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Bayerns gefallener Kronprinz

Von Caspar Busse, Handelsblatt
Selten hat das Augsburger Landgericht so einen Auflauf gehabt, etwa 100 Berichterstatter haben sich für das Verfahren im nüchternen Zweckbau des Gerichts angemeldet. Denn mit Max Strauß sitzt ja nicht nur der Sohn von Franz Josef Strauß auf der Anklagebank.
AUGSBURG. Blass und völlig regungslos hat der älteste Sohn des früheren bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß am Morgen auf der Anklagebank Platz genommen. Auf Zurufe reagiert er nicht. Apathisch, die Mundwinkel nach unten gezogen, mit gesenktem Kopf blickt er starr vor sich auf den Tisch. Er zeigt auch keine Regung, als Staatsanwalt Christoph Wiesner die Anklage verliest, die Hände gefaltet, hoch gezogen die Schultern, eingerahmt von seinen beiden Anwälten. Ab und an schließt Max Strauß die Augen. Einmal sieht es so aus, als würde der Zwei-Meter-Mann vom Stuhl kippen. Als Richter Hofmeister ihn nach seinem Beruf fragt, flüstert Strauß nur: ?Jurist? und korrigiert dann noch seine Privatadresse. Mehr hat er nicht zu sagen.?Er ist von seinen Ärzten medikamentös so eingestellt worden, dass er es einigermaßen übersteht?, berichtet sein Anwalt Wolfgang Dingfelder in einer Prozesspause. Nur so sei Strauß körperlich in der Lage, nach Augsburg ins Gericht zu kommen. Im vergangenen September hat der gelernte Rechtsanwalt einen psychischen und körperlichen Zusammenbruch gehabt. Seit November ist er in der Münchener Universitätsklinik für Psychiatrie wegen einer tiefen Depression in Behandlung. Seine Ärzte sprechen sogar von Selbstmordgefahr. Jeden Nachmittag außer Montag kann er seine Familie besuchen.

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Selten hat das Augsburger Landgericht so einen Auflauf gehabt, etwa 100 Berichterstatter haben sich für das Verfahren im nüchternen Zweckbau des Gerichts angemeldet. Denn mit Max Strauß sitzt ja nicht nur der Sohn von Franz Josef Strauß auf der Anklagebank. Es geht 15 Jahre nach dem Tod des langjährigen CSU-Vorsitzenden und bayerischen Ministerpräsidenten auch um sein bayerisches Amigo-System. Und es geht um noch mehr. Denn im Mittelpunkt der Vorwürfe steht einmal mehr der Rüstungslobbyist Schreiber, dessen Name ganz eng auch mit dem Spendenskandal der CDU verknüpft ist. Anfang 2000 stürzte der damalige CDU-Vorsitzende Wolfgang Schäuble wegen umstrittener Angaben zu einer Spende, die er von Schreiber erhalten hatte. Die Angelegenheit ist bis heute nicht aufgeklärt.Die Staatsanwaltschaft Augsburg, die auch im Spendenskandal der CDU eine wichtige Rolle wahrnahm, hat gegen Strauß nun ein Mammutverfahren vorbereitet: 30 000 Seiten Material in 175 Aktenordnern. Dem Sohn des bayerischen Übervaters wirft die Staatsanwaltschaft konkret Steuerhinterziehung in sechs Fällen für die Jahre 1991 bis 1993 vor. Strauß junior soll vom Rüstungslobbyisten Schreiber gut 2,6 Millionen Euro an Schwarzgeld erhalten haben. Die Millionen stammten nach Ansicht der Staatsanwaltschaft größtenteils aus Provisionen für Airbus-Lieferungen nach Kanada und Thailand sowie einem umstrittenen Export von 36 Fuchs-Panzern der Firma Thyssen nach Saudi-Arabien. Die Gelder seien dabei über geheime Konten Schreibers, der nach Kanada geflohen ist, in Liechtenstein und Panama gelaufen.In München wird das Verfahren natürlich ganz genau verfolgt. Denn Ministerpräsident Edmund Stoiber ist nicht nur lange Jahre ein enger Vertrauter Franz Josef Strauß? gewesen. Er ist auch CSU-Chef. Und Schreiber selbst hat einmal behauptet, dass die Millionen an Strauß in Wahrheit Spenden für die CSU gewesen seien. Mancher fürchtet daher, Strauß junior könnte vor Gericht auspacken.Danach sieht es derzeit jedoch nicht aus. Strauß? Anwälte, die alle Vorwürfe abstreiten, raten ihm zu schweigen, obwohl ihm eine hohe Gefängnisstrafe droht.In aller Herrgottsfrühe haben die Anwälte ihren Mandanten am Dienstag aus der Klinik in München abgeholt und ihn nach Augsburg gebracht ? 60 anstrengende Kilometer. Um kurz vor neun betreten sie das moderne Gerichtsgebäude durch den Haupteingang. Fotografen und Kamerateams stürzen sich auf den Angeklagten. Kurz bleibt die elektrische Drehtür angesichts des Andrangs stehen, Strauß ist Sekundenlang gefangen. Schließlich wird er am Arm in einen Nebenraum geführt. Von der Familie ist niemand da, der ihm beisteht.Max Strauß als gebrochener, schwer kranker Mann ? das war nicht immer so. Früher konnte er poltern wie sein Vater. ?Auf Druck reagiere ich mit Gegendruck, schließlich heiße ich Strauß?, hat er einst getönt. Anwalt Dingfelder berichtet, bei Vernehmungen habe sich Strauß schon mal wie ein Rambo aufgeführt. Jetzt gibt er fast ein Bild des Jammers ab.Max Strauß war lange der Kronprinz. Er war noch ein Jüngling, als er seinen Vater zu wichtigen politischen Gesprächen begleitete, etwa nach Ost-Berlin. Später wurde er Sprecher der Strauß-Erbengemeinschaft. Doch die Verantwortung war zu groß. Inzwischen steht er vor den Trümmern seines eigenen Lebens.Vor Gericht spielen die Strauß-Anwälte auf Zeit. Sie beantragen die Einstellung des Verfahrens. Der Bonner Starjurist Hans Dahs macht ?fundamentale Rechtsbedenken? wegen des schlechten Gesundheitszustands seines Mandanten geltend. Er sei ?intellektuell? nicht in der Lage, eine Verteidigungsstrategie zu erarbeiten. Kollege Dingfelder stellt einen Befangenheitsantrag gegen den Gerichtsmediziner Richard Gruber. Dieser hatte Strauß in einem Gutachten trotz der Bedenken der behandelnden Ärzte für verhandlungsfähig erklärt. Es bestünden erhebliche Zweifel an der Unvoreingenommenheit Grubers, sagt Dingfelder. Der Gutachter habe Strauß in einem Zeitungsinterview in die Nähe eines Simulanten gerückt.Generell bezweifeln die Verteidiger die Zuständigkeit des Augsburger Gerichts. Strauß habe seinen Wohnsitz in München, werde dort zur Steuer veranlagt. Unterdessen müssen die Staatsanwälte bereits umdisponieren. Einer ihrer wichtigsten Zeugen, der Schreiber-Mitarbeiter Giorgio Pelossi, sagte sein Erscheinen vor Gericht ab. Möglicherweise wird er nun in der Schweiz vernommen.Am kommenden Dienstag will Richter Hofmeister entscheiden, wie es weitergeht. ?Die Zehnte Strafkammer wird gegen niemanden verhandeln, der krank ist?, sagt Hofmeister gleich zu Anfang. Dann wirbt er: ?Herr Strauß, bitte trauen Sie diesem Gericht.? Über den Gesundheitszustand des Angeklagten sei ?leider öffentlich viel zu viel spekuliert worden?, fügt der 55-Jährige kritisch an.Der Richter, der schon fast 30 Berufsjahre auf dem Buckel hat, will offenbar Vorurteilen vorbeugen: Schließlich hat er bereits den früheren CDU-Schatzmeister Walther Leisler Kiep und zwei Thyssen-Manager verurteilt. Sie alle hatten mit Schreiber, Spenden und illegalen Geschäften zu tun.
Dieser Artikel ist erschienen am 21.01.2004