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Berater-Bedarf beim Werbekonzern

Von Maike Telgheder
Olaf Göttgens ist groß, wohlgenährt und wirkt manchmal geradezu gemütlich. Doch ihn deshalb zu unterschätzen wäre ein Fehler ? schließlich führt er ab heute den größten deutschen Werbekonzern: die BBDO.
FRANKFURT. Eigentlich hatte die Branche damit schon im vergangenen Jahr gerechnet, Göttgens galt als heißer Kandidat auf die Nachfolge Rainer Zimmermanns als Chief Executive Officer. Doch weil Göttgens strategischer Berater ist, BBDO aber vor allem die kreative Leistung steigern sollte, hatte Zimmermann sich mit André Kemper und Hubertus von Lobenstein namhafte Verstärkung von außen geholt.Unter dieses Kapitel zog BBDO vorgestern einen Schlussstrich: Beide verlassen das Unternehmen, was übrigens zu einer Protest-Demonstration von rund 100 BBDO-Mitarbeitern in der Düsseldorfer Zentrale geführt hat. Offiziell begründet der oberste BBDO-Chef Allen Rosenshine seine Personalpolitik mit der neuen europäischen Ausrichtung des Konzerns: Nur wie die aussehen soll ? dazu waren gestern in der BBDO-Holding weder Zimmermann noch Göttgens für eine Auskunft zu erreichen.

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Mit Göttgens kommt zumindest jemand, der Erfolge im Konzern vorweisen kann: Der 38-Jährige hat seit vier Jahren das Geschäftsfeld strategische Beratung für das Kommunikationsunternehmen erschlossen ? mit so viel Erfolg, dass auch andere größere Werbeagenturen in diesem Bereich aufgerüstet haben. Sein oberstes Ziel muss es jetzt sein, wieder für Ruhe zu sorgen: BBDO muss raus aus den Negativ-Schlagzeilen.Als ?tough? und ?sehr zielorientiert? wird Göttgens von Kollegen beschrieben. Weil er zuhören könne und auf seine Mitmenschen eingehe, traut ihm mancher zu, die vielen Unternehmen und Partneragenturen mit ihren Einzelinteressen im BBDO-Konzern zu vereinen.Lesen Sie weiter auf Seite 2:Unbedingter EntscheidungswilleAndererseits spielt Göttgens als neuer BBDO-Chef in einer komplett anderen Liga: Statt der 100 Mitarbeiter von BBDO Consulting muss er künftig weit über 3 000 führen. Und bei weiterhin schwierigem Werbemarkt das Wachstum des Konzerns forcieren, um die Vorgaben der Mutter aus New York erfüllen zu können. Doch Göttgens, der mit ?summa cum laude? an der Uni Saarbrücken promovierte, hat sich schließlich schon in seiner Dissertation mit den ?Kritischen Erfolgsfaktoren in stagnierenden und schrumpfenden Märkten? beschäftigt. Zudem bescheinigen ihm seine Kollegen einen unbedingten Entscheidungswillen: ?Göttgens verbindet eine natürliche Dominanz mit der Fähigkeit, strategisch zu denken?, formulierte Udo Klein-Bölting, sein langjähriger Weggefährte kürzlich.Göttgens, in Baden geboren, startete seine Berufslaufbahn 1991 bei der Deutschen Gesellschaft für Mittelstandsberatung, 1994 wechselte er zu Andersen Consulting. 1999 holte ihn der damalige BBDO-Chef Uwe Schmidt, ebenfalls von Haus aus Berater, nach Düsseldorf. Zusammen mit Klein-Bölting sollte er eine strategische Markenberatung aufbauen. Schmidt ging kurz darauf, Zimmermann kam, Klein-Bölting wechselte ins BBDO-Board, und Göttgens weitete das Consulting-Geschäft international aus: Heute gibt es Büros in London, Madrid, New York und Zürich. 2003 erschien BBDO Consulting erstmals in der Liste der größten deutschen Strategieberatungen, auf Platz 23 mit 15 Millionen Euro Honorarumsatz.Durch seinen wirtschaftlichen Erfolg hat sich Göttgens eine gute Position im BBDO-Konzern erarbeitet, findet Detmar Karpinski, geschäftsführender Gesellschafter der Hamburger Agentur KNSK, an der BBDO beteiligt ist. Zudem sei er mit den Strukturen vertraut und kenne die handelnden Personen ? das dürfte Göttgens seine neue Aufgabe sicherlich etwas erleichtern.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.04.2004