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Barcelona: Die fleißige Schöne

Martin Roos
Foto: Walter Maas / Plus 49
Mediterrane Lebensart und preußischer Arbeitseifer - dieser katalanische Mix macht Barcelona zur attraktivsten Arbeitsstadt Europas. Sie lockt die Kreativen aus aller Welt - zu multinationalen Unternehmen und zur größten Internet-Szene Spaniens.
Täglich stundenlang herumzusitzen und dem Leben nachzustrolchen, ist eine Bürgerpflicht. Das zumindest glauben die Einwohner Barcelonas. Doch der Müßiggang ist vorgetäuscht. Denn el Gran Barcelona - der Großraum der katalanischen Hauptstadt, in dem vier der sechs Millionen Katalanen leben - ist Spaniens industrieller Motor.

Stadt und Umland erwirtschaften 21 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und 25 Prozent der Industrieproduktion Spaniens. Nur 5,5 Prozent der Bevölkerung ist arbeitslos. Die Quote für Spanien ist doppelt so hoch. So ist er nun mal, der Barceloneser: mal mehr ?seny" - mit Sinn und Vernunft - , mal mehr ?rauxa" - voller Rausch und Verrücktheit.

Die besten Jobs von allen


Und so ist auch seine Stadt. Einerseits systematisch angelegt wie ein Schachbrett: Jeder der ungefähr 700 Häuserblocks mit begrüntem Innenhof ist eine komplette Wohnmaschine, in der es Bars, Restaurants und Läden gibt. darunter mindestens eine Apotheke und ein Detektivbüro; andererseits architektonische Kuriositäten wie Gaudís Sagrada Familia, die Unvollendete, oder die konkurrierenden futuristischen Fernmeldetürme der Architektenstars Sir Norman Foster und Santiago Calatrava. Barcelonas Wirtschaftsstruktur ist mittelständisch. Auf die Stadt und ihre Region entfallen 80 Prozent der gesamtspanischen Elektrogeräteherstellung und der Metallverarbeitung, 40 Prozent der Telekommunikationsbauteile und über die Hälfte der chemischen und pharmazeutischen Industrie. Die meisten Unternehmen sind Zulieferer für multinationale Konzerne wie Siemens, Bosch, Hewlett-Packard, Seat oder Nissan. Allein 41 Prozent der spanischen Automobilzulieferer sind in Katalonien und seiner Hauptstadt Barcelona angesiedelt.

?Bis zum Ende des Jahres 2002 werden über 40 multinationale Konzerne ihren Sitz mit großen Niederlassungen in der Stadt haben", sagt Sylvia Taudien, Partnerin der Personalberatung Nexus in Barcelona. Schon jetzt haben 55 der 100 weltweit führenden Unternehmen im Großraum Barcelona zumindest ein kleines Büro aufgemacht - viele als Südeuropa-Zentrale.

Für die deutsche Industrie arbeiten in Barcelona 40.000 Menschen, fünf Prozent davon Deutsche. Allein die Deutsche Bank beschäftigt in der Stadt über 2.500 Mitarbeiter, Lidl über 3.100, Henkel, Bayer und BASF zusammen über 4.000.

Bis Ende des Jahres soll Taudien für Bayer 250 Betriebswirte heranschaffen. Bayer baut sein europäisches Rechnungszentrum in der katalanischen Hauptstadt auf. ?Die Kandidaten müssen wenigstens sehr gut Englisch können. Aber dann noch Spanisch zu können, ist ein Riesenvorteil", meint Taudien. Vor allem Deutsche hätten Chancen. Denn: ?Sie gelten auch in Spanien als diszipliniert und organisiert. Deswegen werden die Deutschen in Barcelona gerne als Führungskräfte eingesetzt."

Rivalin Madrid

Nur wenige spanische Großunternehmen haben ihren Hauptsitz in Barcelona. Die Zentralen von Telefónica zum Beispiel oder des Stromversorgers Endesa befinden sich in Madrid. ?Madrid ist als Wirtschaftsstandort die Nummer eins in Spanien, doch die Lebensart und die Atmosphäre Barcelonas ist für viele die Motivation, in Katalonien zu bleiben", sagt Carlos Wienberg, Präsident des Kreises deutscher Führungskräfte in Barcelona.

Das milde Mittelmeerklima, die Schönheit der Bauten, das Essen, die zahllosen nach frischer Minze und Thymian riechenden Markthallen und nicht zuletzt der einheimische Sekt ?Cava" scheinen zu überzeugen. Nicht umsonst steht Barcelona in einer Rangliste der Unternehmensberatung Healey & Baker zu Arbeits- und Lebensqualität europäischer Städte an erster Stelle. ?Wer nach Barcelona will, um die große Karriere zu machen, ohne von einem deutschen Unternehmen entsandt worden zu sein, sollte lieber daheim bleiben", meint Wienberg. Der 42-jährige promovierte Jurist, der seit elf Jahren in Spanien lebt und seit drei Jahren eine eigene Kanzlei mit drei Rechtsanwälten in Barcelona führt, hat ausschließlich deutsche Unternehmen wie Rewe, Linde, Thyssen-Krupp als Klienten.

?Hier darf man nicht in programmierten Karrieren denken", sagt Wienberg. ?Man muss sich immer schön hinten anstellen." Gute Chancen hätten Rechtsanwälte, Ärzte, Wirtschaftsprüfer oder auch Buchhalter. Aber: ?Jeder sollte Spanisch können. Man muss die Stadt lieben und hier leben wollen. Der Rest kommt dann von allein."

Gross in Mode

Der Kreis deutscher Führungskräfte in Barcelona hat 190 Mitglieder - Geschäftsführer, Diplomaten und Kulturschaffende, die pro Jahr einen Mitgliedsbeitrag von 765 Mark für gute Kontakte und Gastvorträge von deutschen hochrangigen Politikern und Geschäftsleuten zahlen. ?Das ist ein gutes Netzwerk", sagt Markus Weber. Der 30-Jährige aus Hannover ist seit November vergangenen Jahres Geschäftsführer des deutschen Modeunternehmens New Yorker in Spanien, das 140 Angestellte hat, alle Spanier. Textil und Mode ist in Katalonien der zweitgrößte Wirtschaftszweig.

Als Student hatte Weber bereits ein Jahr in Valencia gewohnt. Nach dem BWL-Diplom schickte ihn sein erster Arbeitgeber, die Rewe in Köln, oft nach Barcelona. ?Dass ich heute nun fest hier bin, ist eher Zufall", sagt Weber. Über Bekannte seiner Eltern erfuhr er vom Jobangebot bei New Yorker und schlug sofort zu. Klar, denn seine Freundin wohnt in Barcelona. Und: ?Ich habe hier viel größere Entwicklungsmöglichkeiten. Im Ausland ist die Konkurrenz einfach nicht so groß."

Der kreative Geist Barcelonas zieht nicht nur die Modemacher an. Auch die Literaten. 20.000 Titel werden jährlich in der katalanischen Metropole publiziert. Damit ist Barcelona nicht nur die literarische Hauptstadt Spaniens, sondern der ganzen hispanischen Welt.

?Barcelona ist kreativ und existenzgründerfreundlich", sagt Sabine Schumann. Die 28-jährige Deutsche ist Geschäftsführerin des Internet-Portals barcos24, das seit einem Jahr im Netz steht. Die Ulmerin, die an der Fachhochschule Reutlingen und in Madrid Europäische BWL studiert hat, trat vor fünf Jahren bei Seat in Barcelona im Marketing ihren ersten Job an. ?Ich hatte mich einfach beworben. Ich konnte Spanisch, BWL, ich hatte Lust und wurde eingestellt." Dann bekam sie von einem Hamburger Kapitalgeber das Angebot, ein Internet-Portal aufzubauen, das Geld mit Charter, Bootsvermittlung und -präsentation verdienen soll. ?Und das Ganze in einem Büro im olympischen Hafen von Barcelona. Da konnte ich als ehemalige Junioren-Vizeweltmeisterin im Regattasegeln einfach nicht nein sagen."

Nicht allen Unternehmensgründern geht es in Barcelona gut. Bis vor einem Jahr war die Stadt für Internet-Startups noch das gelobte Land. ?Manche Leute haben im vergangenen Jahr in Internet-Startups investiert, haben sich aber dann die Finger verbrannt und alle Investitionen gestoppt. Das verunsichert heute viele Geldgeber", meint Joan Alsina, Direktor der neuen Technologien ?Catalana d’Iniciatives" in Barcelona.

Internetsurfer-Paradies

Weiterhin guten Mutes ist der Ministerpräsident Kataloniens, Jordi Pujol, was die New Economy betrifft. 30 Prozent des Umsatzes der spanischen IT-Branche entstehen rund um Barcelona; und die 1,5 Millionen Einwohner große Mittelmeerstadt surft auch am meisten: 52 Prozent der Haushalte Barcelonas sind mit Computern ausgestattet, während nur in 28 Prozent aller spanischen Haushalte Computer stehen. Sony betreibt in Katalonien seine gesamte europäische IT-Forschung. Terra Lycos, die Internet-Tochter des spanischen Kommunikationsriesen Telefónica, hat seit Ende 2000 ihren Sitz in Barcelona.

Und Pujol will mehr: Bis zum Jahr 2004 soll Barcelona das Silicon Valley Europas werden - und zwar mit Hilfe des katalanischen Regierungsprojekts 22@BCN. Umgerechnet rund 14 Milliarden Mark wird Pujol in den nächsten Jahren in Technologieunternehmen investieren. Auf einem 2,5 Millionen Quadratmeter großen Terrain im Stadtviertel Poblenou, nahe am Mittelmeer, soll das Zentrum der New Economy entstehen.

Bis jetzt haben 40 IT-Unternehmen erklärt, dass sie sich dort niederlassen wollen. Darunter das kanadische Unternehmen Nortel Networks, das in Barcelona ein internationales Forschungszentrum für das mobile Internet einrichten will und bis zum Ende des Jahres noch 200 Ingenieure sucht. Einige Unternehmen wie Telefónica Moviles haben bereits im zukünftigen IT-Valley Platz genommen. 3.000 Arbeitsplätze hat 22@BCN bis jetzt geschaffen, Messen, Ausbildungszentren und eine Universität sollen die Entwicklung weitertreiben.

Über Umsatz oder gar Gewinn ihres Internet-Portals will Schumann nichts sagen. ?Wir sind aber das meistbesuchte Nautik-Portal Spaniens." 10.000 Benutzer im Monat, was für Spanien sehr viel ist. In Deutschland wäre das fast nichts. Auch dass Schumann in Barcelona weniger verdient als in der Bundesrepublik, macht ihr nichts aus. ?Dafür lächeln die Leute hier mehr."

Ist Barcelona also die schönste Stadt der Welt? ?Die schönste Stadt der Welt - kann man so generell gar nicht sagen", meint Schumann. Pause. ?Oder? Ach, ich sag’s jetzt doch mal.
Dieser Artikel ist erschienen am 25.03.2002