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Bei ?Maman? im Job ist alles selbstverständlicher

Von Holger Alich, Handelsblatt
In Frankreich haben es Frauen mit Kind im Job viel leichter als deutsche Karrierefrauen.
Angela Espermüller blickt auf die Uhr. ?Um zehn vor zwei muss ich aber weg?, sagt sie und überfliegt die Speisekarte. Die Pressesprecherin der Mondial Assistance hat nicht viel Zeit. Daher wählt sie für ihre Mittagspause eine Brasserie aus, die ganz in der Nähe ihres Arbeitsplatzes liegt, im edlen neunten Pariser Arrondisement. Die Betriebwirtin leitet die Presseabteilung des Weltmarktführers für Assistance-Dienstleisters, der zum Beispiel Hilfe für havarierte Autofahrer organisiert. Da trägt Angela Espermüller die Verantwortung für vier Mitarbeiter, zu Hause für ihre dreijährige Tochter Inès Sofie.Frau sein, Kinder haben und trotzdem nicht auf Karriere verzichten - in Frankreich ist das nichts Ungewöhnliches. Westlich des Rheins haben es Frauen im Job leichter ? und nicht allein dank des guten Kinderbetreuungsangebots. ?Frauen werden im Berufsleben selbstverständlicher akzeptiert?, findet Sandra Horstmeier, die in Lyon beim Pharmakonzern Merck in der Direktionsassistenz arbeitet. ?In Frankreich ist Gleichstellung eher möglich. Ohne dass Frauen Weiblichkeit aufgeben müssen und Männer nicht mehr galant sind?, pflichtet Espermüller bei.

Die besten Jobs von allen

Der Unterschied fängt schon bei der Kleidung an. ?Berufstätige Frauen kleiden sich femininer. In Deutschland wird stärker zwischen Beruf und Freizeit getrennt?, sagt Sandra Horstmeier. ?Die französischen Frauen versuchen nicht, ihre Weiblichkeit in den Hintergrund zu rücken, wie das manchmal in Deutschland zu beobachten ist?, meint Angela Espermüller. Auch kurze Röcke gehören wie selbstverständlich zum französischen Business-Outfit.Dabei will keine der beiden deutschen Frauen ? jede hat auf beiden Seiten des Rheins Berufserfahrung gesammelt ? Frankreich als Paradies für Frauen hochstilisieren. Probleme wie sexuelle Übergriffe und ungleiche Behandlung der Geschlechter gibt es auch hier. Aber grundsätzlich geht die französische Berufswelt mit Frauen unverkrampfter um. Die Folge: Französinnen fühlen sich nicht so stark unter Druck, sich beweisen zu müssen.Die größten Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich treten dann zutage, wenn Frauen Mütter werden. Bekommt eine berufstätige Deutsche ? was immer seltener vorkommt ? ein Kind, bleibt sie nach der Geburt des Kindes oft ein Jahr oder länger zu Hause. Wer schneller wieder in den Beruf einsteigt, muss sich gegen den Ruf als Rabenmutter wehren. Entgegengesetzt die Mentalität in Frankreich: ?Wenn man nach der Geburt nicht bald im Job zu Potte kommt, wird man komisch angesehen?, meint die zweifache Mutter Sandra Horstmeier, die ?erstaunt ist, wie viele berufstätige Frauen ? auch in Führungspositionen ? noch kleine Kinder haben.? In Frankreich kommt niemand in Erklärungsnot, auch mit Kindern seine eigenen beruflichen Ziele weiterverfolgen zu wollen.Hier tritt vor allem die unterschiedliche Einstellung in beiden Ländern zum Thema Kind und Karriere zutage. ?In Deutschland mangelt es im Berufsleben oft an Verständnis für die Situation von Kollegen mit Familie und für die Konsequenzen, die das Familienleben manchmal mit sich bringt?, sagt Angela Espermüller. In Frankreich zeigen sich Arbeitgeber schon mal kulant, wenn die Tagesmutter ausfällt, und Vater oder Mutter zu Hause den Nachwuchs hüten muss. In diesem Fall müssen aber auch in Frankreich in der Regel die Mütter ran.
Dieser Artikel ist erschienen am 26.11.2003