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Beamte werden Unternehmensberater

Von Christoph Hus, Handelsblatt
Die Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton hat nun ein Programm aufgelegt, mit dem Beamte für zwei Jahre aus ihren Amtsstuben gelockt werden sollen.
HB DÜSSELDORF. In Ulrich Bergmosers Leben ist seit einem halben Jahr alles anders. Ende Dezember hatte der 39-Jährige seinen letzten Arbeitstag beim Bundesrechnungshof, wo er sich seit 1996 mit den Beteiligungen des Bundes beschäftigt hatte. Seitdem arbeitet Bergmoser bei der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton (BAH). Mindestens vier Tage die Woche ist er bei Kunden quer durch Deutschland unterwegs und arbeitet oft bis tief in die Nacht. ?Zwischen Montag und Freitag Nachmittag verbleibt für andere Aktivitäten meist wenig Zeit, oft nur die Schlafpausen.?Trotz seiner neuen Aufgabe hat Bergmoser seine Stelle beim Bundesrechnungshof nicht gekündigt. Nach zwei Jahren bei BAH will er in seine Behörde zurückkehren. Bergmoser ist der erste Beamte, der an einem neuen Programm der Münchner Berater teilnimmt, das es in dieser Form in Deutschland bisher nicht gab. Beim BAH-Fellowship schlüpfen Verwaltungsmenschen für eine begrenzte Zeit in die Rolle des Beraters. Eingesetzt werden sie vor allem in Projekten für den öffentlichen Sektor. Nach einem vierwöchigen Berater-Crash-Kurs sollen sie wie Bergmoser vollwertiges Mitglied eines BAH-Teams werden.

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Torsten Oltmanns, Geschäftsführer bei BAH und Erfinder des Fellowships, erhofft sich von dem Programm ein besseres gegenseitiges Verständnis. Bevor er zu BAH kam, hatte er zwei Jahre im Bundesverteidigungsministerium gearbeitet. Seine Erfahrung: ?Berater verstehen häufig nicht, dass in der Verwaltung andere Regeln gelten als in Unternehmen.? Umgekehrt überschätzen viele Beamte die Kraft der Unternehmen. Das will Oltmanns nun mit seinem Austauschprogramm ändern. ?Beide Seiten werden davon profitieren, wenn die Zusammenarbeit später besser funktioniert.?Bei der Auswahl der Fellows achtet BAH auf ähnliche Qualitäten wie bei der Suche nach eigenen Beratern. Das Anforderungsprofil verlangt von den Bewerbern aus Bundes- und Länderverwaltungen ein Studium mit überdurchschnittlichem Abschluss, eine Zusatzqualifikation, herausragende Beurteilungen der Vorgesetzten, Englischkenntnisse sowie Auslandserfahrung. ?Wenn Bewerber diese Voraussetzungen mitbringen, werden sie als Fellow bei uns keine Integrationsprobleme haben?, sagt Oltmanns.Der Starttermin des Fellowship- Programms ist nicht unproblematisch. In den vergangenen Monaten sind Unternehmensberater wegen allzu enger Verstrickungen mit Behörden ins Gerede gekommen. BAH riskiert mit seinem Vorstoß jetzt weitere Kritik. Partner Oltmanns hält diese für unbegründet, denn BAH wolle die Kontakte nicht zur Akquise neuer Aufträge nutzen. ?Wer bei uns Fellow war, wird sich von Auftragsvergaben an Berater fernhalten, sobald er zurück in seiner Behörde ist?, gibt sich Oltmanns überzeugt.Während der zwei Jahre als Berater werden die Beamten von ihrer Dienststelle beurlaubt. Gemeinsam mit ihren neuen Kollegen planen sie dann, welche persönlichen Entwicklungsziele sie in ihrer Berater-Zeit erreichen wollen. Dabei helfen zwei Mentoren, die jedem Fellow zugeordnet sind. Nach Ablauf ihrer Zeit bei BAH können die Beamten wieder in ihre alte Stellung einsteigen oder haben sich durch ihre Erfahrung sogar für höhere Weihen qualifiziert.Manche Beamte sind jedoch unabkömmlich, obwohl sie mit einer Behörden-Auszeit als Fellow bei BAH liebäugeln. ?Wir haben schon mit mehreren Abteilungsleitern der öffentlichen Verwaltung gesprochen, doch die sind in ihrer Position nicht leicht zu ersetzen?, berichtet Oltmanns. Einige haben vorgeschlagen, ein BAH-Berater könnte sie zwei Jahre lang in der Behörde vertreten. Ob es dazu kommt und der Austausch damit auch in die andere Richtung funktioniert, ist ungewiss. Bisher waren die Bedenken der Behörden zu groß.
Dieser Artikel ist erschienen am 24.06.2004