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Barclay: Das Schweigen der Zwillinge

Von Andreas Hoffbauer, Handelsblatt
Interviews mit Ihnen sind eine Rarität. Sie meiden öffentliche Auftritte wie der Teufel das Weihwasser, und Auskünfte über ihr Privatleben lehnen sie strikt ab. Nicht einmal das Geburtsdatum ist bekannt.
LONDON. Kaum zwei Briten sind so verschwiegen, so unzertrennlich und so reich wie David und Frederick Barclay. Doch seit gestern sind die inzwischen 69-jährigen Zwillinge genau da, wo sie überhaupt nicht gern hin wollen ? in den Schlagzeilen.In einem für die Beiden typischen Coup haben sie sich die Kontrollmehrheit bei der weltweit drittgrößten Zeitungsgruppe Hollinger International gesichert. Hinter dem Namen der von Lord Conrad Black gegründeten und von Kanada aus operierenden Firma verbergen sich Zeitungen wie die ?Chicago Sun-Times?, ?The Jerusalem Post? und der britische ?Daily Telegraph?, der mit einer Auflage von 900 000 Exemplaren zu den Flaggschiffen der britischen Presse zählt.

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Doch während 100 Firmen an Hollinger Interesse gehabt haben sollen, bereits eine Londoner Investmentbank für den Verkauf angeheuert wurde, griffen David und Frederick zum Telefon und boten dem in die Krise geratenen Lord einfach 260 Millionen Pfund ? einig war man sich.Vor allem auf den konservativen ?Daily Telegraph? dürften es die beiden Verehrer der früheren Premierministerin Maggie Thatcher abgesehen haben. Zudem besitzen sie schon einige Zeitungen (etwa ?The Scotsman?, ?The Business", ?Scotland on Sunday?) und sollen schon lange vom Aufbau eines eigenen Presseimperiums träumen. Mit dem ?Telegraph? würden die Brüder in England gleich hinter Medienzar Rupert Murdoch, der die ?Times? und das Boulevardblatt ?Sun? besitzt, zur mächtigen Kraft werden.Ob die Übernahme gelingt, ist noch ungewiss. Doch die ?mysteriösen Zwillinge? haben mal wieder zugeschlagen. Denn das auf ein Vermögen von gut einer Milliarde Euro geschätzte Duo, das stets alles gemeinsam macht, sorgt immer wieder für Aufsehen. Sogar das Protokoll des Buckingham Palastes wurde durcheinander gewirbelt, als David und Frederick von der Queen den Ritterschlag bekamen ? im Doppelpack.Die Brüder (die nichts mit der Barclays Bank zu tun haben) haben über Jahre ein Geschäft zusammengekauft, das rund sechs Milliarden Euro pro Jahr Umsatz macht. 2002 übernahmen sie die Bekleidungskette ?Littlewoods? für eine Milliarde Euro, kurz darauf kauften sie ein Katalogversandhaus. Zudem besitzen sie viele Immobilien, unter anderem das Londoner Hotel ?Ritz? am rummeligen Piccadilly Circus.Privat wohnen David und Frederick mit ihren Familien jedoch etwas ruhiger ? in Schloss Brecqhou auf ihrer Privatinsel zwischen Frankreich und England. Dort haben die Rolls-Royce-Fans und Liebhaber von dicken Havanna-Zigarren zwei Swimming-Pools, einen Hubschrauber und viele Gemächer. Und wie der Nebel über dem Kanal, so zieht sich auch der Vorhang des Schweigens vor ihre Geschäfte, die sie diskret von ihrer mit Türmen und Zinnen besetzten Festung aus steuern. Was Jahrhunderte Wind und Wetter getrotzt hat, wiedersteht nun allen Fragen. Denn auch wenn David und Frederick stets eine Adresse in Monte Carlo angeben, sie verlassen ihr Eiland angeblich nur selten.Aufgewachsen sind sie wesentlich bescheidener. Als zwei von zehn Söhnen schottischer Eltern wurden sie in eine eher einfache Londoner Familie geboren. Ihr Vater, ein reisender Handelsvertreter, starb als die beiden Jungen 13 waren. Mit 16 Jahren verließen sie die Schule und arbeiteten als Maler. Mit knapp 30 stiegen sie in den Immobilienmarkt ein und machten in den sechziger Jahren eine Menge Geld. Schließlich makelten sie Londoner Hotelimmobilien. Nach weiteren guten Geschäften mit Schiffsanteilen und Kasinobeteiligungen stiegen sie Anfang der neunziger Jahre in den Zeitungsmarkt ein. Doch nicht alle Beteiligungen haben sich finanziell ausgezahlt: Die Zeitung ?The European? wurde nach vielen Verlusten eingestellt. Auch bei den heutigen Titeln sinkt der Gewinn. Und das Ritz macht sogar Verlust.Doch mit harter Hand versucht das Duo seine Beteiligungen fit zu machen. So wurde beim Sonntagsblatt ?The Business? radikal abgespeckt. Sir Davids ältester Sohn Aidan ist ins Geschäft eingestiegen, leitet die Press Holdings Ltd der Brüder. Er hat den Hollinger-Deal mit eingefädelt, soll die Pläne mit dem Management in Kanada verhandeln.Denn Vater David und Onkel Frederick wollen auch beim jüngsten Coup im Hintergrund bleiben. Diese Publikumsangst hat David Barclay einmal so begründet: ?Privatsphäre ist ein wertvolles Gut.? Angeblich soll seine Frau Zoe Auslöser für das Leben im Verborgenen sein. Als Fotomodell wurde sie 1950 zum ?Dairy Council Milk Girl? gewählt, ihr Gesicht war überall im Land zu sehen. David Barclay fand dies einfach nur ?beschämend?.Auf den seltenen Fotos von ihm und dem um zehn Minuten jüngeren Bruder Frederick sind die beiden Zwillinge kaum auseinander zu halten. Es gibt nur ein Merkmal: Frederick trägt den Scheitel links, David rechts. Glaubt man, denn Genaues weiß man bei den Barclays nie.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.01.2004