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Banker im Bundesdienst

Von Andrea Cünnen
Nur zehn Autominuten von der Frankfurter City entfernt residiert die ?Bundesrepublik Deutschland Finanzagentur GmbH?. Dafür zu sorgen, dass der Bund immer flüssig bleibt, ist der Job der dort ansässigen Schuldenmanager.
FRANKFURT. Durch die Glaskuppel fällt ein fahler Lichtstrahl auf eine überdimensionale Grünpflanze, aus dem Hintergrund ist das leise Plätschern einer Wassersäule zu hören. Eine Oase der Ruhe. Nur zehn Autominuten von der Frankfurter City entfernt residiert die ?Bundesrepublik Deutschland Finanzagentur GmbH?. In den Büros und auf den Fluren der eher bescheiden ausgestatteten Räumlichkeiten dominieren gedämpfte Töne und ein gemäßigter Gang ? Gelassenheit statt aufbrausender Betriebsamkeit.Dabei sind die rund 100 Mitarbeiter der Finanzagentur für Summen zuständig, deren Höhe kaum noch vorstellbar ist: für die Schulden des Bundes von inzwischen gut 900 Milliarden Euro. Deutschland sei längst pleite, wettern immer wieder die Politiker. Und der Bund der Steuerzahler warnt stetig vor der ausufernden Staatsverschuldung. Das alles beunruhigt Gerhard Schleif, den für das operative Geschäft zuständigen Geschäftsführer der Finanzagentur, nur wenig. ?Der Bund genießt die höchste Bonität, bekommt Kredite zu günstigen Konditionen und hat keinerlei Probleme mit der Liquidität?, sagt der 59-Jährige gelassen. Denn dafür zu sorgen, dass der Bund immer flüssig bleibt, ist der Job der Schuldenmanager.

Die besten Jobs von allen

230 Milliarden Euro wird die Finanzagentur im Namen des Bundes in diesem Jahr an den Anleihe- und Geldmärkten aufnehmen, so viel wie nie zuvor. Zu diesem Zweck versteigert sie regelmäßig sechsmonatige Geldmarktpapiere und Anleihen mit einer Laufzeit von zwei, fünf, zehn und 30 Jahren über je fünf bis neun Milliarden Euro. Zu Terminen, die grob schon ein Jahr im Voraus und konkret dann ein Quartal zuvor festgelegt werden.Zu den Auktionen sind derzeit nur 40 Banken der so genannten Bietergruppe Bundesemissionen zugelassen. Um zu dieser Gruppe zu gehören, müssen sie jährlich mindestens 0,05 Prozent der neuen Bundesschuld ersteigern. Die Banken bieten für die Wertpapiere vor allem im Auftrag für andere Investoren wie Fonds, Versicherer und Zentralbanken. Wenn der Bund eine Anleihe begibt, können die Banken in dem vollautomatischen Bietungsverfahren für eine Stunde lang angeben, zu welchem Preis sie welches Volumen ersteigern wollen. Und dabei kommt dann doch etwas Hektik auf: ?Die meisten Gebote kommen erst in den letzten fünf Minuten?, sagt Schleif und bekennt, dass es da dann doch eine ?gewisse Anspannung? gebe.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Liquiditätssteuerung Die Finanzagentur beschafft dem Bund aber nicht nur durch die Auktionen Geld, sondern ist auch für die tägliche so genannte Liquiditätssteuerung zuständig. Die Bundesbehörden mit rund 300 000 Bediensteten vom Kanzleramt bis zum Zollamt vor Ort haben ein gemeinsames Konto bei der Bundesbank. Täglich wird deshalb viel telefoniert zwischen Bundesfinanzministerium (BMF) und Finanzagentur: Was ist an Steuern eingenommen worden? Welche Rechnungen muss der Bund bezahlen? Täglich werden Milliarden bewegt. Um 18.00 Uhr muss das Konto ausgeglichen sein ? das Plus darf 100 000 Euro nicht übersteigen. Denn die Bundesbank darf dem Bund keinen Kredit geben und zahlt ihm keine Zinsen. ?Das ist so, als ob Sie ihr privates Konto täglich bis auf zwei Cents ausgleichen müssen?, sagt Geschäftsführer Gerd Ehlers, in dessen Bereich die Aufgaben des Überwachungsvorstands im Unternehmen fallen.Das für den täglichen Liquiditätsausgleich nötige Geld bekommt die Finanzagentur vor allem von den Banken. Alle Transaktionen werden in einem ? im Vergleich zu Großbanken ? winzigen Handelsraum ausgeführt: sechs Arbeitsplätze mit je vier Bildschirmen, dazu ein weiterer Raum für die beiden Liquiditätsmanager, die den Kontakt zum Finanzministerium halten und einer für den Chef des Handels.Die Telefonate mit Händlern der Banken werden leise geführt. ?Man darf sich dabei keinen Kopf darüber machen, ob hinter einer Zahl drei Nullen mehr oder weniger stehen, das ist ein Gewöhnungsprozess?, erklärt Schleif den unaufgeregten Umgang seiner Truppe mit den Riesensummen. Denn damit haben die Mitarbeiter der Finanzagentur ohnehin Erfahrung. Von den 25 Mitarbeitern im operativen Geschäft, also dem Handel und der Strategie, waren die meisten vorher in ähnlichen Positionen bei Banken beschäftigt. ?Im Gegensatz zum BMF, gehen die Entscheidungen hier viel schneller, weil man sich mit weniger Beteiligten abstimmen muss?, sagt Ehlers, der zuvor selbst 28 Jahre im BMF war. Das letzte Wort bei den Entscheidungen hat indes immer das Ministerium.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Geschichte der Finanzagentur Die Finanzagentur, die 2001 an den Start ging (s. ?Geschichte der Finanzagentur?) gibt jedoch ständig Anregungen, wie das Schuldenmanagement verbessert werden kann. Der Einsatz von komplizierten Derivaten wie Zins-Swaps oder die Emission der ersten deutschen Dollar-Anleihe wäre ohne die Anregungen der Finanzagentur wohl kaum möglich gewesen, heißt es am Finanzplatz Frankfurt. Auch am Geldmarkt und bei Wertpapierleihegeschäften hat die Agentur das Instrumentarium ständig erweitert. Nun steht die schon länger erwartete erste Bundesanleihe an, deren Verzinsung an die Inflationsrate gekoppelt ist. Anregungen für Neuerungen bekommt die Agentur auch aus Gesprächen mit Investmentbankern und Großanlegern. In den vergangenen drei Jahren hat Schleif zusammen mit den Banken an die 150 Investoren besucht.Ziel der von Ex-Finanzminister Hans Eichel ins Leben gerufenen Finanzagentur ist es, die Zinskosten des Bundes langfristig zu verringern, und zwar unabhängig von der Entwicklung der Kapitalmarktzinsen. Ab 2013 soll die Agentur die Zinskosten um jährlich 500 bis 750 Millionen Euro senken. Das geschieht mittels hochkomplexer Derivategeschäfte, mit deren Hilfe die Agentur die Restlaufzeit der umlaufenden Bundesschuld verringert. Dabei erspart sie dem Bund schon jetzt beträchtliche Summen. Zu tun bleibt genug, denn auch wenn die Nettokreditaufnahme des Bundes in den nächsten Jahren rückläufig ist, führt sie insgesamt zu höheren Schulden.Geschichte der FinanzagenturDie Anfänge: Die Finanzagentur nahm im Juni 2001 mit 28 Mitarbeitern das operative Geschäft auf. Zuvor kümmerte sich die Bundesbank um den deutschen Kapitalmarktauftritt. Die Agentur ist eine GmbH, deren alleiniger Gesellschafter der Bund ist. Ganz am Anfang handelte Chef Gerhard Schleif noch selbst, es gab nur eine Händlerin, der er assistierte. Inzwischen gibt es 100 Mitarbeiter. Schleif war früher Redakteur beim Handelsblatt und arbeitete danach 20 Jahre lang als Banker unter anderem im Anleihegeschäft.Die Ziele: Die Finanzagentur soll die Zinskosten für den Bund langfristig verringern. Durch die Einführung des Euros war es zudem wichtig, dass der Bund professioneller auf Investoren zugeht, weil er seitdem mit anderen Staaten um die Anlegergunst konkurriert.Die Erweiterung: In diesem Jahr wird die Bundeswertpapierverwaltung, die neben der Beurkundung der Bundesschuld auch für Privatanleger ? zum Beispiel beim Verkauf der Bundesschatzbriefe ? zuständig ist, mit der Agentur zusammengelegt.
Dieser Artikel ist erschienen am 21.02.2006