Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Auto-Lobbyist Nummer eins geht

Bis zum Wochenende schien die Welt beim einflussreichen Verband der Automobilindustrie noch in Ordnung. Dann trat Präsident Bernd Gottschalk vollkommen überraschend zurück. Die Diskussion um die Klimaschädlichkeit deutscher Autos ist ihm offenbar zum Verhängnis geworden. Aus der Branche werden schwere Vorwürfe gegen ihn laut.
Bernd Gottschalk ist nicht mehr länger VDA-Präsident. Foto: dpa
HB FRANKFURT. Den Rücktritt teilte der Verband am Samstag mit. Seine Entscheidung habe nichts mit der Diskussion über den Klimaschutz zu tun, erklärte Gottschalk selbst in der Mitteilung: ?Ich habe mir keine Versäumnisse in der CO2/Hybrid-Debatte vorzuwerfen.? Ein VDA-Sprecher sagte nichts zu den Gründen des Rücktritts und zu einem möglichen Nachfolger. Der Verband ist das wichtigste Lobby-Organ der deutschen Autoindustrie.Aus Branchenkreisen hieß es, vor allem zu Anfang der Diskussion über die Kohlendioxid-Emissionen der Autos habe Gottschalk aus Sicht der Hersteller falsch reagiert. Speziell die deutschen Hersteller waren aufgrund ihrer großen Fahrzeuge in die Kritik geraten, wogegen japanische Autobauer mit ihren Hybrid-Fahrzeugen oder italienische und französische mit ihren vielen Kleinwagen punkten konnten. Es sei richtig, dass die Industrie nicht glücklich mit ihm gewesen sei, bestätigte eine Person aus der Branche einen Vorabbericht des ?Spiegel?.

Die besten Jobs von allen

Schwere VorwürfeDas Nachrichtenmagazin hatte berichtet, Gottschalk müsse um seinen Posten fürchten. Die Chefs der deutschen Autohersteller seien sauer über die Reaktion ihres Verbandes auf die Klimaschutz-Debatte. Wie schon bei der Diskussion um Feinstaub und Partikelfilter habe der Verband viel zu spät und lasch reagiert. Er habe nicht ausreichend über die Leistungen der deutschen Hersteller zur CO2-Reduktion aufgeklärt. ?Sobald wir einen Nachfolger gefunden haben, ist Gottschalk weg?, wurde ein Firmenchef zitiert.Dem Bericht zufolge wurde eine vom VDA geplante Anzeigenserie von den Herstellern gestoppt. Darin wollte der Verband laut ?Spiegel? ankündigen, dass die deutsche Autoindustrie in den kommenden Jahren 10 Mrd.Euro in den Klimaschutz investiert. Das klinge, als habe man bislang nichts getan, wurde ein Manager zitiert.Gottschalk wird dem Bericht zufolge auch vorgeworfen, dass er in der ARD-Sendung ?Sabine Christiansen? nicht persönlich die Interessen der VDA-Mitglieder Daimler-Chrysler, BMW, VW, Opel, Ford und Porsche vertreten habe. Bei der Sendung am 18. Februar war nur ein Vertreter Gottschalks im Studio zu Gast. In der Sendung waren die Hersteller für Versäumnisse beim Klimaschutz kritisiert worden.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Ein Bauernopfer.?Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) sieht Gottschalk als ?Bauernopfer der Automobilindustrie?. Die Autobauer selbst hätten es nicht geschafft, umweltgerechte Autos zu konzipieren und auf den Markt zu bringen, sagte VCD-Vorstandsmitglied Hermann-Josef Vogt am Samstag in Düsseldorf. Der Grünen-Vorsitzende Reinhard Bütikofer sagte: ?Meistens schlägt man den Sack, wenn man den Esel meint. Hier schlagen die Esel den Sack.?Ein Volkswagen-Sprecher sagte auf Anfrage, dass für seinen Konzern der Rücktritt überraschend gewesen sei. ?Herr Gottschalk hat eine hervorragende Arbeit für die deutsche Autoindustrie geleistet.? Ein BMW-Sprecher sagte: ?Wir bedauern das sehr. Wir haben in der Vergangenheit immer gut mit Herrn Gottschalk zusammengearbeitet und wünschen ihm für die Zukunft alles Gute.? Ford wollte sich nicht äußern, von Opel, Audi, Daimler-Chrysler und Porsche waren zunächst keine Stellungnahmen zu bekommen.Karriere bei DaimlerGottschalk hatte dem VDA seit 1996 vorgestanden und war damit der am längsten amtierende Chef in der über 100-jährigen Geschichte des Verbandes. Erst im vergangenen Herbst war er von den Unternehmen der Autobranche für weitere zwei Jahre im Amt bestätigt worden.Der VDA vertritt neben Autokonzernen auch Hersteller von Anhängern, Aufbauten und Containern sowie die Interessen der Zulieferindustrie. 500 Unternehmen mit rund 750 000 Beschäftigten sind in dem Verband organisiert. Das öffentlichkeitswirksamste Forum ist die Internationale Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt am Main.Gottschalk, geboren 1943 in Lübeck, begann seine Karriere 1972 im Daimler-Benz-Konzern als Assistent des Vorstandsvorsitzenden Joachim Zahn. 1988 wurde er kaufmännischer Leiter des Mannheimer Nutzfahrzeug-Werkes. Über die Auslandsstrecke als Präsident von Mercedes-Brasilien wurde Gottschalk schließlich 1992 Mercedes-Vorstand für Nutzfahrzeuge in Stuttgart. 1996 schied er auf eigenen Wunsch ?wegen unterschiedlicher Auffassungen über die organisatorische Gestaltung des Nutzfahrzeuggeschäfts? aus, nachdem Vorstandschef Jürgen Schrempp die Spartenorganisation im Konzern eingeführt hatte. Seitdem stand Gottschalk an der Spitze des VDA.
Dieser Artikel ist erschienen am 11.03.2007