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Aus nach Runde 7

Dorothee Fricke
Am Hockenheimring, wo sonst Schumi und Co. ihre Runden drehen, traten Anfang August 40 Hochschulteams aus aller Welt mit selbstgebauten Rennwagen gegeneinander an. Für die Jungs von der RWTH Aachen sollte die Formula Student das Rennen des Jahres werden. Doch die Tücken der Technik machten ihnen einen Strich durch die Rechnung. Das 15-köpfige Team, das seit zwei Tagen am Ring campt, hatte bis in den frühen Morgen an seinem Wagen geschraubt.
In der Boxengasse des Hockenheimrings ist der Teufel los. Es geht zu wie bei der Formel 1. Nur dass die Wagen an diesem Wochenende eine Nummer kleiner sind. Alles Unikate, von angehenden Ingenieuren aus aller Welt - sogar Studenten aus Kanada, Russland und Australien sind dabei - konstruiert und gebaut. Die einen schweißen noch, die nächsten lassen immer wieder den Motor aufheulen. "Die versuchen, den Geräuschpegel zu drosseln", sagt Sebastian Herke, Student der technischen Informatik und Teammanager von Ecurie Aix, dem Rennstall der RWTH Aachen. "Um überhaupt bei den Rennen antreten zu können, muss man zunächst einige Tests bestehen." Dazu gehört neben einer technischen Abnahme und einem Bremstest, dass das Gefährt nicht lauter als 110 Dezibel sein darf.

Schrauben bis halb sechs

Der Bolide von Ecurie Aix ist noch nicht startbereit. "Gestern sprang auf einmal unser Motor nicht mehr an", erzählt Sebastian. Das 15-köpfige Team, das seit zwei Tagen am Ring campt, hatte bis in den frühen Morgen an seinem Wagen geschraubt. Um halb sechs fielen die letzten auf die Isomatte. Aber Stress sind die Jungs schon länger gewöhnt.
Jede freie Minute haben die Aachener in den letzten Wochen damit verbracht, ihren EAC03 für die erste deutsche Formula Student in Form zu bringen: Mit einem eigens für die Studentenklasse entwickelten Motor und einem stufenlosen Kegelringgetriebe wollen sie es ganz weit nach vorne schaffen. Bei der Formula Student gewinnt nämlich nicht einfach das schnellste Auto, sondern das Team mit dem besten Gesamtpaket aus Konstruktion und Rennperformance, Finanzplanung und Verkaufsargumenten.
Doch für Ecurie Aix läuft es auch heute alles andere als glatt: Wieder will der EAC03 nicht anspringen. Während die Truppe um Lars Hesse, Maschinenbaustudent und technischer Leiter, schon wieder den halben Wagen auseinander nimmt, hat Sebastian T-Shirt und Jeans gegen Hemd, Anzug und Krawatte getauscht. Auf Englisch und unter Zeitdruck soll er Investoren vom Businessplan des Teams überzeugen. Die Situation ist nur gespielt, aber Sebastians Nervosität ist echt. Vor der Jury macht er seine Sache trotzdem sehr gut, preist die Sicherheit des EAC03 und die intuitive Bedienung. Kaum hat er das Feedback für seinen Vortrag entgegengenommen, rennt er zurück in die Box, wo die Gesichter inzwischen noch herber geworden sind.

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Ein neuer Motor muss her

Alles Schrauben half nichts - ein zweiter Motor ist fällig. Er steht beim Sponsor Mahle in Stuttgart und kann dort abgeholt werden. Fahrer Demian Schaffert schwingt sich in sein Auto. Dabei wäre der Maschinenbaustudent, der seit vier Jahren nebenbei Motorsportrennen fährt, lieber schon mit dem EAC03 auf der Teststrecke. Neidisch schauen die Aachener auf das Team der TU München, die anscheinend nichts mehr zu tun haben und ein Sonnenbad nehmen.
Die Pechsträhne für Ecurie Aix reißt das ganze Wochenende nicht ab: Der Einbau des neuen Motors erweist sich als komplizierter als erwartet. Trotz durchgemachter Nacht verpasst das Team die ersten beiden Rennen. Endlich kann Demian starten, gibt beim Autocross alles. Doch im Langstreckenrennen, der Königsdisziplin, ist nach Runde sieben Schluss. Nach einem Hakler versagt der Anlasser. Nichts geht mehr.

Aachen am Ende

Den Sieg fährt am Ende das Team der TU Graz, von Anfang an einer der Favoriten, ein. Auf den Plätzen zwei und drei landen Helsinki und Delft. Als beste Vertreter einer deutschen Hochschule schafft es das Rennteam der Uni Stuttgart auf Platz sechs. Ecurie Aix muss sich mit Rang 28 zufrieden geben. Aufgeben werden die Studenten trotzdem nicht: "Jetzt schauen wir erst mal genau, was schief gelaufen ist", sagt Sebastian, "der nächste Rennwagen ist schon in der Planung. Es kann ja nur besser werden.

Formula Student
Vom Rasenmäherrennen zum Recruitingevent

Die amerikanische Society of Automotive Engineers (SAE) veranstaltete bereits 1976 einen Konstruktionswettbewerb für Studenten. Aufgabe war es, ein Gefährt mit Rasenmähermotor zu entwerfen. Formula Student ist die europäische Variante der amerikanischen Formula SAE, auf Initiative des Vereins deutscher Ingenieure (VDI) fand der Wettbewerb in diesem Jahr erstmals in Deutschland statt. Die Idee hinter Formula Student: Studenten konstruieren, entwickeln und bauen in Teamarbeit einen Formelrennwagen, der in einem internationalen Wettbewerb gegen die Prototypen anderer Hochschulteams antritt. Klar, dass auch die Industrie mit auf die studentischen Tüftler schielt: Ein Engagement bei Formula Student kommt bei Arbeitgebern in der Automobilbranche gut an. Für einige ist der Traum von einem Job als Ingenieur im Rennsport bereits Wirklichkeit geworden: Der Teamgründer von Ecurie Aix der RWTH Aachen arbeitet heute als Motorenentwickler für die Formel 1 bei McLaren-Mercedes

www.formula-student.de
Dieser Artikel ist erschienen am 09.10.2006