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Bei Siemens kommt es ?Knall auf Fall?

Überraschung in München: Finanzchef Heinz-Joachim Neubürger verlässt den Technologiekonzern. ?Das ist in der Tat Knall auf Fall gekommen?, sagte ein Analyst. Ein Nachfolger für den 53-Jährigen steht bereits fest. Und das ist nicht die einzige Änderung bei Siemens.
Siemens-Chef Klaus Kleinfeld baut die Konzernspitze um. Foto: ap
HB MÜNCHEN. Der Aufsichtsrat werde den derzeitigen Strategiechef Joe Kaeser zum neuen Finanzvorstand berufen, der Neubürger bereits am 1. Mai 2006 ablösen soll, teilte Siemens am Mittwoch mit. Der 53-Jährige Neubürger verlasse das Unternehmen auf eigenen Wunsch wegen persönlicher Entscheidungen, sagte ein Sprecher. Er werde allerdings weiterhin als Berater zur Verfügung stehen, hieß es. Neubürger werde seinen Vorstandsvertrag, der bis Ende September 2007 läuft, nicht verlängern, hieß es. Der langjährige Investmentbanker und renommierte Finanzfachmann Neubürger war seit 1998 für die Zahlen des Konzerns verantwortlich.
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Neubürger galt vor der Berufung von Klaus Kleinfeld lange als potenzieller Nachfolger von Ex-Siemens-Chef Heinrich von Pierer. Er sei an den Finanzmärkten ?hoch geachtet? gewesen, sagte Falk Reimann von der Landesbank Baden-Württemberg. Die Börse werde die Nachricht vermutlich negativ aufnehmen, erklärte der Branchenexperte. Die Siemens-Aktie verlor bis zum Mittag dann auch 0,3 Prozent auf 75,99 Euro.Sein Nachfolger Kaeser ist seit 1980 bei Siemens. Der 48-Jährige hat das Performance-Controlling des Konzern mit aufgebaut und war auch schon beim früheren Bereich IC Mobile Finanzchef. Das Handygeschäft haben die Münchener im vergangenen Jahr an die taiwanesische BenQ verkauft.Montes kommt zu ComEin Stühlerücken gibt es auch auf anderen Spitzenpositionen des Konzerns. Gleichzeitig mit Kaeser übernehme der Spanier Eduardo Montes den Vorsitz des Bereichsvorstands Communications. Er trete bei Com an die Stelle von Thomas Ganswindt, der sich wieder auf seine Funktion als Mitglied des Zentralvorstands konzentrieren werde. Die Sorgensparte Com wird derzeit umgebaut. Bis 2007 soll der schlingernde Bereich die von Kleinfeld gesteckten Renditeziele erwirtschaften - zuletzt war er noch weit davon entfernt. Die Zukunft des Geschäfts im Konzern ist ungewiss, in letzter Zeit kamen immer wieder Spekulationen über den Verkauf von Teilbereichen auf. Erst am Dienstag kündigte der Konzern an, einen Teil seiner Entwicklung im Festnetzbereich an die finnische TietoEnator abzugeben.Auch Weyrich verabschiedet sichHermann Requardt werde zum 1. Oktober 2006 Leiter der Corporate Technology und damit Claus Weyrich nachfolgen. Der 63-jährige Weyrich verabschiede sich im September in den Ruhestand. Der Bereich werde nun erstmals auf der Ebene des Zentralvorstands angesiedelt, sagte ein Sprecher. Damit wolle Konzernchef Klaus Kleinfeld die Bedeutung der Innovationen für den Konzern unterstreichen, erklärte der Sprecher.Nicht mehr verlängert wird auch der Vertrag von Zentralvorstand Edward Krubasik (62).Alle neu berufenen Vorstände verfügten über langjährige internationale Erfahrung, betonte der Siemens-Sprecher. Im Durchschnitt hätten die neuen Vorstände rund sieben Jahre im Ausland verbracht und mehrere Bereiche des Industriekonzerns durchlaufen. Siemens wolle sich verstärkt als globaler Konzern auch im Top-Management aufstellen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Analysten bedauern Neubürgers RückzugAnalysten bedauern Neubürgers RückzugAm Finanzmarkt sorgte der Rücktritt Neubürgers für Erstaunen. Falk Reimann von der Landesbank Baden-Württemberg sprach von einem ?vollkommen überraschenden? Schritt. Er könne sich nur zwei Gründe für die Entscheidung des Finanzvorstands vorstellen: Entweder Neubürger habe einen neuen Posten als Vorstandsvorsitzender eines größeren Konzerns in Aussicht oder ?er hört einfach ganz auf?. Letzteres sei mit Blick auf Neubürgers Alter von 53 Jahren eher ungewöhnlich.Mit Blick auf den neuen Finanzvorstand Kaeser sagte Reimann, dieser habe vor allem als Verhandlungsführer auf Unternehmensseite bei der Einführung der 40-Stunden-Woche in der Handy-Produktion in Nordrhein-Westfalen im Vordergrund gestanden.?Das ist in der Tat Knall auf Fall gekommen?, zeigte sich ebenfalls Analyst Michael Bahlmann von MM Warburg überrascht. ?Es gibt wenige Leute, die einen so guten Überblick über den Konzern haben wie er?, fügte er mit Blick auf Neubürger hinzu. ?Er genießt bei Investoren zu recht einen sehr guten Ruf. Aus meiner Sicht ist das ein Verlust für Siemens.? Seinen Nachfolger kenne er noch nicht gut. ?Aber Siemens wird sich da schon gut überlegt haben, wen sie da zum CFO machen.?
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Auch Robert Gallecker von der BayernLB bedauerte den Schritt. ?Ich finde es schade, denn Neubürger war immer ein ruhiger und zuverlässiger Pol und trotzdem zielorientiert?, sagte er. Kaeser werde aber aller Wahrscheinlichkeit den Kurs seines Vorgängers fortsetzen. ?Ich erwarte mir jetzt nicht die große Wundertüte und auch nicht den großen Bruch. Kaeser wird jetzt nicht das krasse Gegenteil verkörpern.? Die Erfahrungen des Nachfolgers im Bereich der Finanzen und der Strategie seien groß. Die Siemens-Aktie verlor 0,4 Prozent auf 75,94 Euro.Kritisch sieht zudem die IG Metall den Austausch des Finanzchefs. Die Berufung des Kleinfeld-Vertrauten Kaeser deute darauf hin, dass es an der ?rigorosen strategischen Ausrichtung an den Erwartungen des Finanzmarkts? bleibe. Kaeser habe die Verhandlungen um den Fortbestand der Werke in Bocholt und Kamp-Lintfort mit großer Härte geführt und sei auch deshalb schon 2004 zum Strategie-Vorstand ernannt worden.
Dieser Artikel ist erschienen am 22.03.2006