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Belgier mit direktem Draht nach oben

Von Caspar Busse, Handelsblatt
Der 46 Jahre alte Belgier Guillaume de Posch gilt schon lange als der heimliche Chef von Pro Sieben Sat 1. Haim Saban hatte ihn im September 2003 als Aufpasser für Urs Rohner in den Konzern geholt.
Guilliaume de Posch, Vorstandsvorsitzende von Pro Sieben Sat 1. Foto: dpa
MÜNCHEN. Zu diesem Zeitpunkt war die harte Nachricht schon überall unterwegs: Guillaume de Posch, enger Vertrauter von Haim Saban und dessen Vize Adam Chesnoff, wird künftig die Geschäfte von Deutschlands größtem TV-Konzern führen.Damit geht bei Pro Sieben Sat 1 schon wieder eine Ära zu Ende: die von Urs Rohner, der noch von Leo Kirch eingestellt worden war. Saban hatte de Posch bereits vor einem guten halben Jahr nach München geholt. Im September 2003 ernannte er den Belgier, der mit einer Deutschen verheiratet ist, zum Konzernvorstand und machte ihn zum Aufpasser für Konzernchef Rohner. De Posch erhält die Zuständigkeit für das gesamte operative Tagesgeschäft und besetzt damit von Anfang an eine Schlüsselposition. Aber der 46-Jährige gilt schon lange als der heimliche Chef. Er habe sich als ?echter Führer? erwiesen und sei einzigartig in der Branche, lobte ihn gestern Saban.

Die besten Jobs von allen

De Posch war es bisher schon, der den direkten Zugang zu Saban nach Los Angeles hatte. De Posch und Saban kommunizieren auf Französisch. Zum Belgier musste man auch gehen, wenn es um die wirklich wichtigen Dinge ging, berichten Insider. Aus dem Konzern ist zu hören, de Posch und Rohner arbeiteten schon seit Monaten mehr gegen- als miteinander. ?Es ist eigentlich egal, wer unter de Posch Vorstandsvorsitzender ist?, wurde in der Branche gewitzelt. Jetzt ist der Machtwechsel auch offiziell.Der unscheinbar wirkende, aber machtbewusste Medienmanager mit dem dunklen Haar und der Brille, der eher an einen Buchhalter erinnert und fließend Deutsch spricht, übernimmt eine schwere Aufgabe: Pro Sieben Sat 1 soll endlich das Image des ewig Zweiten hinter der RTL-Gruppe ablegen. Erste Erfolge hat Rohner gemeldet, aber die tiefe Branchenkrise ist noch nicht durchgestanden. Nicht ausgeschlossen, dass nun bei Pro Sieben Sat 1 noch mal hart gespart wird und Jobs gestrichen werden.Saban und seine Finanzinvestoren, die den TV-Konzern im vergangenen Herbst übernommen haben, wollen Gewinne sehen. Und auch die Aktie, die zuletzt deutlich nach unten gegangen ist, soll wieder teurer werden. Eine Kapitalerhöhung muss de Posch außerdem noch bis Sommer platzieren. Ohnehin wird gemunkelt, dass die neuen Herren aus den USA in wenigen Jahren ? nach dem Ende der Medienkrise ? wieder aussteigen wollen, natürlich mit einem ansehnlichen Gewinn.Anders als Rohner, als Wirtschaftsanwalt aus der Schweiz ein Neuling in der Branche, kommt de Posch vom Fach. Leute, die Pro Sieben Sat 1 nahe stehen, schildern den Belgier als angenehmen und höflichen Menschen. Nach Wirtschaftsstudium in Brüssel und einer Zwischenstation als Unternehmensberater bei McKinsey geht er 1993 zur RTL-Gruppe nach Luxemburg und macht Karriere. 1997 wird er Vizechef des französischen Pay-TV-Unternehmens TPS. Dort wirbt ihn Saban für Pro Sieben ab.Die vierjährige Amtszeit Rohners klingt dagegen wie die Chronik eines lange angekündigten Ausscheidens. Immer wieder steht er auf der Kippe. Leo Kirch kürt den Rechtsanwalt Ende 1999 völlig überraschend zum neuen Chef bei Pro Sieben. Doch der Schweizer mit der sportlichen Figur, der 1981 und 1982 Schweizer Meister im Hürdenlauf war, hat von Anfang an Imageprobleme.Im Vergleich zu seinem glamourösen Vorgänger Georg Kofler, heute Chef bei Premiere, wirkte der renommierte Kapitalmarktexperte blass und trocken. Dennoch, Rohner war der rechte Mann zur richtigen Zeit. Im Sommer 2000 führte er die Kirch-Sender Pro Sieben und Sat 1 nach langen Verhandlungen unter ein Dach. ?Das hat er technisch gut gemacht?, wird Rohner noch heute gelobt. Nur, die Sender pflegten weiter ihre Konkurrenz zwischen München (Pro 7) und Berlin (Sat 1). Ein echter Verbund sei bis heute nicht entstanden, monieren Kritiker.Im Herbst 2001 wollte Kirch den TV-Konzern mit Kirch Media fusionieren, Rohners Chefposten hätte zur Disposition gestanden. Doch das Vorhaben scheiterte, die Kirch-Gruppe ging im April 2002 schließlich in die Insolvenz. Hinter vorgehaltener Hand sparten damals gerade die Banken nicht mit Kritik am TV-Manager: zu wenig Strategie, zu wenig Durchsetzungsvermögen. Als Rohner dann mit dem Ziel, die Senderchefs abzulösen, an internen Widerständen scheiterte, war sein Ruf vollends ramponiert.So kann es nicht verwundern, dass seit der Übernahme der Senderfamilie durch Saban auch über die Zukunft des Schweizers spekuliert wurde. ?Er genießt unser uneingeschränktes Vertrauen?, sagte jedoch der Amerikaner und verlängerte im Herbst 2003 den Vertrag mit dem Mann, den er ?my friend Urs? nennt, bis 2006. Jetzt bat Rohner Saban um Vertragsauflösung ? ?aus einer ganzen Reihe von Gründen?.Dabei hat Rohner vor gut zwei Wochen noch bewiesen, was für ein Kerl er ist. Auf einem Wok hat sich der Schweizer für Stefan Raabs TV Total die Bobbahn am Königsee hinuntergestürzt ? live auf Pro Sieben. Der Hobby-Schifahrer belegte einen guten Mittelfeldplatz. Nicht auszuschließen, dass er beruflich aber bald wieder an der Spitze mitmischt: Demnächst will er seinen Wechsel zu einem Schweizer Großunternehmen bekannt geben.
Vita: Guillaume de Posch1958 wird er in Arlon in Belgien geboren.
1978 beginnt er das Betriebswirtschaftsstudium in Brüssel.
1984 beginnt er seine Karriere beim internationalen Energiekonzern Tractebel und geht schließlich nach Hongkong.
1990 wechselt er zur Unternehmensberatung McKinsey.
1993 heuert er bei RTL in Luxemburg an, zunächst als Assistent der Geschäftsführung. Dann geht er zum französischen Pay-TV-Anbieter TPS.
2003 holt ihn Haim Saban zu Pro Sieben Sat 1. De Posch, der unter anderem Französisch, Englisch und Deutsch spricht, werden gute Beziehungen zu dem Amerikaner nachgesagt. Die beiden stehen zwischen München und Los Angeles in engem E-Mail-Kontakt.
Dieser Artikel ist erschienen am 24.03.2004