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Ben Wer?

Sebastian Matthes
Der BenQ-Konzern schluckt die Siemens-Handysparte. Die Chinesen wollen ihr Billigimage abstreifen ? für einige Siemens-Mitarbeiter ist das eine Riesenchance.
Während ihre Kollegen in der Fertigung die Tage bis zur Kündigung zählen, schlürfen die beiden Entwickler in Ruhe einen Kaffee. Mittagspause. Die beiden sitzen in der Landbäckerei Berns, wenige hundert Meter vom Siemens-Handywerk im nordrhein-westfälischen Kamp-Lintfort entfernt. Mit Zeitung, Getränk und Mettbrötchen haben sie sich unter einen der gelben Sonnenschirme verzogen. ?Es ist gut, dass endlich eine Entscheidung getroffen wurde?, sagt der eine. ?Ohne die Chinesen hätten wir alle einpacken können.? Die Entwickler, die nicht genannt werden wollen, tüfteln an neuen Multimedia-Anwendungen für Mobiltelefone. Für sie sieht die Zukunft gut aus.Für 340 ihrer Kollegen in der Fertigung dagegen ist Ende des Jahres Schluss. Maschinen werden ihren Job übernehmen. Auch die Kollegen, die vorerst bleiben dürfen, bangen um ihren Job: Was hat BenQ-Chef Kuen-Yao Lee mit rund 3.700 Siemensianern in Deutschland vor? BenQ, ein in Europa weitgehend unbekanntes taiwanesisches Multimedia-Unternehmen, hat von der EU-Kommission die Genehmigung bekommen, ab Oktober die hoch defizitäre Handysparte des Elektronikkonzerns zu übernehmen.

Die besten Jobs von allen

Für Siemens ist das der lang ersehnte Ausstieg aus dem Mobiltelefon-Abenteuer, für BenQ dagegen eine Riesenchance. Die Taiwaner steigen in das europäische und südamerikanische Handygeschäft ein und machen ihre Marke über Nacht weltbekannt. Zumindest für einige Siemens-Mitarbeiter könnte die Übernahme die Rettung bedeuten. Denn so wie jetzt wäre es nicht weitergegangen.Seit 2001 sucht Siemens einen Partner für sein verschuldetes Sorgenkind. Etablierte Anbieter wie Motorola winkten gleich mehrfach ab. Sie schreckten vor einer Übernahme der teuren Fabriken in Deutschland zurück. Die Kosten nimmt BenQ nun in Kauf. Nach monatelangen Verhandlungen haben die Taiwaner zugeschlagen. Zahlen müssen sie allerdings nichts. Siemens ist so froh, die Handysparte los zu sein, dass sie neben der weltbekannten Marke noch Bargeld, Patente und Hilfe beim Marketing drauflegen. ?Damit macht BenQ ein gutes Geschäft?, sagt Dan Bieler, Telekommunikationsexperte bei der Unternehmensberatung Ovum. Absender unbekannt ?Ben wer??, fragt eine Mitarbeiterin in der Pressestelle der Deutschen Bank. ?Nie gehört. Wie schreibt man das?? Es ist schwer, Analysten zu finden, die über die Taiwaner kompetent Auskunft geben können. Wen wundert?s: Nach der Studie Stern-Markenprofile kennen weniger als ein Prozent der Deutschen den Namen BenQ. Dabei dürften schon einige der Schnäppchenjäger hierzulande BenQ-Produkte in den Händen gehalten haben. Zum Beispiel bei Tchibo. Die Handys des Kaffeerösters, auf denen das TCM-Label klebt, stammen aus den Werken von BenQ.Die 2001 vom taiwanischen Computerkonzern Acer abgespaltene Multimedia-Tochter setzte 2004 mehr als fünf Milliarden Dollar um. Neben Telefonen verkauft das Unternehmen, das seinen Umsatz seit 2001 mehr als verdreifachte, LCD-Fernseher, Videoprojektoren und Laptops in die ganze Welt ? allerdings nicht unter dem eigenen Namen. Den größten Teil seines Geldes verdient BenQ mit Auftragsfertigung, siehe Tchibo. Die Taiwaner schrauben die Geräte zusammen, andere kleben ihren Namen drauf.Doch dieses Geschäft stößt an seine Grenzen. Wegen der steigenden Löhne in Taiwan gehen zunehmend Aufträge an Billiganbieter auf dem chinesischen Festland verloren. Deswegen versucht Konzernchef Lee, die eigene Marke durchzusetzen. Damit lässt sich auf Dauer mehr Geld verdienen, vorausgesetzt, die Konsumenten kennen BenQ und vertrauen dem Unternehmen. Deswegen ist die Übernahme der Siemens-Handysparte ein kluger Schachzug: 84 Prozent der Deutschen haben den Namen des Handyherstellers schon mal gehört, die Marke genießt Vertrauen bei Kunden auf der ganzen Welt.Im nächsten Jahr sollen 30 neue Modelle mit dem Namen BenQ Siemens auf den Markt kommen. Das erste feiert im Februar in Barcelona Premiere. Später, wenn BenQ bekannt ist, soll der Name Siemens langsam verschwinden. Aus BenQ Siemens wird BenQ. Fünf Jahre dürfen die Taiwaner den Namenszusatz benutzen, steht im Kaufvertrag. Christian Prill von der Brandmeyer Markenberatung in Hamburg hält das für eine gute Strategie. ?Die Zeit reicht, um die Marke BenQ mit der nötigen Bekanntheit und Renommee aufzuladen. Und das Handy ist wegen seines großen Einflusses auf den Alltag der Kunden sehr gut geeignet, eine globale Marke auch für die anderen Produkte von BenQ zu etablieren.?Der neue Stern am Handyhimmel macht den etablierten Markenherstellern Angst. Motorola, einer der ehemaligen Auftraggeber der Taiwaner, kündigte seine Fertigungsaufträge bei BenQ, ein Großauftrag von Nokia ging an die Konkurrenz. Im vergangenen Quartal hatte BenQ deswegen bereits einen heftigen Geschäftseinbruch hinnehmen müssen. Zu groß erscheint den Markenherstellern die Gefahr, dass sie durch ihre Aufträge einen Konkurrenten aufpäppeln. Doch für diese Sorge ist es zu spät. Ohne Siemens hatte BenQ mit seinen Mobiltelefonen einen Marktanteil von weit unter einem Prozent. Ab Oktober sind sie mit rund fünf Prozent Marktanteil sechstgrößter Handyhersteller der Welt.Den vollständigen Artikel lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der karriere.karriereUrteil Siemens/BenQ Mobile*

Standorte: München, Kamp-Lintfort, Manaus (Brasilien), Schanghai
Umsatz: 5 Mrd. Euro (Siemens-Handysparte), 5 Mrd. Dollar (BenQ)
Mitarbeiter: Siemens-Handysparte: 3.700 (Deutschland), 6.000 (weltweit); BenQ: 40 (Deutschland), 27.000 (weltweit)
Geplante Einstellungen: k.A.
Kontakt für Bewerber: Stand bei Redaktionsschluss nicht fest. www.benqsiemens.de
*Die Bewertung stellt die Siemens-Handysparte in den Mittelpunkt.
Marktführer Siemens hat einen Absatzeinbruch von rund 20 Prozent hinnehmen müssen und ist mit einem weltweiten Marktanteil von 4,7 Prozent auf Platz sechs. Es ist zu erwarten, dass sich der Absatz unter BenQ stabilisiert, weil die Zukunft des Unternehmens vorerst gesichert ist.Kuschelfaktor In den nächsten Monaten kommt alles auf den Prüfstand. Das Abschneiden der einzelnen Bereiche steht dabei im Mittelpunkt. Sehr wahrscheinlich wird der Leistungsdruck in allen Bereichen zunehmen.Entwicklung Siemens hat auf Instrumente wie Coaching, fachliche Weiterbildung und das Ausschöpfen der Mitarbeiterpotenziale großen Wert gelegt. Es war üblich, Führungspositionen mit Mitarbeitern aus dem eigenen Haus zu besetzen.Jobsicherheit Unklar ist, wie viele deutsche Mitarbeiter nach Ablauf der Beschäftigungsgarantien bleiben dürfen (siehe Haupttext). Marketing und Entwicklung bleiben eher in Deutschland. Hier gibt es gute Chancen für Bewerber.Work-Life-Balance Bisher waren Leistungen wie Betriebskindergarten, Telearbeitsplätze, Betriebssport etc. Standard. Spezielle Work-Life-Balance-Programme gibt es nicht. BenQ hat bereits angekündigt, sich der deutschen Arbeitskultur anzupassen.Gehalt Die Einstiegsgehälter waren bei Siemens tarifvertraglich geregelt. BenQ verhandelt mit den Gewerkschaften und wird wohl den Flächentarifvertrag übernehmen und in die Arbeitgeberverbände eintreten.
Dieser Artikel ist erschienen am 04.10.2005