Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Beamteter Milliardär auf Zeit

Von Nicole Bastian
Hellgrauer Teppich im Großraumbüro, von Sicherheitsvorkehrungen keine Spur. Noboru Fujishima gebietet über rund 14 Billionen Yen, die er für einen Pensionsfonds verwaltet. Die Heimat des großen Geldes stellt man sich anders vor. Auch wer hier die Agilität des Handelsflurs einer Investmentbank erwartet, wird enttäuscht. Vielmehr könnte dies mit den hellen Grautönen und der leisen Geschäftigkeit an den Schreibtischen auch eine Etage der Tokioter Stadtverwaltung sein.
TOKIO. Die Heimat des großen Geldes stellt man sich anders vor. Hellgrauer Teppich im Großraumbüro statt Marmor in hohen Räumen. Von Sicherheitsvorkehrungen keine Spur hier im fünften Stock des Bürogebäudes im quirligen Tokioter Geschäftsviertel Akasaka ? in der Zentrale von Chikyoren, der Pensionsfondsvereinigung für lokale Regierungsangestellte und einem der größten Rentenfonds der Welt. Auch wer hier die Agilität des Handelsflurs einer Investmentbank erwartet, wird enttäuscht. Vielmehr könnte dies mit den hellen Grautönen und der leisen Geschäftigkeit an den Schreibtischen auch eine Etage der Tokioter Stadtverwaltung sein.Chikyoren ist ein Fonds für den Notfall, eine Art Versicherung für die insgesamt 70 Genossenschaftsvereinigungen für lokale Regierungsangestellte, darunter auch die für Polizisten und Lehrer an öffentlichen Schulen. Fast 3,2 Millionen Beschäftigte sind Mitglieder. Dreißig Prozent des jährlichen Anstiegs ihres jeweiligen Rentenfondsvermögens zahlen die 78 Vereinigungen an Chikyoren. Dafür springt der Fonds ein, wenn einer der Vereinigungen das Geld für die derzeit fast 2,2 Millionen Rentenempfänger ausgeht.

Die besten Jobs von allen

Noboru Fujishima ist der Leiter der Fondsmanagementabteilung von Chikyoren. Mehr als 14 Billionen Yen verwalten er und seine Kollegen. Das sind mehr als 100 Milliarden Euro. Mittlerweile liegt die Summe wohl noch etwas höher, denn die Zahl bezieht sich auf das Ende März 2005 abgelaufene Geschäftsjahr ? und seither waren die weltweiten Börsen und vor allem die japanische dem Fondsvermögen zuträglich.Fujishima steuert die hohen Summen von seinem Schreibtisch aus in der abgetrennten Bürozelle auf der linken Seite des Großraumbüros. Bücher und Unterlagen sorgen für die typisch japanische überladene Büroatmosphäre. Daneben ein Extra-Tisch für die Gespräche mit Besuchern und Mitarbeitern. Der 44-Jährige nimmt sich Zeit für Erklärungen, auch wenn die Worte schnell aus dem meist zu einem kleinen Lächeln verzogenen Mund kommen. Dabei wirkt Fujishima mit seinen Pausbacken und dem ernsten und zugleich sanften Blick hinter seiner Brille selbst eher wie ein Verwaltungsbeamter denn ein Herr über so viele Nullen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Großer Fonds - Striktes Korsett Doch das ist bei Chikyoren alles andere als ein Widerspruch. Und das Paradebeispiel dafür ist Fujishima selbst. Er ist angestellt beim Innenministerium und von diesem quasi nur ?ausgeliehen? an Chikyoren. In seiner abwechslungsreichen Laufbahn hat der Familienvater zweier Töchter bereits in Präfektur-, Stadt- und Polizeiverwaltungen gearbeitet, versucht, die Kommunalverschuldung zu drücken. Von der nördlichen Insel Hokkaido bis hinunter nach Fukuoka auf der südlichen Insel Kyushu war er eingesetzt ? überall im Auftrag des Ministeriums.Bei Chikyoren ist er bei seinem zweiten mehrjährigen Einsatz nun zum Leiter der Fondsmanagementabteilung aufgestiegen, die über die besagten gut 100 Milliarden Euro wacht. In der Tat eine enorme Summe, stimmt Fujishima zu. Und diese Summe in der Hand von ausgeliehenen Verwaltern? ?Ja, das ist ein sehr japanisches System?, lacht Fujishima, der schon heute weiß, dass er seinen Posten in einigen Jahren wieder verlassen wird. Mehr als die Hälfte der 60 Beschäftigten bei Chikyoren sind nur für zwei bis drei Jahre bei Chikyoren.Bei der Gründung der Rentenfondsvereinigung für lokale Regierungsangestellte, die sich auf Englisch PAL (Pension Fund Association for Local Government Officials) nennt, 1984 war das noch kein Problem. Ohnehin wurden damals rund drei Viertel der Anlagen in gesetzlich vorgeschriebene Kommunalanleihen gesteckt, heute ist es noch fast die Hälfte (siehe Kasten).Doch in den 21 Jahren seit seiner Gründung hat sich einiges bei Chikyoren gewandelt. ?Bei einem Zinssatz von 5,5 Prozent früher war es nicht notwendig, Risiken bei der Anlage einzugehen?, meint Fujishima. Das änderte sich jedoch, als die Langfristzinsen in Japan im Kampf gegen die Deflation auf deutlich unter 1,5 Prozent fielen. ?Da haben wir angefangen, uns mit dem Anlagenmix zu beschäftigen.? Seit 1998 gilt der jetzige Portfolio-Mix, der einen Anteil in- und ausländischer Aktien von fast einem Viertel vorsieht. ?Gegen andere private japanische Rentenfonds sind wir aber immer noch sehr konservativ mit einem geringen Aktienanteil?, meint Fujishima.Dennoch ist der Fonds professioneller geworden, das Portfolio weiter gestreut. ?Fachwissen wird immer wichtiger für uns?, meint Fujishima. Und so steigt trotz des weiter hohen Anteils ?Ausgeliehener? die Zahl der Langzeit-Experten auch bei Chikyoren langsam. Fujishima etwa steht der 54 Jahre alte, grauhaarige Makoto Hirata zur Seite, der auch jetzt mit am Gesprächstisch sitzt. Ein Anlageprofi, der nach 30 Jahren bei der Mitsubishi Treuhandbank vor drei Jahren als ?Senior Investment Analyst? auf Dauer zu Chikyoren wechselte.Doch am Ende hat das Fondsmanagement viel von Verwalten ? und ist Fujishimas vorigem Job in der Präfekturverwaltung vielleicht dann doch wieder gar nicht so unähnlich. Im Februar und März erstellt Fujishimas Abteilung die Jahresplanung für das kommende Fiskaljahr ab April, die der Verwaltungsrat von Chikyoren beschließen muss.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Großer Fonds - Striktes Korsett Natürlich werde ein Ende der Deflation in Japan kurzfristig gravierende Auswirkungen auf den Zins am Anleihemarkt haben, meint Fujishima zum Beispiel. Aber deswegen werde Chikyoren in diesem oder dem kommenden Jahr nicht viel mehr oder weniger Anleihen kaufen. Das wäre zu kurzfristig gedacht und zu riskant. Die Zielbeträge für Anleihekäufe werden ohnehin weit im Voraus bis auf das Quartal heruntergebrochen.Neben dem eigenen Management japanischer Anleihen hat Chikyoren mehr als 30 Treuhandbanken und Investmentberater damit beauftragt, sich um den Kauf und Verkauf japanischer und ausländischer Aktien sowie Anleihen zu kümmern. ?Fast schon ein wenig zu viel?, meint Fujishima. Irgendwann müsse vor allem bei den inländischen Anlagen wohl einmal aufgeräumt werden. Doch entschieden sei dieser Schritt noch nicht. Nomura, Morgan Stanley, UBS ? das ?Who is Who? berät und investiert für Chikyoren in Aktien und Bonds zu Hause und im Ausland, jeder auf dem Gebiet, wo Chikyoren ihn für den Experten hält.?Bisher mussten wir noch nicht einspringen?, meint Fujishima. Doch angesichts der raschen Alterung der japanischen Gesellschaft ist das nur eine Frage der Zeit. Auf drei Einzahlende kommen bei den öffentlichen Regierungsangestellten schon jetzt zwei Pensionsempfänger. Zudem ist angesichts der erdrückenden japanischen Schuldenlast klar, dass Stellen in der öffentlichen Verwaltung eher ab- als aufgebaut werden. ?Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass unser Geld einmal nötig wird?, meint FujishimaGroßer Fonds - Striktes KorsettPortfolio 1998 hat eine eigens eingerichtete Arbeitsgruppe dem Chikyoren-Fonds seinen derzeitigen Anlagemix vorgeschrieben. In diesem Jahr sollen die Vorgaben aktualisiert werden. Dabei wird der bisher geringe Anteil ausländischer Anleihen steigen, der inländischer Zinspapiere (Zielvorgabe derzeit über 70 Prozent, Toleranz +/- acht Prozent) sinken. Angesichts der guten Entwicklung am japanischen Aktienmarkt steht der Anteil heimischer Aktien mit 18,5 Prozent am oberen Limit (19,5 Prozent). Auch mit den veränderten Vorgaben 2006 wird dieser Satz nicht steigen. Das heißt für Chikyoren, dass sie bei steigenden Kursen verkaufen müssen, um die Maximalgrenze nicht zu überschreiten.Anlagestrategie Der Fonds bedient sich dreier Investitionsmethoden. Gesetzlich vorgeschriebene Bondinvestitionen: Fast die Hälfte seines Vermögens hat Chikyoren in kommunale Anleihen investiert. Einen kleineren Teil der japanischen Anleihen managt Chikyoren über eine Abteilung im eigenen Haus. Die gesamten in- und ausländischen Aktien und ausländischen Bonds werden von beauftragten Investmentbanken gemanagt.
Dieser Artikel ist erschienen am 04.01.2006