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Benneter - die ranghöchste Randfigur

Von Barbara Gillmann, Handelsblatt
Die sozialdemokratische Hütte brennt, und Klaus Uwe Benneter spielt keine Rolle. Ein Jahr ist ?Benny Bürgerschreck?, wie sie ihn zu seinen Juso-Zeiten in den 70er-Jahren nannten, nun Generalsekretär der Partei ? erschreckt hat er bislang niemanden. Im Gegenteil.
Klaus Uwe Benneter (rechts) neben Franz Müntefering
BERLIN. Mittwochabend, vor zwei Wochen. Es ist gegen 19 Uhr, als im Kanzleramt die Spitzen der Koalition zusammenkommen, um den Jobgipfel vorzubereiten. Getrieben von der Union, schwingt sich Rot-Grün auf, noch mal das Heft in die Hand zu nehmen. Es geht um mehr als um die Zukunft Deutschlands, es geht um die Zukunft der rot-grünen Koalition. Auch Franz Müntefering hat eingesehen, dass die ungeliebte Steuersenkung für Unternehmen nun sein muss, und bringt dies wortreich der Parteilinken Heidemarie Wieczorek-Zeul bei. Einer sitzt anderthalb Stunden still daneben, erinnern sich Teilnehmer. Generalsekretär Klaus Uwe Benneter mischt sich nicht ein, er überlässt den Alphatieren das Wort.Bei der entscheidenden Runde danach, als Gerhard Schröder, Müntefering, Joschka Fischer und Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier das Paket endgültig schnüren, das der Bundeskanzler tags darauf zuerst dem Parlament und am Nachmittag Angela Merkel und Edmund Stoiber persönlich präsentiert, ist der Generalsekretär gar nicht erst dabei.

Die besten Jobs von allen

Die Bilder gleichen sich: Auch im Parteivorstand am Montag darauf, als die Granden den Jobgipfel nacharbeiten und das Desaster in Schleswig-Holstein betrauern, ist von ,KUB?, wie er im Willy-Brandt-Haus firmiert, nichts zu hören. Keiner kann sich später an einen Beitrag des Generals erinnern. ?Neben dem Parteivorsitzenden ist eben kein Platz mehr?, meint ein Vorstandsmitglied.Lesen Sie weiter auf Seite 2:Die sozialdemokratische Hütte brennt, und Benneter spielt keine Rolle, und das nicht zum ersten Mal. Ein Jahr ist ?Benny Bürgerschreck?, wie sie ihn zu seinen Juso-Zeiten in den 70er-Jahren nannten, nun Generalsekretär der Partei ? erschreckt hat er bislang niemanden. Im Gegenteil: Wen immer man fragt in der SPD, der lobt Benneters wahrhaft überbordende, echte Freundlichkeit ? weil ihm sonst nichts Rechtes einfällt, zumindest nichts Positives. Nach einem Amtsjahr ist er die ranghöchste Randfigur in der SPD. Anderes hat Müntefering für den 58-Jährigen auch gar nicht vorgesehen.Eigentlich aber steht in den Regeln der SPD etwas ganz anderes: Der Generalsekretär ?führt die Geschäfte?, ?koordiniert die Parteiarbeit?, ?leitet die Zentrale? und ist zudem ?für die Bundestagswahlkämpfe zuständig?, heißt es in der Satzung. Nichts davon trifft auf den freundlichen Karlsruher zu, der sich bis heute nicht die in der Hauptstadt übliche Aggressivität aneignen mochte. Die inhaltliche Linie gibt Müntefering vor, auch alle wichtigen Basistermine übernimmt er selbst. Herr der Organisation ist Bundesgeschäftsführer Kajo Wasserhövel, der wichtigste Vertraute Münteferings. Ansonsten gehört noch Sprecher Lars Kühn zum engsten Kreis ? Benneter nicht.Der versucht gar nicht erst, sich wichtiger zu machen, als er ist. Er sieht seine Hauptaufgabe darin, die Basis auf dem Laufenden zu halten und die Wahlkämpfer zu unterstützen, und das ?möglichst im Hintergrund?. So informierte er vergangenes Jahr über Monate die Landes- und Bezirkschefs per Telefonkonferenz darüber, was im Präsidium Thema war ? und trug so zur Beruhigung der desolaten Stimmung bei.Entscheidend aber sind Müntefering und Schröder. Wer meint, er könne sich ?dazwischendrängen, wäre fehl am Platz?, lächelt Benneter, wie immer mit leicht geschürzten Lippen, die ihm etwas Amüsiertes, etwas Leichtes geben, das so gar nicht zum Ernst der Lage passen will.Lesen Sie weiter auf Seite 3:Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Olaf Scholz, der einst die ?Lufthoheit über den Kinderbetten? für die SPD erobern wollte, sei Benneter ?bisher wenigstens nicht negativ aufgefallen?, tröstet sich ein Abgeordneter. Benneter ist nicht mal beleidigt: Sein Job funktioniere ?am besten, wenn er geräuschlos ist?. Ein Präside hängt die Latte bewusst niedrig: Benneters Aufgabe sei, ?die Basis zu beglücken und möglichst ein paar pfiffige Auftritte in den Medien zu absolvieren?. Aber auch das funktioniert oft nicht. So manche Ortsgruppe sei nach seinen Besuchen ?so schlau wie vorher?, räumt derselbe Präside ein. Als Benneter jüngst in Hessen war, verspotteten ihn die Jusos nachher als ?Schlaftablette?.Für die Schlagkraft in den Medien fehlt Benneter die unter Generalsekretären übliche Grobschlächtigkeit. ?Ich bin eben kein Haudrauf?, räumt er ein. Und schon gar ?kein zweiter Peter Glotz?, klagen die Sozialdemokraten. Wehmütig erinnern sie sich an den intellektuellen Überflieger im Amt, das Benneter nun verwaltet. Doch auch hier suchen sie Trost ? Laurenz Meyer und Volker Kauder von der Union seien ja auch ?keine Geißlers?.So richtig übel nehmen sie Benneter die offensichtlichen Defizite bislang nicht. Die Basis sei halt nur ?traurig?, berichtet eine Präsidin, wenn sich Klaus Uwe nicht so durchsetze ? etwa in der ?Berliner Runde?, im politischen Nahkampf mit den Kauders und Söders der Republik. Oder wenn er sich so richtig verheddert wie nach einer Präsidiumssitzung, als er die Dimension der Agenda 2010 in einen Satz packen wollte: ?Von den zwei Jahren sind noch acht vor uns ? gerechnet von einem Zehn-Jahres-Zeitraum?.Lesen Sie weiter auf Seite 4:Warum ausgerechnet Benneter Generalsekretär wurde, ist heute also noch weniger klar als bei seiner Wahl vor einem Jahr. Vielleicht nur, damit ein ehemaliger Linksaußen ganz oben mitmischt? Oder doch, damit der Kanzler auch nach seinem Rücktritt von der Parteispitze einen Freund aus Juso-Tagen in der Parteizentrale hat?Schröder war es, der bei Willy Brandt dafür eintrat, dass der 1977 wegen Linksabweichlertum aus der Partei geworfene Juso-Chef wieder in den Schoß der Partei zurückkehrte, und der ihm 2002 im Wahlkampf mit seinem Besuch in der Berliner Kleingartenkolonie womöglich das Direktmandat sicherte.Das Kanzleramt weist die Version als ?echte Mär? zurück. Egal, meint ein Abgeordneter. Klar sei aber: ?Auch wenn er das noch zehn Jahre macht, wird keiner sagen, der hat uns echt nach vorn gebracht.?
Dieser Artikel ist erschienen am 31.03.2005