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Auszeichnung für den Medien-Diplomaten

Von Hans-Peter Siebenhaar
Richard Parsons, der Chef von Time Warner, wurde in Cannes zur ?Persönlichkeit des Jahres? ernannt. Der weltgrößte Medienkonzern befindet sich jedoch in der Defensive. Immerhin hat Google mit der Übernahme von YouTube die gesamte Medien- und Internetbranche aufgewirbelt. ?Für mich ist es seine menschliche Seite, warum er ausgezeichnet wird?, sagt AOL-Chef Jonathan Miller. Der Preis ist eine der weltweit wichtigsten Ehrungen für Medienmanager.
CANNES. Der Chef des weltgrößten Medienkonzerns wird auf der Film- und Fernsehmesse Mipcom als ?Persönlichkeit des Jahres? ausgezeichnet. ?Für mich ist es seine menschliche Seite, warum er ausgezeichnet wird?, sagt AOL-Chef Jonathan Miller. Der Preis ist eine der weltweit wichtigsten Ehrungen für Medienmanager, den zuvor bereits Unternehmer wie CNN-Gründer Ted Turner, Telenovela-König Gustavo Cisneros oder Filmhändler Leo Kirch erhielten.Der gelernte Jurist genießt die Auszeichnung, denn die vergangenen Jahre waren für den stets freundlichen Manager mit der großen randlosen Brille alles andere als einfach. Erst im Frühjahr attackierte Großaktionär Carl Icahn den Vorstandschef. Wäre es nach Icahn gegangen, wäre Time Warner in vier Teile aufgespaltet worden. Doch Parsons fand am Ende einen Ausweg, um die Zerschlagung des amerikanischen Medienkonzerns mit seinen 87 000 Mitarbeitern zu verhindern.

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Medienkonzern in der Defensive In Cannes gibt sich Parsons, sportlich in grauer Hose und schwarzen Jackett, locker und heiter. Nichts deutet darauf hin, dass er und sein Medienkonzern sich in der Defensive befinden. Die spektakuläre Übernahme der Online-Videoplattform YouTube durch Google, ein Aktionär von Time Warner, bewegt den Manager aus Manhattan mit seinen stets gönnerhaften Lächeln. ?Das ist eine erstaunliche Geschichte?, formuliert der stets diplomatische Time-Warner-Chef. Das ist eine Untertreibung. In Wirklichkeit wirbelt Google mit der 1,65 Mrd. Euro schweren Übernahme von YouTube die gesamte Medien- und Internetbranche auf. ?Das ist ein heftiger Preis, der für einen traditionellen Medienkonzern nicht zu rechtfertigen ist?, rechtfertigt Parsons seinen Verzicht auf YouTube. ?Wenn es für jemanden Sinn macht, dann für Google.?Parsons hat sich intern mal wieder durchgesetzt. Denn es ist ein offenes Geheimnis, dass die konzerneigene Internetsparte AOL gerne YouTube gekauft hätte. Gleichzeitig bedeutet Parsons Blockade aber auch, dass sich die klassischen Medienkonzerne angesichts der schwierigen Marktsituation von riskanten Internetgeschäften fernhalten müssen. Das ist keine gute Nachricht für die Krisen geschüttelte Internettochter AOL.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Time Warner spielt nur noch Nebenrolle in DeutschlandNur noch Nebenrolle in DeutschlandIn Deutschland spielt Time Warner nur noch eine bescheidene Nebenrolle. Mit dem größten Medienmarkt Europas hatte Parsons, der seit vier Jahren an der Spitze von Time Warner steht, bisher wenig Glück. Während der Verkauf von Film- und Fernsehrechten gut läuft, sind die anderen Geschäfte schwierig. Erst vor wenigen Wochen hatte der Konzern seine deutsche AOL-Tochter an Telecom Italia verkauft. Im November vergangenen Jahres stieg Time Warner nach jahrelangen Verlusten beim Nachrichtensender N-TV aus. Seitdem ist Bertelsmann allein Herr im Hause. Ob es bei dem Rückzug in Deutschland bleiben muss, ist offen. ?Wir fokussieren uns auf Europa, dann Indien und China ? in dieser Reihenfolge?, verkündete Parsons auf einer Pressekonferenz am Rande der Film- und Fernsehmesse Mipcom.Wie so oft bleibt Parsons auch in Cannes unklar und vieldeutig. Mit dieser Strategie ist der Sohn eines Flugzeugtechnikers aus Brooklyn stets gut gefahren. Heute ist der 58-jährige Afroamerikaner eine der mächtigsten Medienmänner weltweit. ?In wirklich chaotischen Situationen ist Dick die Stimme der Vernunft und der Ruhe?, preist COO Jeff Bewkes seinen Chef. Bewkes würde gerne Parsons als Konzernchef beerben. Wann der Zeitpunkt gekommen ist, steht aber noch in den Sternen.Parsons präsentiert sich selbstbewusst. Selbst nach einem Ausstieg bei Time Warner dürfte der geschätzte Problemlöser nicht arbeitslos werden. ?Vielleicht gehe ich nach Italien und werde Vollzeit-Winzer?, kokettiert der Genussmensch, der ein Weingut in der Toscana besitzt. In Unternehmenskreisen werden dem früheren Berater des amerikanischen Präsidenten Gerald Ford politische Ambitionen nachgesagt. Bürgermeister von New York ? vielleicht auch noch mehr? Für den Zwei-Meter-Mann, der seine Karriere als juristischer Berater des republikanischen Gouverneurs von New York, Nelson Rockefeller, begann, ist das derzeit kein Thema. Seine Aufgabe ist es, nach der Sanierung dem Konzern endlich wieder Flügel zu verleihen. Internet und Internationalisierung sollen der sich langsam erholenden Aktie endlich wieder Auftrieb geben. Erst dann heißt es für Parsons: Mission erfüllt.
Dieser Artikel ist erschienen am 11.10.2006