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Axel Ganz gibt noch einmal Gas

Von H.-P. Siebenhaar
Verlegerlegende Axel Ganz, der Grandseigneur des Verlagsgeschäfts, gibt mit 68 Jahren noch einmal Gas. Mit einer Frauenzeitschrift will er den französischen Markt aufmischen. Seinen langjährigen Arbeitgeber Gruner + Jahr hat er dafür mit ins Boot geholt.
PARIS. Axel Ganz packt gerne selbst zu. Der eher kleine Mann mit den großen Händen durchquert schnell die Büroräume in Paris, schenkt dem Blick auf den Eiffelturm keine Sekunde und eilt zum Kleiderständer. Geduldig kümmert er sich persönlich um die Garderobe des Titelmädchens.?Eine komplett neue Frauenzeitschrift kann niemand erfinden?, sagt der 68-Jährige. ?Es geht darum, die Themen neu zu kombinieren und darzustellen.? Seine Augen leuchten wie Taschenlampen, wenn er mit der Hand über Seiten der Nullnummer streicht, die aufgereiht an einer weißen Bürowand hängen.

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In zwei Monaten will er die neue Frauenzeitschrift in Frankreich an den Start bringen. Sie wendet sich an eine betuchte, bürgerliche Zielgruppe jenseits der 30 und soll Ikonen wie ?Elle? und ?Marie Claire? Leser und Anzeigenkunden abjagen. ?Ich möchte gerne 200 000 Exemplare wöchentlich machen?, sagt der Bonvivant im khakifarbenen Baumwollanzug mit Einstecktuch. Ein ehrgeiziges Ziel. Aber der Grandseigneur des Verlagsgeschäfts hat bewiesen, dass er solche Projekte stemmen kann, zum Beispiel für die Mohns in Gütersloh. Für die hat er 500 Millionen oder gar eine Milliarde Euro verdient. Die genaue Zahl will er nicht verraten. In den siebziger Jahren ging er als junger Journalist aus der badischen Provinz nach Paris und schuf innerhalb weniger Jahrzehnte für die Bertelsmann-Tochter Gruner+Jahr (G+J) den zweitgrößten Verlag des Landes: Prisma Presse. Er machte ?Geo? und ?Capital? in Frankreich zu Erfolgsprodukten, gründete Frauenzeitschriften wie ?Femme actuelle? und ?Prima? und mischte den Markt für Fernsehzeitschriften mit 14-tägig erscheinenden Blättern auf.Doch im vergangenen Jahr war im Alter von 67 Jahren Schluss. Ganz übergab die Geschäfte in Paris an seinen Nachfolger Fabrice Boé, einen Marketingfachmann aus dem Luxusreich von L?Oreal und Hermes. Nun plant Ganz aber noch einmal den großen Wurf. Dafür hat er die AG + J ? Axel Ganz und + Jahr gegründet. In froschgrünen Lettern prangt das Firmenlogo, eine Parodie auf seinen Ex-Arbeitgeber G+J, auf der Glastür im dritten Stock eines mondänen Pariser Bürogebäudes. Ganz hat die weitläufige Büroetage an der Place D?Iena, nicht weit vom Trocadero entfernt, zum Zeitschriftenlaboratorium umfunktioniert.Im Gegensatz zu früher arbeitet Ganz auf eigenes Risiko. Denn ein Viertel seiner Firma AG + J gehört ihm. Die restlichen Anteile kontrolliert Bertelsmann, denn Zeitschriftenerfinden kann ein teurer Spaß sein. Schnell sind ein paar Millionen Euro versenkt. ?Ich habe aus meiner Zeit bei Burda eines gelernt: nie mehr ein Blatt zu machen, das kein Geld verdient?, sagt der Verleger und Geschäftsführer mit fester Stimme, der mit der unrentablen Zeitschrift ?Freundin? sein verlegerisches Schlüsselerlebnis hatte. Ganz, der 60 Zeitschriften gründete, schwärmt von seinem neuen Projekt, als würde er das Genre Frauenzeitschrift noch einmal erfinden. Seinen Hauptgesellschafter G+J jedenfalls hat er überzeugt. Der Vorstand des Hamburger Verlagshauses gab schon grünes Licht. Die Zustimmung des Aufsichtsrats, dem er selbst angehört, gilt als sicher.Eine ?zupackende Begeisterung? bewege alle, die mit Ganz arbeiten, sagt G+J-Vorstand Bernd Kundrun. ?Es ist, als ob seine Energie die Menschen in seiner Nähe ansteckt.? Und Verleger Hubert Burda führt den Erfolg von Prisma Presse darauf zurück, ?dass Ganz kapiert hatte, dass Frankreich nicht nur aus Paris besteht?.Lesen Sie weiter auf Seite 2: In Frankreich läuft es nicht rundAber auch Erfolgsmensch Ganz musste in der Vergangenheit manche Niederlage einstecken. So schaffte er es als ?Feuerwehrmann? von Kundrun nicht, dass US-Zeitschriftengeschäft zu sanieren. Falsches Management, falsche Auflagenzahlen und falsche Blätter erwiesen sich als teures Abenteuer für die Bertelsmann-Tochter. Am Ende stand der Rückzug aus dem größten Zeitschriftenmarkt der Welt. ?Ich halte die Entscheidung, sich aus den USA zurückzuziehen, noch immer für richtig?, verteidigt Ganz die Konsequenz aus dem Waterloo von New York.Doch auch in Frankreich läuft es nicht rund. Zuletzt kämpfte Prisma Presse vergeblich um den Zuschlag beim Zeitschriftenkonzern Emap in Frankreich. Italiens Medienunternehmer und Ex-Premier Silvio Berlusconi bekam mit seinem Verlag Mondadori den Zuschlag. ?Es ist gut, dass Emap einen Verlag wie Mondadori als Käufer gefunden hat?, meint Ganz, denn damit komme ein neuer Spieler in den französischen Markt. Für seinen Nachfolger Boé ist das aber bitter. Denn so fehlt Prisma Presse die Perspektive des schnellen Wachstums.Den Kontakt zur größten Auslandstochter von G+J hat Ganz gehalten: Der Verlag ist der Dienstleister bei Druck, Vertrieb und Verwaltung für seine neue Zeitschrift. Das Herzstück, Redaktion und Anzeigenverkauf, kontrolliert Ganz. ?Im Zeitschriftengeschäft fehlen Journalisten mit unternehmerischem Talent?, klagt der Journalist, der von Großverlegern wie Hubert Burda oder Heinz Bauer gleichermaßen geschätzt wird. Aber auch Ganz ist Zahlenmensch. Rechnen hat er bei Reinhard Mohn gelernt. Die Lust auf Abenteuer und Expansion hat er selbst mitgebracht. ?Während Reinhard Mohn damals warnte, die Leser würden immer weniger lesen, sagte ich: ,Der Markt ist mit qualitativ gut gemachten Zeitschriften unterversorgt.? Ich sollte Recht behalten.?Noch heute ist er mit Bertelsmann und der Führungsmannschaft unter Konzernchef Gunter Thielen eng verbunden. ?Wenn Thielen in Paris ist, gehen wir bisweilen essen. Wir kennen und schätzen uns seit Jahren?, sagt Ganz. Thielen spielt für ihn eine wichtige Rolle: Der gebürtige Saarländer ist Aufsichtsratschef von G+ J. Im Sommer trifft er Thomas Middelhoff, Vorstandschef von Karstadt-Quelle, der ebenfalls im französischen Badeort Saint Tropez ein Ferienhaus besitzt, genauso wie Ex-Bertelsmann-Aktionär Albert Frère.In Südfrankreich denkt Ganz auch über neue Projekte nach. ?Zeitschriften zu machen ist wie ein Puzzle?, sagt er. Sorgfältig setzt er Teil für Teil zu einem Bild zusammen. Wird die Frauenzeitschrift sein letztes Puzzle? Ganz lacht. Ein Verleger und Journalist geht nun mal nicht in Rente. Schnell trinkt er in seinem Pariser Lieblings-Bistro ?Waknine? den Kaffee aus und eilt über die Straße in die Redaktion. Das Puzzlespiel geht weiter.
Dieser Artikel ist erschienen am 06.07.2006