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Berater der Nation

Von Christoph Hardt
Sein Name gilt als Synonym für Strategieberatung in Deutschland. Diesen Mann nicht zu kennen, das kann sich bis heute niemand leisten, der behauptet, oben zu sein. Auch deshalb werden sie ihm morgen in der Münchener Residenz huldigen, 350 handverlesene Gäste, die Creme der Creme aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik. Roland Berger wird heute 70 Jahre alt.
Roland Berger. Foto: dpa
MÜNCHEN. Es gilt, Roland Bergers heutigen 70. Geburtstag zu feiern und damit jenen Mann, dessen Name Synonym ist für Strategieberatung hierzulande, den Vater aller Berater. Er ist es, der die Deutschland AG bis in die geheimsten Herzkammern untersucht hat, er hat aus diesem Wissen und seinem fast unglaublichen Geschick, Kontakte zu knüpfen und sie zu erhalten, viel Kapital geschlagen.Denn angesichts des Wirbels um den Großberater dürfte ein wenig verblassen, dass sein Unternehmen selbst Grund zum Feiern hat: 40 Jahre besteht die gleichnamige Partnerschaft, die Berger unermüdlich groß gemacht und bis heute geformt hat. "Abstand und Integrität, beides ist für einen Berater zentral?, hat er einmal gesagt. Die Kunst, sein alles andere als kleines Ego im entscheidenden Moment zurückzunehmen, um die Entscheidung dem Kunden zu überlassen, er hat sie perfektioniert. Was deutsch an seinem Unternehmen ist, darauf hat er bis zuletzt keine schlüssige Antwort gegeben. Konkurrenten argwöhnen bis heute, Berger habe seine engen Kontakte zur deutschen Politik immer wieder in ökonomischen Vorteil ummünzen können. Sie haben ihm, mit einer Ausnahme vielleicht, zumindest nicht geschadet.

Die besten Jobs von allen

Angefangen hat das alles Anfang der 60er-Jahre. Im Wirtschaftsstudium hat er ein Referat gehalten über die Frage, wie neue Firmen durch Ausgliederung von internen Unternehmensfunktionen an Dritte entstehen. Einer Kundin im Waschsalon, mit dem Berger sein Studium finanziert, erzählt er daraufhin, er wolle "Unternehmensberater? werden. Die alte Dame traut ihren Ohren nicht, Berater, das ist im Deutschland der Generaldirektoren ein Fremdwort. "Mein Sohn arbeitet in Italien für eine amerikanische Unternehmensberatung, fahren Sie hin.?Das also ist es. So kommt Roland Berger zu seinem Beruf. Ein Familienfoto zeigt einen eleganten Jüngling im Rom der Fellini-Zeit, er lacht und zeigt Zähne, als hätte er noch viel vor. Bei Boston Consulting heuert er an, es wird eine Weltkarriere. Im Jahr des großen Umbruchs, 1968, kehrt er nach München zurück, richtet sich ein kleines Büro ein. Sein Unternehmerblut siegt über den Zeitgeist. Heute berät Roland Berger Strategy Consultants mit 33 Büros Unternehmen in 23 Ländern. Mehr als 1 700 Mitarbeiter haben 2006 einen Umsatz von 555 Millionen Euro erwirtschaftet. Die Gesellschaft ist eine unabhängige Partnerschaft mit gut 150 Partnern. In Deutschland belegt Roland Berger Strategy Consultants im Segment der Strategieberatungen den zweiten Platz, in Europa Rang drei und weltweit Platz vier.Manchmal, wenn er heute so dasitzt und durch den Gesprächspartner hindurchschaut, könnte man glauben, er wäre schon sein eigenes Denkmal. Weit gefehlt: Zum einen hat er die Angewohnheit, immer ins Ferne zu schauen. Zum anderen ist er immer noch ein Perpetuum mobile. Vor zwei Tagen erst hat ihn Spezi Edmund Stoiber, mit dem er durch viele Höhen und Tiefen gegangen ist, zum Berater seines Brüsseler Anti-Bürokratie-Teams gemacht. Ruhend kann man sich ihn kaum denken.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Berger und die PolitikBerger und die Politik ? das ist ein eigenes Kapitel. Nach dem Sieg über Helmut Kohl bietet Gerhard Schröder dem Münchener den Posten des Wirtschaftsministers an. Berger lehnt ab. "Es war nicht Teil meiner Lebensplanung.? Wie aber hat er das Kunststück geschafft, gleichzeitig mit Schröder und Edmund Stoiber ein enges Verhältnis zu haben? Ex-Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff hat es so formuliert: "Figaro hier, Figaro dort ? wie in Mozarts Oper ist er immer schon da.?Einmal wird ihm die Politiknähe fast zum Verhängnis. Im Jahr 2004 wird er vor laufenden Kameras bei Sabine Christiansen von CDU -Ministerpräsident Christian Wulff abgewatscht. Von Gefälligkeitsgutachten für die abgewählte SPD -Landesregierung geht die Rede. Bis heute reagiert der Berater empfindlich. Seit diesem Tag ist er deutlich seltener in der Öffentlichkeit zu sehen. Stattdessen rückt sein Nachfolger an der Spitze der Beratung, Burkhard Schwenker, ins Rampenlicht.Irgendwie ist Stoibers Brüsseler Beraterjob für Berger eine kleine Wiedergutmachung. Denn für das Zukunftskonzept Bayern 2020, Stoibers politisches Vermächtnis, stand ausgerechnet Bergers Erzrivale Herbert Henzler Pate, der deutsche McKinsey, der Mann mit dem anderen Netz. Bis heute weiß man auch nicht so genau, wer mehr Kontakte hat in München und der Welt und bei wem die Management-Magazine häufiger anklopfen.Berger zählt zur letzten Generation deutscher Unternehmer, die noch vom Weltkrieg geprägt sind. Berger, er erzählt die Geschichte bis heute gerne, ist mit Tui berühmt geworden. Kaum selbstständig, entwickelt er für das Touristikunternehmen Touropa eine neue Marketingstrategie. Touropa ist ein kleiner Auftrag, aber er wird zum Meisterstück. Berger plädiert für die große Lösung, schlägt vor, Touropa, Scharnow, Hummel und Dr. Tigges zu fusionieren und daraus Tui zu machen.Zum ganz großen Erfolg braucht es jetzt nur noch den Ehrgeiz, die legendäre Zähigkeit. Nach außen gibt sich Berger manchmal fast schüchtern, nie hat er seinen doch erklecklichen Reichtum zur Schau getragen. Glaubt man dem "Manager Magazin?, dann ist er für 450 Mill. Euro gut und steht auf Platz 266 der reichsten Deutschen. Er sammelt moderne Kunst, seine Privatsammlung umfasst 250 Arbeiten bester Herkunft.Das wohl berühmteste Porträt stammt aus dem Jahr 1980, es zeigt einen noch jungen Mann mit gar nicht harten Zügen in der typischen grauen Schurwoll-Uniform seiner Berater. Roland Berger tritt hier, irgendwie schüchtern, in Denkerpose auf. Gemalt hat das Bild Andy Warhol.
Dieser Artikel ist erschienen am 22.11.2007