for it everywhere. In fact, we have quite a few German participants here already. I think the real story is that management education in Germany is still in a growth stage, and there is plenty more to be done. I think if first-class Schools like IMD and the ESMT really take an interest in this market, it is because it has high potential, both in terms of numbers of participants, and because German industry could well benefit from high quality executive education.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.12.2002