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Ausgegrenzt wird unter der Hand

Von Frank Siering
In den USA kümmern sich Spezialberater um diskriminierungsfreie Stellenbesetzungen. Sie kassieren für ihre politisch korrekten Ratschläge 450 Dollar die Stunde, sind aber immer noch billiger als Prozesse, bei denen renommierte Firmen regelmäßig zu schmerzhaften Millionenzahlungen verdonnert werden.
40 Millionen Dollar Abfindung für benachteiligte Bewerber: Filiale von Abercrombie & Fitch in Santa Monica in Kalifornien. Foto: ap
LOS ANGELES. Das Management des US-Telefonanbieters Verizon war nicht ?amused?. 49 Millionen Dollar musste die Firma kürzlich an 12 000 Angestellte zahlen. Der Grund: ein jahrelanger Rechtsstreit, weil schwangeren Frauen, die für Verizon arbeiteten, Pensionsansprüche und Schwangerschaftsurlaub versagt worden waren. Ein Ausrutscher im Arbeitsvertrag, der von der Personalabteilung nicht sorgfältig formuliert war, hatte zu diesem Finanzdisaster geführt.Auch der hippe Klamottenhersteller Abercrombie & Fitch mit 22 000 Angestellten in 700 US-Filialen bekam Ärger: 40 Millionen Dollar Abfindung musste A&F kürzlich an lateinamerikanische, schwarze und asiatische Jobbewerber zahlen. Die Bewerber hatten A&F wegen Diskriminierung ob ihrer ethnischen Herkunft verklagt ? und gewonnen.

Die besten Jobs von allen

Hungrige Juristen warten nur darauf, dass ein Arbeitgeber in Stelleninseraten Fehler macht. ?Ich weiß von Kollegen, die jeden Tag die Jobanzeigen studieren ? in der Hoffnung, dass eine Firma eine undichte Annonce aufgegeben hat?, berichtet Joe Pertel, Anwalt aus Santa Monica in Kalifornien. ?Undichte Annoncen?? Das sind Anzeigen, die den politisch korrekten Grundregeln nicht entsprechen. Immer öfter heuern deshalb Firmen wie Microsoft, der Versicherer Blue Shield oder Morgan Stanley und die Bank of America Beraterfirmen wie CPE (California Professional Employees) aus Los Angeles oder Brass Ring aus Waltham im US-Bundesstaat Massachusetts an. Der einzige Job dieser Human-Resources-Management-Solution-Firmen: unangreifbare Stellenausschreibungen zu erstellen. ?Es grenzt an Irrsinn, dass wir uns vor potenziellen Angestellten schützen müssen, noch bevor wir jemanden einstellen?, heißt es bei Verizon. Aber ?das ist Realität.?Thomas Purr von CPE erklärt: Es ist ?ungemein wichtig?, dass jede Bewerbung ?gründlich auf verbale Ausfälle geprüft wird?. So sind Referenzen zu Hautfarbe, Nationalität, Geschlecht oder Behinderungen verpönt. Ebenso wenig darf nach Altersvorzügen, medizinischen Problemen oder Hochzeitsplänen ? bei weiblichen Bewerbern ? gefragt werden.Julide Ochs hatte sich auf eine Anzeige einer Werbeagentur in Los Angeles als Rezeptionistin beworben. Als sie im Vorstellungsgespräch gefragt wurde, ob sie denn in den nächsten sechs Monaten schwanger werden wolle, klagte sie ? und gewann. ?US-Richter werden bei Diskriminierungsfällen hellhörig. Meist bekommt der vermeintlich Schwächere, der Kläger, Recht?, weiß Pertel.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Was in einem Land opportun ist, kann im Nachbarland indiskutabel seinTodd Bruning arbeitet im Human Resources Department der Beraterfirma KPMG in New York. Seine Firma, die in über 140 Ländern operiert, muss bei Bewerbungsausschreibungen kulturelle Differenzen beachten. ?Besonders multinationale Unternehmen müssen sich der Herausforderung von unterschiedlichen kulturellen Kontexten stellen?, sagt er. Was in einem Land opportun ist, kann im Nachbarland indiskutabel sein bei der Bewerbungsausschreibung. Auch wenn unter der Hand ausgegrenzt wird, offiziell geht das nicht. ?Die Angst vor dem Klagegespenst geistert immer mit?, so Dave Bjornson, Personalchef einer Versicherung in Long Beach, Kalifornien.Und so konzentrieren sich die Spezialberater, die den Firmen helfen, die Ausschreibungen wasserdicht zu machen, auf die Verbreitung von generell angewandten Unternehmensregeln, die als Statut fest in der Company verankert werden sollten. ?Wir fokussieren auf das, was wir soziale Integration nennen?, sagt Purr. Dahinter verbirgt sich nichts weiter, als die Möglichkeit, dass eine zierliche 21-jährige Kunstwissenschaftlerin genauso Chancen auf den Job als Gabelstaplerfahrer im Hafen hat wie ein 40-jähriger Pole.Was aber bringen die Jobberater den Firmen wirklich bei? Zum einen, so erzählt ein Job-Coach von Brass Ring, sollten Berufsbeschreibungen demnach eine ?genaue Definition der Aufgaben enthalten?, keine geschlechtsspezifischen Anforderungen herausstellen, und selbst sprachliche Bedingungen für die Stelle sollten in keiner Ausschreibung stehen. ?Das kann zu Rückschlüssen auf kulturelle und somit ethnische Vorbehalte führen?, erläutert Purr. Firmen, die Unternehmen zum Thema Bewerbung beraten, werden fest in die Personalabteilung integriert und für längere Zeit angeheuert. ?Das hat seinen Sinn. Ständig ändern sich die Richtlinien, ständig ändern neue Diskriminierungsklagen von potenziellen Angestellten die Anzeigen?, berichtet Bruning.Größere Firmen wie Microsoft oder Blue Shield of California haben ihre eigene Rekrutierungsabteilung. In einem sechsmonatigen Traineeprogramm werden die firmeninternen Rekrutierer genauestens in modernen und Up-to-Date-Bewerbungstaktiken geschult. Jede Jobausschreibung wird erst von der Rekrutierungsabteilung, dann von den Beratern und schließlich von der Personalabteilung kontrolliert. Auf der Webseite www.implicit.harvard.edu kann man seine Vorurteile aufspüren, denen man erliegt. Angestellte des Ölkonzerns BP etwa nutzen diese Seite bei der Personalschulung. Auch die Chefs müssen merken, wie hoch die Gefahr unbewusster Benachteiligung sozialer Minderheiten ist.Ein weiterer Grund für die Sorgfalt: ?Das Geschäftsklima in den USA verlangt eine solche Gründlichkeit. Noch ein Aspekt, der das Beraterwesen in Sachen Bewerbungsausschreibungen stetig wachsen lässt: Die Medien stürzen sich seit den Skandalen um Enron, WorldCom und Tyco auf Ethikverstöße. ?Plötzlich tun in Amerika alle so, als wären wir wie Aristoteles und hätten die Ethik erfunden?, spottet Steve Schuman, Anwalt in Los Angeles.Zyniker behaupten, dass der neue Trend, Unternehmen in Sachen Stellenausschreibung unter die Arme zu greifen, nur eine neue Marktlücke für eine neue Geschäftsidee ist. Kassieren die Berater für ihre politisch korrekten Ratschläge doch im Schnitt 450 Dollar in der Stunde an Honorar. Da wird auch eine Stellenanzeige schnell teuer.
Dieser Artikel ist erschienen am 26.07.2006