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Bei der Bewerbung: Herzen gewinnen

Foto: Atelier-Goral
Am ersten Abend wollte Immo Gatzweiler gleich wieder die Koffer packen. Drei Tage sollte das Assessment Center der Dresdner Bank dauern, doch schon bei der Vorstellung sah er seine Felle davonschwimmen.
Am ersten Abend wollte Immo Gatzweiler gleich wieder die Koffer packen. Drei Tage sollte das Assessment Center der Dresdner Bank dauern, doch schon bei der Vorstellung sah er seine Felle davonschwimmen. "Ich war unvorbereitet und auch etwas naiv", erinnert sich der 25-Jährige. "Ich dachte, du erzählst halt so'n bisschen, hab mich verheddert und noch nicht mal meine Praktika erwähnt." Dumm gelaufen: Die Jury setzte ihn auf den letzten Platz

Statt zu kneifen riss der Jung-Banker sich zusammen - und drehte beim fingierten Verkaufsgespräch am zweiten Tag so richtig auf. Während die anderen Bewerber sofort um den Preis feilschten, spielte Gatzweiler die Humor-Karte aus. Mit Erfolg: Er erzielte den besten Abschluss und bekam den Job. Heute gilt Immo Gatzweiler wegen seines gewinnenden Auftretens als Aushängeschild unter den Trainees

Die besten Jobs von allen


Fachwissen steht im Bewerbungsgespräch an erster Stelle, aber gleich danach wollen Personalentscheider wissen: Stimmt die Chemie? "Personaler sind zwar geschult, nach rein sachlichen Maßgaben vorzugehen", sagt Selbst-PR-Expertin Sabine Asgodom. "Aber jeder Mensch lässt sich von Emotionen fangen. Wenn das Herz erreicht ist, steigen die Chancen."

Und das gewinnt man durch Reden, wie eine Studie an der Freien Universität Berlin belegt: Testpersonen sollten in einem fingierten Bewerbungsgespräch fünf Minuten über ihre Qualifikation sprechen. Doch nur jeder vierte nutzte die vorgegebene Zeit voll aus. Ein Fehler, wie sich herausstellte. Je länger ein Bewerber über sich selbst gesprochen hatte, desto erfolgreicher schätzte ihn die Jury ein

Über maulfaule Bewerber ärgert sich auch Lutz Thimm, Bereichsleiter High Potentials bei der Personalberatung Kienbaum: "Dabei gebe ich den Leuten doch die Möglichkeit, mich mit Infos zu überfluten."

In einem guten Vorstellungsgespräch redet der Personaler 40 Prozent der Zeit und der Bewerber 60 Prozent. Deshalb sollte jeder in der Lage sein, seinen Lebenslauf sowohl in 15 als auch in 25 Minuten darzustellen - je nach Situation. 10 Tipps für Selbst-PR im Vorstellungsgespräch

  • Fragen wie "Erzählen Sie doch mal was über sich" oder "Warum wollen Sie gerade bei uns arbeiten?" gehören zum Standardrepertoire. Legen Sie sich die Antworten vorher zurecht

  • Freundlichkeit siegt. Viele Bewerber kommen aus Nervosität zu verkniffen rüber. Seien Sie offen, gehen Sie auf Smalltalk ein - und lächeln Sie

  • Achten Sie auf Ihre Optik. Die Kleidung sollte zum Unternehmen und zur Stelle passen. Je gepflegter Sie wirken, desto besser.

  • Geben Sie kleine Schwächen zu - das wirkt sympathisch und authentisch. Haben Sie sich verhaspelt, dürfen Sie ruhig sagen: "Entschuldigung, ich bin etwas nervös. Ich fange am besten noch mal bei meinen Praktika an.

  • Warten Sie nicht darauf, dass Ihnen der Personaler alles aus der Nase zieht. Greifen Sie seinen Fragen vor, erzählen Sie selbstbewusst von Ihren Leistungen und Spezialgebieten. So können Sie das Gespräch selbst steuern.

  • Beten Sie nicht Ihren ganzen Lebenslauf herunter. Überlegen Sie sich vorher: Welche Botschaften aus meinem Lebenslauf sind für die Stelle relevant?

  • Stellen Sie selbst Fragen. Und zwar nicht nur nach Gehalt und Urlaubsanspruch - das bedeutet im ersten Gespräch meist das Aus. Fragen Sie nach Ihren konkreten Aufgaben, nach der Zusammenarbeit mit anderen Abteilungen oder Ihren zukünftigen Kollegen.
  • Füllen Sie Schlagworte mit Leben. Wenn Sie Organisationstalent oder Teamplayer sind, dann belegen Sie die Behauptung mit einer Geschichte. Es sind solche Success Stories, die Personalern im Gedächtnis bleiben.

  • Seien Sie enthusiastisch. Chefs stellen lieber einen Bewerber ein, der beteuert, "Ich würde mich riesig freuen, wenn Sie sich für mich entscheiden", als jemanden, der vor sich hinbrummelt: "Naja, eigentlich wollte ich ja mehr verdienen. Aber von mir aus ..."

  • Präsentieren Sie Ihre Fähigkeiten geschickt, aber übertreiben Sie nicht. Personaler haben sehr feine Antennen, wenn Bewerber bei ihren Fähigkeiten zu dick auftragen.
  • Dieser Artikel ist erschienen am 22.07.2003