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Außen Buchhalter, innen Diplomat

Von Thomas Knüwer
Paul Tagliabue gilt als mächtigster Sportmanager der USA ? und als Kämpfer für American Football in Europa. Auf dem Podium in der Düsseldorfer LTU-Arena saß er allerdings wie die Mensch gewordene Unauffälligkeit.
HB DÜSSELDORF. Ein langjähriger Mitarbeiter aus der Buchhaltung könnte er sein, am letzten Tag vor der Rente, wenn der Chef ein längst verdientes Lob verkündet. Die Hände liegen im Schoß unter dem Tisch, gelegentlich knetet er einen Finger. Das Lächeln ist ein wenig zu starr, um echt zu sein: Da weiß einer, dass die Kameras auf ihn gerichtet sind ? weil sie es in der Heimat ständig sind.?Besuche in Europa sind für mich schon erholsam, weil mich nicht jeder erkennt?, sagt Tagliabue. In den USA ist er für die Fans des American Footballs schlicht der ?Commish?, was für Commissioner steht und übersetzt ?Bevollmächtigter? heißt. Ein simpler Titel, hinter dem Großes steckt ? die Lenkung eines Sportunternehmens, das fünf Milliarden Dollar umsetzt und dessen Gewinnspanne Experten auf zehn bis 15 Prozent schätzen: die American-Football-Liga National Football League (NFL). Und die wird gefeiert als Musterbeispiel, wie Sport und Vermarktung einhergehen können, ohne dass sportliche Qualität oder Spannung sinken. Zu verdanken hat sie dies vor allem Tagliabue.

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1989 wurde aus dem Anwalt, der für die Großkanzlei Covington & Burling die Liga seit Anfang der 70er beriet, der Commish. Damals setzte die NFL 970 Millionen Dollar um und war von Tagliabues Vorgänger Pete Rozelle aus einer schlimmen Krise geführt worden.Es folgte ein gewaltiger Aufschwung: Unter Tagliabue verfünffachte sich der Umsatz der NFL, vier neue Teams kamen hinzu, 20 Stadien wurden gebaut ? bei der Finanzierung half die Liga ? und ein eigener TV-Sender wurde gestartet. Überhaupt: Fernsehen. Vor drei Jahren sagte Tagliabue dem Handelsblatt: ?Wir sehen, dass die Entwicklung der Fernsehgelder ihren Höhepunkt überschritten hat.? Heute gibt er zu: ?Ich lag falsch.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der Himmel scheint die GrenzeUnter den zehn meistgesehenen regelmäßigen Sendungen in den USA findet sich siebenmal Football. 3,735 Milliarden Dollar bringen der Liga die Übertragungsrechte. Das ist mehr als die TV-Einnahmen der Basketball-Liga NBA, der Baseball-Liga MLB, der Autorennserie Nascar, der Golf-Tour PGA, der Meisterrunde im Uni-Basketball und Olympia 2004 ? zusammen.Der Himmel scheint die Grenze, denn das Meer ist es schon lange nicht mehr. Tagliabue war es, der die Gründung einer NFL-Europa-Tochter vorantrieb: als Katalysator für junge Spieler und Vermarktungsinstrument. Heute ist die NFL Europa zur Deutschland-Liga mutiert. Neben Köln, Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt und Berlin spielt nur Amsterdam außerdeutsch. Selbst eine Umbenennung schließt Tagliabue nicht aus: ?Etwas wie Bundesliga NFL ist in der Erwägung.? Gerüchten über eine Einstellung begegnet der Commissioner freundlich vehement: ?Unser Engagement ist langfristig angelegt.? Immerhin: Vergangenes Wochenende gab es mit 90 000 Zuschauern bei drei Spielen einen neuen Ligarekord.Die Zukunft der NFL Europe liegt nur bedingt in Tagliabues Händen ? so wie jede wichtige Entscheidung. Die NFL ist kein Verband, sondern ein geschlossenes Unternehmen ohne Auf- und Abstieg. Den Wert eines Teams schätzt man auf über 500 Millionen Dollar. Das impliziert, dass es sich bei deren Besitzern um Wohlbegüterte handelt, oft genug um egozentrische Milliardäre. Sie fällen Entscheidungen mit einer Dreiviertelmehrheit ? so auch im Herbst die Frage, ob es weitergeht mit der NFL Europe. Es ist vielleicht der bemerkenswerteste Erfolg Tagliabues, dass er die Reichen-Rasselbande geeint hat. So werden 80 Prozent aller Einnahmen in einen Topf geworfen und gleichmäßig verteilt. Das soll die Spannung in der Liga hoch halten. Man stelle sich vor: Der FC Bayern lieferte Geld ab, um Hansa Rostock stark zu machen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: ?Tagliabue ist jemand, dem ich mein Vermögen anvertrauen würde?Um zu begreifen, wie Tagliabue das erreicht hat, muss man mit ihm über etwas anderes reden als Sport. Über transatlantische Politik zum Beispiel. Dann werden seine Antworten länger, philosophiert er über Managementstile und Geschichte, über altes und neues Europa ? aus dem freundlichen Buchhalter wird ein kenntnisreicher Diplomat.Auch Jürgen Weber hat ihn so erlebt. ?Tagliabue ist jemand, dem ich mein Vermögen anvertrauen würde?, sagt der Aufsichtsratschef der Lufthansa. Weber gehört zur Trumpfkarte, die Tagliabue aus dem Ärmel gezogen hat im Ringen um die Zukunft der NFL Europe. Ein Advisory Board, besetzt mit Top-Managern, berät die Liga. Weber sitzt dem Gremium vor, mit dabei sind auch Daimler-Aufseher Hilmar Kopper, EnBW-Chef Utz Claassen, Citigroup-Mann Michael Klein, Linde-Lenker Wolfgang Reitzle und Metro-CEO Hans-Joachim Körber.?Tagliabue verschafft uns Kontakte in den USA, umgekehrt versuchen wir, die NFL Europe hier mehr publik zu machen?, erklärt Weber, der mit der Initiative ?Invest in Germany? um US-Investitionen für Deutschland wirbt. Die ersten Vorschläge des Boards würden Investitionen bedeuten: Weitere Teams sollen her, sagt Weber. Gespräche mit Kandidaten liefen schon, darunter München und Stuttgart.Das verspricht viele Europa-Reisen des Commish ? ohne Frau. ?Sie würde mitkommen, wenn wir uns entspannen. Aber solange Spiele für mich Business-Treffs im Stadion sind, bleibt sie lieber daheim.? Und so geht es dem mächtigsten US-Sportmanager wie vielen männlichen Fans: Zum Spiel geht er allein.
Dieser Artikel ist erschienen am 31.05.2005