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Auswandern - Sicher gehen

Ulrike Heitze
Auch wenn das neue Leben schon verlockend ruft und man vor der Ausreise tausend andere Dinge auf der Agenda stehen hat, sollte kein Auswanderer Deutschland den Rücken kehren, ohne sich vorher ausgiebig mit den Themen Versicherung und Altersvorsorge befasst zu haben.
Wie sieht das soziale Netz im Zielland aus? ? Schließlich wird man auch im Ausland alt, krank und möglicherweise mal arbeitslos. ? Und was passiert mit den bisherigen Versicherungen und der Altersvorsorge, für die man ja schließlich jahrelang Beiträge gezahlt hat? Alles futsch? Oder gehen die Verträge mit ins Ausland? Aber wie sieht?s dann aus, wenn sich das Land der Träume als Albtraum entpuppt und man schleunigst nach Deutschland zurück will?All diese Fälle sollte ein Auswanderer lange vor der Ausreise mit kundigen Beratern (Adressen siehe unten) durchgespielt haben, denn viele Weichen müssen schon von Deutschland aus gestellt werden und ein Hintertürchen für die Rückkehr sollte immer offen bleiben.

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Welche Regelungen hier wie dort letztlich sinnvoll sind, hängt von der individuellen Konstellation wie dem Ausreiseland und der eigenen Versicherungs- und Familiensituation ab, dennoch lassen sich ? länderübergreifend ? einige grundlegende Eigenheiten von Versicherungen feststellen:Ob und in welchem Umfang Beiträge, Warte- und Beitragszeiten in der Sozialversicherung (Rente, Arbeitslosen-, Kranken- und Pflegeversicherung) zwischen Deutschland und dem Ausland bei einer Auswanderung und bei einer möglichen Rückwanderung anerkannt werden, ist im Sozialversicherungsrecht geregelt. Wer in die Staaten des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) auswandert hat recht gute Karten, da die gegenseitige Anerkennung weit fortgeschritten ist.Mit einigen anderen Staaten wie etwa China, Israel, Kanada, der Türkei und den USA hat Deutschland binationale Sozialversicherungsabkommen geschlossen, in denen zumindest einige Aspekte wie etwa die Altersvorsorge geregelt sind, so dass jahreslange Beiträge ins deutsche System nicht per se futsch sind.Wen es allerdings dauerhaft in vertragsloses Ausland wie etwa Brasilien, Südafrika oder Indonesien zieht, hat schlicht Pech gehabt und sollte mit den Beratungsstellen (siehe unten) detailliert seine verbleibenden Möglichkeiten abklappern.In manchen Fällen ist beispielsweise eine freiwillige Weiterversicherung vom Ausland aus möglich und sinnvoll, um zum Beispiel die nötigen Beitrags- und Wartezeiten für eine deutsche Rente voll zu machen.> Die gesetzliche Krankenversicherung endet bei einer Auswanderung ziemlich flott: Mit dem letzten Tag der Berufstätigkeit ist man hier nicht mehr versicherungspflichtig, nach Absprache mit der Kasse ist eine Schonfrist bis zu einem Monat möglich. Wer länger für seine Ausreisevorbereitungen braucht, sollte sich bis zur endgültigen Ausreise freiwillig gesetzlich versichern oder arbeitslos melden, um hier weiter geschützt zu sein. Die gesetzliche oder private Krankenversicherung im neuen Land sollte man schon rechtzeitig in Deutschland anleiern, sofern möglich, damit der Schutz gleich vom ersten Tag an gilt.
Für den Übergang sind auch deutsche private Auslandskrankenversicherungen möglich, Reisekrankenversicherungen dagegen sind eine schlechte Wahl, weil sie in der Regel nur Urlaube und keine Berufstätigkeit abdecken.
Während es für gesetzlich versicherte Rückkehrer früher schwierig werden konnte, in die gesetzliche Krankenversicherung zurückzukehren, so bringt die Gesundheitsreform zum 1. April Erleichterung: Jeder ehemals in der GKV Versicherte ist nach seiner Rückkehr auch wieder dort aufzunehmen.
> Die private Krankenvollversicherung (PKV) ist innerhalb der EU in der Regel mitnehmbar, kostet wegen der Abwicklung mit dem Ausland aber eventuell ein bisschen mehr. Bei Umzügen außerhalb der EU kann der Versicherer mitmachen, muss es aber je nach Tarif nicht. Dann muss je nach ausländischem Versicherungssystem ein neuer Vertrag her, der wegen Gesundheitsprüfungen und Papierkram möglichst schon vor der endgültigen Ausreise angeleiert werden sollte. Um sich für später, falls es im Ausland doch nicht so toll läuft wie gehofft, eine Rückkehr in den alten Policentarif zu sichern, kann man eine Anwartschaftsversicherung abschließen, die etwa ab 50 Euro monatlich kostet. Wer sich keine leisten mag, muss sich bei einer Rückkehr in die deutsche PKV einer erneuten Gesundheitsprüfung unterziehen oder kann ab 1. April ? dank der Gesundheitsreform ? ohne Gesundheits-Check in den abgespeckten Standardtarif der Versicherung eintreten.> Ob private Krankenzusatzversicherungen wie eine Zahnzusatz- oder Krankenhauspolice fortführbar sind, hängt vom Tarif und dem Versicherer ab. Ein Auswanderer muss sich aber die Frage stellen, ob das überhaupt sinnvoll ist, da der Versicherungsschutz auf deutsche Verhältnisse zugeschnitten ist und vermutlich im Ausland eh nicht passt.> Wie die gesetzliche Rente bei einer Auswanderung behandelt wird, sprich, ob bisherige Ansprüche auch ins Ausland gezahlt werden und wer welche Wartefristen anerkennt, regeln, sofern vorhanden, die zwischenstaatlichen Verträge für jedes einzelne Land unterschiedlich. Dieses Bestimmungswirrwarr macht eine Beratung durch die BfA zur Pflichtveranstaltung für Auswanderungswillige.
Innerhalb der EU gibt es dabei weniger Probleme, Rentenansprüche zu erhalten, als bei Auswanderung ins Nicht-EU-Ausland. Dort kann es sogar passieren, dass Rentenansprüche und bisherige Beiträge einfach verfallen, wenn der Auswanderer die nötigen Warte- und Einzahlfristen in Deutschland nicht zusammenbekommt. Hier könnte es dann sogar sinnvoll sein, vom Ausland aus freiwillige Beiträge ins hiesige System einzuzahlen, um die Zeiten voll zu machen.
Wer noch nicht lange in die Rentenkasse einzahlt, kann sich in bestimmten Fällen seine bisherigen Rentenbeiträge ? zumindest den Arbeitnehmeranteil ? auszahlen lassen, sollte sich zuvor aber das Für und Wider genau erklären lassen.
> Die betriebliche Altersvorsorge ist in Sachen Ausland ein kompliziertes Produkt. Ob und wie lange Verträge weitergeführt werden können, erzielte Ansprüche erhalten bleiben und ins Ausland ausgezahlt werden, hängt vom Arbeitgeber und vom Vertrag ab, muss also individuell erforscht werden.> Riester-/Rürup-Verträge können in der Regel behalten, ruhend gestellt oder und auch ? ohne staatliche Förderung ? weiter bespart werden. Wenn in der späteren Auszahlphase allerdings kein Wohnsitz in Deutschland nachgewiesen werden kann, dann verlangt die aktuelle Regelung bei Riester-Verträgen die komplette Rückzahlung aller staatlichen Zuschüsse. Rürup-Verträge sind beim Thema Ausland nicht pingelig, eine Weiterzahlung ist aber meist nicht sinnvoll, da die Produkte sich erst durch die Steuerförderung interessant sind.> Private Renten- und Kapitallebensversicherungen machen beim Export ins Ausland in der Regel wenige Probleme, der Versicherer muss aber in jedem Fall informiert werden. Spätere Auszahlungen werden nach den ausländischen Regeln besteuert.> Risikolebensversicherungen oder Kapitalpolicen mit Risikoschutz werden dann wirklich kompliziert ? und voraussichtlich sehr teuer ? wenn sich der Auswanderer ein Krisengebiet ausgesucht hat.> Ansprüche aus der Arbeitslosenversicherung kann man bei Auslandsarbeitslosigkeit unter Umständen dann geltend machen, wenn das Zielland Mitglied des europäischen Wirtschaftsraumes (EWR) ist oder ein entsprechendes Sozialversicherungsabkommen mit Deutschland geschlossen hat. Auch ein Weiterbezug von deutschen Leistungen während der Jobsuche im Ausland ist teilweise möglich. Diese komplexe Materie muss man sich aber von der Bundesagentur für Arbeit länderabhängig ausklamüsern lassen.> Die deutsche Pflegeversicherung wird recht selten in Sozialversicherungsabkommen geregelt, da die meisten Staaten so eine Sozialleistung in ihrem Land gar nicht kennen. Die hiesige Pflegeversicherung könnte vom Ausland aus aber weiterhin freiwillig bezahlt werden, die späteren Pflegeleistungen können aber nur in Deutschland in Anspruch genommen werden. Der Auswanderer müsste also für die Pflege zurückkommen. Lediglich innerhalb der EU wäre eine Auszahlung bei gewissen Konstellationen möglich.> Private Berufsunfähigkeitsversicherungen sind in vielen Fällen nicht für längere Zeit ins Ausland transportierbar, vereinzelt gibt es aber Policen, die das gestatten. Da viel vom jeweiligen Land, der Aufenthaltsdauer und vom ausgeübten Beruf abhängt, sollte man sich vom Versicherer beraten und die Ergebnisse schriftlich bestätigen lassen. Eine neue Police im Ausland leiert ein Auswanderer sinnvollerweise schon bei einer frühen Stippvisite in der neuen Heimat an, weil Gesundheitsprüfungen und Papierkram eine Weile dauern und der Versicherungsschutz schon vom ersten Tag der Einreise an gelten sollte.> Haftpflichtversicherungen müssen mindestens aufs Ausland umgeschrieben werden. Da sich durch den Umzug aber auch das Risiko verschiebt ? siehe Millionenklagen in den USA ? hat der Versicherer das letzte Wort. Möglichweise muss ein ganz neuer Schutz im Ausland her, oft haben Versicherer aber Produkte von Auslandstöchtern parat.> Sonstige Policen wie Hausrat, Rechtsschutz et cetera müssen auf ihre Auslandstauglichkeit einzeln getestet werden. Der bei Inlandsumzügen übliche Zwei-Monats-Übergangsschutz fürs neue Heim gilt bei Auslandsumzügen meistens nicht. Info- und Beratungsstellen:

Eures-Beratungsstellen
Ansprechpartner und Informationsschriften. Spezielles Angebot für Auswanderung innerhalb der EU
http://europa.eu.int/eures/

Bundesverwaltungsamt
Verzeichnis der Auskunfts- und Beratungsstellen sowie der bestellbaren Publikationen
Hotline: 0 18 88.3 58-49 99,
www.bva.bund.de

Raphaels-Werke
Beratungsstellen und Online-Beratungsdienste zum Thema Auswanderung sowie Länderinformationsschriften zum Bestellen
www.raphaels-werk.de

Deutsche Rentenversicherung
Infos und Beratung zur gesetzlichen Rente, Riester- und Rürup-Verträgen
www.deutsche-rentenversicherung.de, 08 00.10 00 48 00

Deutsche Verbindungsstelle Krankenversicherung ? Ausland (DVKA)
EU- und bilaterale Sozialversicherungsabkommen zum Download sowie Merkblätter zu einzelnen Ländern
www.dvka.de

Neues Land, neues Glück
Birgit Adam, Redline Verlag, aktualisierte Auflage ab April, 8,90 Euro

Zentrale Arbeitsvermittlung (ZAV), Bonn
Konkrete Auslandsstellenangebote. Die Offerten findet man über folgenden Pfad:
www.arbeitsagentur.de, Stellen-, Bewerberbörse: Arbeits- und Ausbildungssuchend, Stellenangebote suchen, Suchkriterien hinzufügen, Land ändern, Zielland anklicken
Dieser Artikel ist erschienen am 29.03.2007