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Auto-Suggestion

Von Ulrike Wirtz
Die Liebe zu Oldtimern hat Antje Dauphin von ihren Eltern geerbt. Seit zwölf Jahren fährt die Möbelfabrikantin die Mille Miglia. Das Gleichmäßigkeitsrennen mit Kultcharakter führt auf 1000 Meilen von Norditalien bis Rom und retour. Dauphin ist mit ihrem BMW 328 Roadster dabei ? und will die Rallye dieses Mal gewinnen.
Die Mille Miglia findet in diesem Jahr zum 80. Mal statt. Dieser BMW war 1940 schon dabei. Foto: ap
NÜRNBERG. ?Ursi? ist von Anfang an dabei. Seit dem ersten Mal ist Ursula Simon Kopilotin. Zweite Frau an der Seite der ersten. Sie teilt die Leidenschaft von Antje Dauphin, Juniorchefin und geschäftsführende Gesellschafterin des Möbelimperiums Dauphin. Ursula verantwortet die richtige Interpretation des Roadbooks und wacht über die Uhr, während Antje Dauphin über schmale Landstraßen brettert, durch Kurven jagt und den Oldie die engen Serpentinen des Apennin hinaufzirkelt und wieder hinunter ? ohne ABS, Servolenkung und ähnliche Erleichterungen wie bei heutigen Autos.Die beiden fahren Rallyes. In diesem Fall die Mille Miglia, den unsterblichen Klassiker unter den Oldtimer-Schleifen. Das Gleichmäßigkeitsrennen mit Kultcharakter führt auf 1000 Meilen von Norditalien bis Rom und retour ? wie beim ersten Mal anno 1927. Heuer, im 80. Jubiläumsjahr, findet die Mille Miglia vom 17. bis 20. Mai statt. Die Unternehmerin aus Offenhausen bei Nürnberg wird dieses Jahr zum 12. Mal am Start sein, seit 1996 verpasst sie keine Rundfahrt und verpasst Ursula Simon keine Mitfahrgelegenheit.

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Die Damen kennen sich seit frühen Kindertagen. Man könnte meinen, dass sie die Sache als Kaffeefahrt zum Klatschen und Tratschen angehen oder auf High Society machen. Viele Promis sind am Start, Adlige wie die Grimaldis und ?Poldi? von Bayern, Filmstars und Wirtschaftskapitäne. ?Sicher fahren wir aus Spaß mit und um Italien zu genießen. Aber wir sind schon sehr ehrgeizig. Antje aber noch mehr als ich?, erklärt ?Ursi?.Antje Dauphin ist wenige Tage vor der Mille Miglia ungeduldig. ?Ich könnte mich sofort auf den Weg nach Brescia machen?, gesteht die zierliche Frau mit rötlicher Haarmähne und muss selbst lachen ob ihrer Euphorie. Die norditalienische Kleinstadt ist Ziel und Start des traditionsreichen Oldtimer-Rennens, bei dem dieses Jahr 375 traumhafte, meist sündhaft teure Oldies starten ? Auto-Ikonen von Aston Martin über Bugatti, Ferrari und Lancia bis hin zu Mercedes und Porsche. Sie messen sich bei Geschicklichkeitsprüfungen und Zielläufen mit Zeitvorgabe.
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Antje Dauphin fährt wie immer ihren BMW 328 Roadster. Ein Traumauto in cremig-weißem Lack, Baujahr 1938, original erhalten, wie es die strikten Regeln der Mille Miglia Storica erfordern, und rund 300 000 Euro wert. ?Je nach Nachfrage am Markt. Der Wagen ist mein Goldstück?, sagt Antje Dauphin bescheiden. Denn sie kann aus der familieneigenen Sammlung von 130 feinsten Oldies wählen. Die Kollektion gilt als eine der größten in Privathand europaweit. Antjes Eltern, Friedrich-Wilhelm und Elke Dauphin, sammeln seit Anfang der achtziger Jahre. Die Tochter teilt die Vorliebe und entwickelt daraus einen unverkrampften Ehrgeiz.Vor allem bei der Mille Miglia. ?Die will ich einmal gewinnen?, sagt die Inhaberin der C-Rennlizenz international für Rundstrecken. Ein schwieriges Unterfangen, da macht sich die Unternehmerin nichts vor. Dieses Jahr sind unter anderem Jacky Ickx, Jochen Maas, Giuliano Cane und Prinz Leopold von Bayern am Start. Die Besten packen auf die Hundertstelsekunde genau die Zeitvorgaben. ?Bei allem Biss bleibe ich realistisch und wäre froh, den Damenpokal zu schaffen. Mein Mindestziel ist es, auf die Zehntelsekunde genau die Messschläuche zu passieren.? Das ist für einen Hobby-Racer, der nicht täglich trainiert, hervorragend.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Von den Eltern wird sie einmal das Steuer der Firma allein übernehmen.Besser, schneller, höher. Antje Dauphin macht alles mit einem Einsatz von 110 Prozent, da gibt es keinen Unterschied zwischen Beruf und Leidenschaft. Sagt jedenfalls die Beifahrerin. Dauphin widerspricht nicht: ?Weil ich immer zielorientiert unterwegs bin. Zum Erfolg gehört Risikofreude, aber genauso viel Verantwortung.? Erfolgsorientiert zu handeln und Risiken nicht zu scheuen, das kennt sie von den Eltern. Schließlich schufen die Dauphins aus dem Nichts das Unternehmen mit heute 21 eigenen Vertriebs- und Produktionsgesellschaften, unter anderem in den USA, England, Spanien und Südafrika. Inzwischen steht der 1969 gegründete Hersteller weltweit für gesundes Sitzen auf Grund von patentierter Innovationskraft, liefert sein High-Tech-Mobiliar in 56 Länder inklusive China.Von den Eltern wird sie einmal das Steuer der Firma allein übernehmen. ?Dann muss ich mir auch immer wieder neue Ziele stecken, Innovationen angehen und brauche den Mut dafür?, betont die Tochter. Antje Dauphin ist inzwischen wie die Eltern geschäftsführende Gesellschafterin. Doch für eine gewisse Zeit soll es noch beim Miteinander im Dreiertakt bleiben. Weder der Vater noch die Mutter denken ans Aufhören.Und das gilt auch für die Liebe zu Oldtimern und Oldtimer-Rennen und gerade für die Mille Miglia. Mutter und Vater nehmen am Kultrennen bereits seit 1988 teil und haben kein Jahr ausgelassen. Allen dreien ist dieser Familienausflug so wichtig, dass keiner den Termin verpasst. Das Rennen bestreiten die drei aber strikt getrennt. Mutter Elke Dauphin startet im BMW 507 von 1957, ?weil das ein Cabrio ist. Früher fuhr ich mit unserem Mercedes 300 SL Gullwing. Doch bei Sonnenschein wird es darin zu heiß.? Friedrich-W. Dauphin nimmt mal den Alfa Romeo 6C 2500 SS Corsa von 1938, mal den Jaguar SS 100 von 1938, mal den Porsche 356 A Carrera GS von 1955. In dem Flitzer schloss er mit Rallye-Meister Peter Göbel als Beifahrer die Mille Miglia 2000 als bestes deutsches Team ab.Zur Sammlung gehören noch antike Aston Martins, Maseratis, Lancias ? die Crème europäischer Marken, darunter etliche Modelle aus der Vorkriegszeit. Alle Boliden sind nach einem kurzen Check von Öl, Bremsen und Batterie fahrbereit. Der älteste ist aktuell ein Bugatti T35 B von 1929. An Porsches finden sich noch die weltberühmten Typen Rennspyder RS 61 und 904 GTS sowie der 550 Spyder, von Ferrari unter anderem der 250 GT SWB California Spider, überdies zwei Mercedes 300 SL. Der legendäre Gullwing mit seinen Flügeltüren stammt von 1955, ist zart hellblau-metallic lackiert und einer von Antje Dauphins Favoriten für die Nordschleife am Nürburgring, dieser legendenumwobenen Rennstrecke.
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Dort hat Antje Dauphin öfter trainiert, fährt am Ring außerdem den Oldtimer Grand Prix und den AvD Marathon Classic, in Salzburg das Gaisberg Rennen, in Frankreich die Tour Auto ? das älteste aller Autorennen. Am Polarkreis zum Fahrertraining war sie auch schon und hat beim Abschlusswettkampf auf dem Eisparcours gewonnen. ?Das fand die männliche Konkurrenz gar nicht gut?, freut sich Antje Dauphin.Stolz präsentiert sie die fein aufgereihte PS-Pracht, die eigens in einer mit Granit und Stahl durchgestylten Fabrikhalle im Nachbarort Hersbruck untergebracht ist. Elegant in einem sportlichen schwarzen Hosenanzug von Prada.Lesen Sie weiter auf Seite 3: ?Bei den Rennen bin ich völlig uneitel.? Da fällt es schwer, sich vorzustellen, wie sie einige Stunden in ihrem offenen BMW-Oldie mit rußgeschwärztem Gesicht unterwegs ist und wie sie nach den 14-stündigen Tagesetappen bei der Mille Miglia verstaubt und verschwitzt oder triefnass von Regenschauern aus dem Auto klettert. Egal, dass an den Etappenzielen zuhauf TV-Kameras warten, um die Bilder in alle Welt zu versenden, während am Wegesrand geschätzte zwei Millionen Menschen dem Oldie-Tross zusehen. ?Bei den Rennen bin ich völlig uneitel. Da stehe ich nur auf Tempo, Technik und Benzingeruch.? Von Technik verstehe sie schon ein bisschen, ob es um IT oder Automobile geht.Antje Dauphin sieht einige Parallelen zu ihrem Beruf, besser zu ihrer Berufung als alleinige Entscheiderin. Letztlich sei das wie bei einem Rennen mit ihrem BMW und ihrer Freundin Ursi als Beifahrerin: ?Wer erfolgsorientiert und rasant unterwegs ist, muss die Risiken und das avisierte Ziel miteinander ausbalancieren. Man muss den richtigen Punkt in der Beschleunigung erkennen, wo man besser innehält, um nicht abzuschmieren.? Sie zieht für sich weitere wichtige Parallelen: ?Als Fahrer trage ich die Verantwortung für Beifahrer und alle anderen am Weg. Das Gleiche gilt für unsere Mitarbeiter. Und in einem Team müssen alle Räder miteinander laufen, sonst kommt man nicht ans Ziel.?
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Und die Chefin ist Prima inter Pares: Sie langt selbst in den schmutzigen Motor, wenn es einfache Schäden zu beheben gilt. Führung heißt Vorbild, so ihre Devise. Bereits mit 15 konnte sie Zündkerzen wechseln und Mofas frisieren.Da hatte sie auch schon ihre ersten ?Fahrstunden? mit Autos älterer Freunde absolviert und gelernt, mit angezogener Handbremse über Stoppelfelder zu driften. Heute reizt es sie, die physikalischen Gesetze beim Fahren zu testen und die Wagen ohne jedes moderne Hilfstool an der Grenze zu bewegen. ?Mich fasziniert, was die Konstrukteure bei diesen alten Topautos leisteten und wie ich das in meinem 70 Jahre alten BMW 328 im wahrsten Wortsinn erfahre.?Diese hohe Kunstfertigkeit zieht Antje Dauphin auch als Vorbild für die Innovationskraft im eigenen Unternehmen heran. Dessen Büromöbel sind High-Tech-Produkte für eine anspruchsvolle Kundschaft, darunter Großkunden aus der Industrie und viele Architekten. ?Unsere Klientel verlangt beste Funktionalität bei erstklassiger Optik. Zumal Bürointerieur immer mehr zum Lifestyle-Produkt wird. Daher wächst der Anspruch an Ästhetik und Formsprache.?Lesen Sie weiter auf Seite 4: Die Dauphins denken bei vielen privaten Vorlieben auch ans Geschäft. Auch dafür holt sie sich Input bei den Oldtimern. Sie fährt beim Alfa Romeo Giulia TZ 1 Zagato von 1964 mit der Hand sanft über den tiefroten Lack, als streichele sie eine Wange. ?Was für ein Design, heute ist doch alles nur noch Windkanal.? Sie zeigt auf den Bugatti T57 mit der Hochglanzlackierung in Schwarz-Elfenbeinweiß. ?Einfach edel, diese Zweifarbigkeit, gerade auch für ein Bürointerieur.?Die Dauphins denken bei vielen privaten Vorlieben auch ans Geschäft. Die Oldtimersammlung ist nicht mehr nur Hobby, sondern Kapitalanlage. Und wie viel wert? Schweigen. Die Dauphins schlagen ganz offensichtlich weiteres Kapital daraus. Denn sie legten sich diese alte Fabrik zu, richteten sie mitsamt 9 000 Quadratmeter Parkanlage ansehnlich her, nannten das Ganze ?Dauphin Speed Event? und veranstalten dort sehr erfolgreich Events für bis zu 500 Personen ? inklusive Blick auf die Oldtimer, wahlweise mit Rundgang. Dann bekommt man auch die 200 antiken Motorräder zu sehen, die noch zur Sammlung gehören und ebenso leidenschaftlich angehäuft werden.Dass sie hoch professionell ein Weingut in Südafrika betreiben, fing auch als pures Hobby an. Die Dauphins hatten in Johannesburg einen Vertriebspartner gesucht, sich beim Aufenthalt vor Ort ins Land verliebt und ein Ferienhaus am Kap erstanden. Später bekamen sie zufällig das Gut angeboten, kauften auch das und stellten eine Profi-Winzerin ein. Heute weist das Allée Bleue preisgekrönte Tropfen vor, und die Dauphins sind gerade mit Erfolg dabei, diese im internationalen Markt zu etablieren. Die Gebäude der Farm am Kap, derweil liebevoll restauriert, sind für Feiern aller Art zu mieten.Bei aller Umtriebigkeit: Die Liebe zu Oldtimern und den Rallyes steht an erster Stelle. Antje Dauphin will den Sieg bei der diesjährigen Mille Miglia. Vielleicht kann sie Walter Röhrl, Rallyeweltmeister und Porsche-Testfahrer, einmal für die Mille Miglia gewinnen und mit ihm dort siegen. ?Ich hatte das Vergnügen, mit Walter 2001 die Tour Auto im Porsche 356 B Coupé Carrera zu fahren. Er fährt wie von einem anderen Stern. Das lässt sich nicht lernen?, schwärmt die Racerin. Bei Röhrl sei sie sogar gern als Kopilot eingestiegen. ?Und war nervös ohne Ende, ob ich richtig und schnell genug das Roadbook lesen konnte.?Die Freundin Ulrike kann es, von diesem Team wird man noch hören.
Dieser Artikel ist erschienen am 05.05.2007