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Bauchtouristiker wider Willen

Von M. Eberle und E. Krummheuer
Dietmar Kastner führt die Rewe-Reisesparte besser durch die Flaute als die Konkurrenz von Tui & Co. Sein Rezept: Der Verzicht auf Fluglinien und Hotelketten bringe zwar in Boom-Zeiten weniger Profit, sei aber in der Krise eben weniger risikobehaftet.
KÖLN. Dietmar Kastner, Sprecher der Geschäftsführung der Rewe-Touristik, zählt zu dieser aussterbenden Spezies. Mehr als drei Jahrzehnte Branchenerfahrung hat der sportliche 61-Jährige, der dank seiner vollen Haartolle noch etwas Jungenhaftes an sich hat, auf dem Buckel.Bauchtouristiker? Nein, das mag der gebürtige Bayer nicht gerne hören. Eher sieht sich der studierte Betriebswirt als kühl kalkulierender Rechner ? als Mann, der Zahlen über Emotion und Spontaneität stellt: ?Vier Prozent Rendite. Mehr ist mit der Pauschalreise nicht machbar? ? ein typisches Kastner-Zitat.

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Vor zehn Jahren begann er, die Touristiksparte des Handelshauses Rewe aufzubauen. Er formte sie vom Nobody zum heute drittgrößten deutschen Anbieter. Die sechs Rewe-Veranstalter brachten es im vergangenen Jahr auf 2,55 Milliarden Euro Umsatz. Seit geraumer Zeit sind sie profitabler als die meisten Konkurrenten ? und inzwischen auf dem Weg zur Nummer zwei hinter Marktführer Tui.Vor einigen Jahren noch, in der Goldgräberzeit des Tourismus, schienen Manager wie Kastner plötzlich im Abseits zu stehen: Während die größeren Rivalen Tui und Thomas Cook (u. a. Neckermann, Condor) viele Milliarden investierten und europaweit Reiseveranstalter, Fluglinien und Hotelgesellschaften aufkauften, blieb die Rewe-Touristik unter Kastners Regie streng bei ihrer Marschroute: Kein Risiko um jeden Preis!?Manch einer in der Branche hielt ihn damals für ein Auslaufmodell?, erinnert sich Jürgen Scharrer, Chefredakteur des Fachmagazins ?Touristik Report?. ?Doch in der Branchenkrise nach dem Terror des 11. September 2001 schlugen sich die Rewe-Veranstalter weit besser als die anderen. Heute spricht niemand mehr vom Auslaufmodell.?Vielmehr nähern sich einige Konkurrenten Kastners Strategie vorsichtig an: Sie haben die Risiken im eigenen Haus reduziert, Flugzeuge verkauft, Hotelgarantien abgebaut. Bescheidenheit ist wieder ?in? bei Deutschlands Touristikern.Kastner, dessen Ehefrau Ines ebenfalls im Unternehmen arbeitet, sieht sich im Rückblick bestätigt: Das Modell der integrierten Reisekonzerne, die alle Wertschöpfungsstufen des Reisebetriebs im eigenen Unternehmen halten, überzeuge ihn zwar von der Logik her, nicht aber in der Praxis. ?Man kann in guten Zeiten das Doppelte verdienen, aber in schlechten auch das Doppelte verlieren. Es ist einfach mehr Risiko im Spiel?, sagt er in Richtung Tui und Thomas Cook.Deshalb hält Kastner auch in der Rewe-Touristik nicht viel von Integration. Von der Zentrale in Köln-Porz aus steuert er nur die Pauschalreisemarken ITS, Jahn Reisen und Tjaereborg. Die auch zum Rewe-Imperium gehörende Deutsche Reisebüro-Gruppe (DER) mit den Baustein-Veranstaltern Dertour, ADAC Reisen und Meier?s Weltreisen führt ein Eigenleben in Frankfurt mit eigenem Management.Der ehemalige Rewe-Chef Hans Reischl, bekannt und gefürchtet für seine extreme Sparsamkeit, hätte gern eine gemeinsame Führung gesehen. Kastner aber setzte sich mit seiner Überzeugung durch: ?Es hätte nichts gebracht, zwei völlig unterschiedliche Unternehmen mit wenigen Überschneidungen bei den Produkten mit Gewalt zusammenzubringen.?So hat Kastner einen großen Spieler im Touristikmarkt aufgebaut, obwohl der Ausflug ins Reisegeschäft eher unfreiwillig begann. Rewe wollte von Kaufhof die Kette der Atlas-Reisebüros übernehmen, doch die erhielt der Handelskonzern nur im Doppelpack mit dem einst hochdefizitären Reiseveranstalter ITS. Kastner sanierte das Unternehmen und führte es in nur zwei Jahren zurück in die Gewinnzone. Dann wuchs die Rewe-Touristik, die bis heute nur inoffiziell unter diesem Dachnamen firmiert, schnell: Im Boomjahr 2000 kauft er die DER-Gruppe mit Reisebüros und dem Veranstalter Dertour, übernimmt die LTU-Touristik inklusive einer 41-Prozent-Beteiligung an der angeschlagenen Ferienfluggesellschaft LTU. Jetzt, in seiner zehnten Sommersaison, steht Rewe-Touristik so gut da wie nie zuvor. Im laufenden Jahr werden ein Umsatzplus von fünf Prozent und gut 25 Millionen Euro Gewinn angepeilt.?Wir bringen der Rewe Liquidität, brauchen kein Kapital und verdienen auch noch gut?, lobt sich Kastner ausnahmsweise selbst. Ansonsten wird er in der Branche für sein bescheidenes, schnörkelloses Auftreten und im Unternehmen für seine stets offene Tür geschätzt. ?Er ist einer der besten Touristiker in diesem Lande. Absolut unternehmerisch und dabei sehr fair?, urteilt etwa Peter Landsberger, der bis zu seiner Pensionierung 2004 als Chef der DER-Gruppe die Rewe-Touristik mit Kastner im Tandem geleitet hatte. Er könne ebenso ?anderen die Erfolge gönnen?.Auch unter dem neuen Rewe-Konzernchef Achim Egner will Kastner seine Expansion mit Augenmaß vorantreiben. ?Wenn es sinnvoll ist, dass wir uns vergrößern, dann wird auch Geld da sein.? Was für ihn sinnvoll ist, kalkuliert er eigenhändig ? mit seinem Lieblingsspielzeug in seinem nüchtern eingerichteten Büro: einem großen, altmodischen Taschenrechner.
Dieser Artikel ist erschienen am 21.07.2005