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Außenseiter hat noch Töne

Von T. Riecke und T. Knüwer
Adrew Lack, ehemaliger Chef des Senders NBC, wird bald einer der mächtigsten Manager der Musikindustrie sein. Lack leitet derzeit das Musikgeschäft von Sony und ist designierter Chef von Sony BMG, dem Musikkonzern, den Bertelsmann Sony schmieden.
NEW YORK. Es waren Sätze für die Ewigkeit, sprühend vor Gift, Ironie und Zynismus: ?Wenn Wahlen irgendetwas ändern würden, hätten die Mächtigen sie längst abgeschafft.? Oder: ?Jedem Bürger eine Stimme zu geben, hat diese ebenso wenig weise gemacht, wie der christliche Glaube sie zu besseren Meschen gemacht hat.?Gesprochen wurden sie bei einer Anhörung des amerikanischen Kongresses vor vier Jahren, als erörtert wurde, wie es zu den vielen falschen Hochrechnungen am Abend der US-Wahlen kommen konnte. Und der das sagt, ist kein Weltverbesserer, Altlinker oder Revolutzer: Andrew Lack ist damals Chef des Senders NBC ? und wird bald einer der mächtigsten Manager der Musikindustrie sein.

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Lack leitet derzeit das Musikgeschäft von Sony und ist designierter Chef von Sony BMG, dem Musikkonzern, den Bertelsmann Sony schmieden. Nachdem die europäischen Wettbewerbshüter der Firmenhochzeit Anfang der Woche ihren Segen gegeben haben, kann der 57-jährige Amerikaner endlich loslegen.Zu tun gibt es mehr als genug: Sony Music, die weltweite Nummer drei im Markt, schreibt rote Zahlen; BMG, Fünftgrößter der Branche, hat es in den ersten sechs Monaten auf einen kleinen Gewinn von 30 Millionen Euro gebracht. Bei einem Jahresumsatz von 2,7 Milliarden nicht unbedingt eine Glanzleistung. Doch der Branche insgesamt geht es nicht besser: Weltweit sinken die Einnahmen, Musikpiraten vermasseln das Geschäft, die digitale Zukunft haben die Musikkonzerne verschlafen.Und nun soll es ein Außenseiter richten, einer der gerade mal anderthalb Jahre im Geschäft der klingenden Töne unterwegs ist. Kein Wunder, dass in Branchenkreisen die Skeptiker erstmal Überhand hatten.Mittlerweile findet man jedoch Gefallen an dem gebürtigen New Yorker mit der hohen Stirn: ?Dass Lack von außen kommt, ist ein Plus. Schließlich haben die bisherigen Musik-Manager die Branche in die Misere geführt?, sagt ein Kenner der Szene, der nicht genannt werden will. Lack hatte für die Skeptiker in einem Interview die passende Antwort: ?Wenn wir es mit einem Geschäft zu tun haben, das derart in Aufruhr ist, sind wir alle Außenseiter?. Bevor Lack im Februar vergangenen Jahres als Chef zu Sony Music kam, war er in der Musikbranche völlig unbekannt. Wie BMG-Chef und Ex-WDR-Moderator Rolf Schmidt-Holz hatte er sich als TV-Mann einen Namen gemacht. Von 1976 bis 1989 arbeitete Lack als Produzent beim US-Sender CBS. Während dieser Zeit erhielt er nicht nur für verschiedene TV-Formate Auszeichnungen, er schloss auch Freundschaft mit Howard Stringer, dem heutigen Chef von Sony USA.Über zehn Jahre war Lack für Stringer aktiv und beeindruckte diesen vor allem mit neuen Formaten für Nachrichtensendungen. Der kantige Manager mit den großen ovalen Brillengläsern brachte als einer der ersten klassische Unterhaltungselemente ins ernste Nachrichtengeschäft. Als Stringer vor zwei Jahren einen unkonventionellen, durchsetzungsfähigen Manager mit neuen Ideen für die daniederliegende Musiksparte suchte, erinnerte er sich an seinen alten Weggenossen.Lesen Sie weiter auf Seite 2Lack hatte es mittlerweile beim Fernsehsender NBC zum Chief Operating Officer gebracht. Zuvor hatte er die NBC News zur beliebtesten Nachrichtensendung in den USA gemacht und zusammen mit Microsoft den Nachrichtenkanal MSNBC gegründet. Als sich der TV-Mann dann mit NBC-Chef Bob Wright überwarf, kam der Ruf von Sony gerade recht.Bei der Musiktochter des japanischen Elektronikkonzerns hatte Lack einen Einstand mit Donnerhall: Nach nur drei Monaten auf dem neuen Posten feuerte er 1 000 Mitarbeiter, zehn Prozent der Belegschaft. Die jährlichen Kosten drückte er in kürzester Zeit um 100 Millionen Dollar. ?Er kennt keine heiligen Kühe?, sagt ein Kollege. Bestes Beispiel: Er will Musiksendern wie MTV die Musikvideos nicht mehr gratis zur Verfügung stellen ? in der Branche wäre Sony der erste, der dafür Geld verlangen würde.Auch in seinem neuen Job als Chef von Sony BMG wird der Vater dreier Kinder erst die Kosten senken. Einsparungen von rund 350 Millionen Dollar sind sein Ziel. Die größere Herausforderung liegt jedoch darin, den dann zweitgrößten Musikkonzern der Welt aus seiner strukturellen Sackgasse zu führen.Lack hat dafür einige Ideen: So treibt er den Online-Vertrieb Connect voran; außerdem will er mit neuen Mini-Alben die Käufer von CDs zurückgewinnen: ?Die Leute geben zuviel Geld für eine CD mit zu vielen Songs aus?, sagte Lack dem US-Magazin ?Forbes?.Dass er die Sanierungsarbeit nicht scheut, hat der neue Sony-BMG-Chef bereits bewiesen. Er muss aber noch zeigen, dass er auch das Fingerspitzengefühl und Ohr dafür hat, um neue Stars aufzuspüren und alte zu halten. Eine harte Aufgabe, ist doch mit Barbara Streisand eines der größten Sensibelchen der Musikwelt unter Vertrag. Am nötigen Selbstbewusstsein für den Umgang mit Diven wie Britney Spears oder Christina Aguilera fehlt es ihm jedenfalls nicht. Kollegen loben ihn als ?freundlich und offen? im Umgang: ?Anders als Schmidt-Holz ist er eben ein richtiger Amerikaner.? Lack kann jedoch auch forsch, einige sagen arrogant, daherkommen.Immerhin hat er ein Auge für Details: Nach dem Besuch eines Konzertes der Rockband Train überraschte er seine Mitarbeiter mit Vorschlägen, wie sich der Auftritt des Sängers und die Lichteffekte der Show verbessern ließen.
Dieser Artikel ist erschienen am 26.07.2004