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B-Sortierung

Dorothee Fricke
Der Bachelor könnte zur Karriere-Sackgasse werden: Nach dem Willen der Bildungspolitiker soll die Zulassung zum Master-Studium künftig nach Quote und Note erfolgen. Hochschulen und Berufsverbände laufen Sturm, Studierende sind verunsichert.
Bianca Mellies ist besorgt. Gerade hat sie ihr Bachelor-Studium Architektur an der FH Anhalt in Dessau aufgenommen, da hört sie von allen Seiten, dass ihr angestrebter Abschluss sie wahrscheinlich nicht weit bringen wird. "Ich bin total verunsichert", sagt die 19-Jährige resigniert. "In Architektur macht man nur mit dem Master Karriere. Mindestvoraussetzung ist ein vierjähriges Studium", erklärt Barbara Christiane Schlesinger von der Bundesarchitektenkammer. "Das sollte Studenten bewusst sein, wenn sie nicht als Assistent des Assistenten enden wollen."Zwar haben die ersten Bachelor-Absolventen bereits erfolgreich auf dem Arbeitsmarkt Fuß gefasst (siehe Campus kompakt S. 144), doch ob sich das neue Kurzstudium in allen Branchen als karrierefördernder Abschluss bewährt, bezweifeln viele. Laut einer Umfrage des Karrierenetzwerks E-fellows.net unter 721 Studierenden glauben 72,5 Prozent, für eine Top-Karriere um den Master nicht herumzukommen. Von den Teilnehmern, die derzeit in einem Bachelor-Studiengang eingeschrieben sind, möchten 81 Prozent den Master draufsatteln.

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Nur jeder Dritte zum Master?
Ob sie das auch dürfen, ist fraglich. Was viele nicht wissen: Bachelor-Absolventen haben keinen Anspruch auf einen Master-Studienplatz, sondern müssen sich erneut bewerben. So hat es die Kultusministerkonferenz (KMK) in ihren Strukturvorgaben festgelegt. Bildungspolitiker einiger Länder setzen den KMK-Vorgaben noch eins drauf: Sie fordern die Hochschulen auf, ihre Master-Kapazitäten massiv zu beschränken. Nach dem Willen von Hamburgs Hochschulsenator Jörg Dräger soll nur jeder dritte Bachelor ins Master-Programm aufgenommen werden, das niedersächsische Wissenschaftsministerium peilt eine durchschnittliche Master-Quote von 50 Prozent an.In der Praxis bestimmt zumeist der Numerus clausus, wer weiter studieren darf. Im Kleingedruckten vieler Master-Studienordnungen heißt es schon jetzt, dass Bewerber, die ihren Bachelor nicht mindestens mit der Note "Gut" abgeschlossen haben, abzulehnen sind. Wer diese Hürde schafft, muss mit weiteren Qualifikationen glänzen können und persönliche Auswahlgespräche überstehen.Abgewiesene können ihr Glück an einer anderen Hochschule versuchen - oder müssen ihre Karriere-Erwartungen nach unten korrigieren."Da fragt man sich natürlich, wozu man überhaupt studiert. Das finde ich sehr demotivierend", klagt Architekturstudentin Mellies. Besonders bitter wirkt sich das in den Bereichen aus, wo der Bachelor-Abschluss nicht der Berufsqualifikation entspricht. Beispiel Lehramt: Erst der Master öffnet die Tür zum Schuldienst. Wer keinen überdurchschnittlichen Abschluss vorweisen kann, muss sich mit einem mäßigen Bachelor komplett neu orientieren.Vorschläge von Bildungspolitikern, ein neues Berufsbild des Assistenzlehrers aus dem Boden zu stampfen, zeugen eher von Hilflosigkeit.
Protest gegen die Quote
Vor allem technische und naturwissenschaftliche Fachgremien trauen dem Bachelor nicht über den Weg: Sie befürchten einen Qualitätsverlust in der Ausbildung. "In drei Jahren kann man keinen Ingenieur ausbilden", glauben die Präsidenten von neun führenden Technischen Universitäten in Deutschland. Im Oktober erteilten sie dem Bachelor als berufsqualifizierendem Abschluss für die universitäre Ingenieurausbildung eine klare Absage und wollen nur den Master als Regelabschluss akzeptieren. "Unsere Erklärung ist eine klare Kampfansage an die Quotierung", betont der Berliner TU-Vizepräsident Jörg Steinbach und gibt sich siegessicher: "Ich möchte den Politiker sehen, der uns öffentlich dafür rügt, dass wir die Qualität der deutschen Ingenieurausbildung gewährleisten möchten."Auch die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG) läuft Sturm: "Der Zugang zum Master-Studium darf nicht durch staatlich verordnete Kapazitätsbeschränkungen geregelt werden, die schon in Kürze zu einem Minderangebot an qualifizierten Fachkräften führen werden", warnt DPG-Präsident Knut Urban. Der Physik-Verband fordert die Länder auf, Ausbildungskapazitäten durch den Arbeitsmarkt bestimmen zu lassen und den Hochschulen durch geeignete Ausstattung die Chance zu geben, bedarfsorientiert zu reagieren.Zumindest in Sachsen wird der Appell erhört: Dort will man ganz bewusst auf eine Quotenregelung für Master-Studiengänge verzichten. "Viele Bachelor-Absolventen haben gar nicht vor, weiter zu studieren", bleibt Wolfgang Zimmermann vom sächsischen Wissenschaftsministerium gelassen, "hier werden sich Angebot und Nachfrage einpendeln."Der Ministerialrat glaubt nicht daran, dass diejenigen Studenten, die den Master draufsatteln möchten, bei der Bewerbung massenhaft durchs Raster fallen. Und wenn doch, rät Zimmermann zur Klage: "Ich kann mir gut vorstellen, dass die KMK-Vorgabe irgendwann vom Bundesverwaltungsgericht gekippt wird. Jeder Bachelor-Absolvent hätte dann das Recht auf Weiterqualifizierung." Dazu müsste allerdings erst ein Student den Weg durch die Instanzen wählen - und der kann teuer werden.

"Die Inhalte zählen"
Auch das noch: Laut Umfrage einer US-Akkreditierungsagentur werden die meisten amerikanischen Unis den deutschen Bachelor als Voraussetzung für ein Graduierten-Studium nicht anerkennen. Rolf Hoffmann, Direktor der US-Austauschorganisation Fulbright Commission, warnt vor Panikmache.
Ist der deutsche Bachelor in den USA wertlos?
Rolf Hoffmann: Das ist mit Sicherheit nicht der Fall. Im Gegensatz zu den dreijährigen deutschen Bachelor-Programmen dauert der amerikanische Bachelor vier Jahre. Klar, dass erst einmal Skepsis gegenüber einem noch relativ unbekannten Produkt herrscht. Es kommt jedoch nicht auf die Dauer des Studiums, sondern auf die vermittelten Inhalte an.
Welche Erfahrungen hat die Fulbright Commission mit Bachelor-Absolventen gemacht?
Wir selbst hatten bisher noch keine Bewerber mit Bachelor-Abschluss. Mit der ersten großen Welle rechnen wir bei der nächsten Bewerberrunde im Jahr 2005. Bis dahin hoffen wir, das Problem gelöst zu haben. Mir ist jedenfalls kein Fall bekannt, wo ein deutscher Bewerber von einer US-Uni abgelehnt wurde, weil er nur den Bachelor hat. Zusammen mit der Hochschulrektorenkonferenz und dem DAAD bemühen wir uns gerade um die Anerkennung des deutschen Bachelors bei den amerikanischen Akkreditierungsorganisationen. Ich bin optimistisch, dass wir bald Klarheit schaffen.
Welche Tipps haben Sie für so genannte "Free Mover", die sich ohne Austauschorganisation im Rücken um einen Graduierten-Platz an einer US-Uni bemühen?
Wichtig ist, den eigenen Studienverlauf genau zu dokumentieren. Eine große Hilfe bietet sicherlich das Diploma Supplement. Wenn es das noch nicht gibt, sollte man auf jeden Fall alle erworbenen Scheine übersetzt mitschicken.
Die Fragen stellte Dorothee Fricke.
Dieser Artikel ist erschienen am 17.12.2004