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Aus Liebe zum Automobil

Von Martin W. Buchenau
Der bisherige Audi-Designer Walter de Silva entscheidet künftig über die Linienführung im gesamten VW-Konzern. Er folgt seinem Chef Martin Winterkorn nach Wolfsburg. Dort wird gerade fleißig umgebaut ? und de Silva muss sich auf einige Änderungen einstellen. Die Liebe zu Autos hat bei de Silva vor seinem Berufsleben angefangen und geht weit darüber hinaus.
Im lauten Getümmel der Detroiter Automesse fällt der Mann kaum auf. Wenn die Autochefs stolz ihre neuen Modelle präsentieren, stützen sie sich schon mal kräftig auf einen Kotflügel und lächeln breit in die Kameraobjektive. Gerne werden auch die verantwortlichen Designer mit auf die Bühne gezogen. Das gehört dazu. Doch solche Auftritte sind nicht die Welt von Walter Maria de Silva.In Zukunft wird sich der 55-jährige Chefdesigner von Audi aber daran gewöhnen müssen, häufiger als bislang im Rampenlicht zu stehen. Der Konzernumbau seines bisherigen Chefs in Ingolstadt und zugleich neuen VW-Konzernchefs Martin Winterkorn, wird auch ihn weiter nach oben spülen, ebenso wie viele andere aus dem Audi-Clan.

Die besten Jobs von allen

Noch ist die Personalie nicht offiziell. Aber de Silva werde bereits Anfang Februar in Wolfsburg als neuer Chefdesigner des Konzerns und Nachfolger von Murat Günak auflaufen, heißt es in Konzernkreisen. Winterkorn erwartet von de Silva vor allem mehr Emotionalität für die Kernmarke VW.Die bringt er auf jeden Fall mit. Der Markenslogan ?Aus Liebe zum Automobil? könnte für ihn erfunden worden sein. Denn wenn sich de Silva einem Auto nähert, tut er das fast zärtlich. Er hält Abstand, als ob er die Intimssphäre des Objekts nicht stören wolle, schaut längs über die Kanten und Fluchten, wechselt die Perspektiven, achtet auf das Licht. Fast wie ein Maler studiert er sein Modell.De Silva ist ein Star in der Branche, aber ein stiller. Er liebt es schnörkellos ? ganz im Gegensatz zu seinem Kollegen beim bayerischen Konkurrenten BMW, zu dessen Stand es ihn auch in Detroit hinzieht. Chris Bangle, Chefdesigner bei den Münchenern, kennt er aus gemeinsamen Tagen beim Fiat-Konzern. Dessen unkonventionellen Stil mit konkaven Formen setzt de Silva eine ruhige Linienführung entgegen. Seiner gewagten Formensprache setzt er Ruhe entgegen. ?Eine gekrümmte Linie ist eine Geschichte ? eine Novelle, eine Romanze?, sagt er in ruhigem Ton. Damit muss man behutsam umgehen, ist seine Botschaft.Viele zweifelten vor fünf Jahren, ob seine mediterrane Emotionalität mit der kühlen Ingenieursdenke der Ingolstädter harmonieren würde. Aber de Silva hat es geschafft, selbst den nüchternen Audi-Chef Winterkorn zu einem glühenden Verehrer zu machen. ?De Silva hat Audi mehr sportliche Eleganz eingehaucht?, loben denn auch Analysten.De Silva ist kein Mann der Worte. Wenn er etwas erklären will, sehnsüchtig durch seine randlose Brille schaut und die schlanken Finger langsam unruhig werden, dann wissen seine engsten Mitarbeiter schon Bescheid: Der Chef braucht Papier und am besten gleich mehrere Stifte. ?Ich zeichne, seit ich denken kann. Damit kann ich mich am besten ausdrücken. Dann bin ich glücklich ? das war schon immer so?, sagt der Norditaliener, der zwar etwas Deutsch versteht, aber mit seinen Mitarbeitern Englisch spricht.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Lob kommt auch von außenSein Aufstieg im VW-Konzern lief so geradlinig wie seine Designsprache: Nach drei Jahren Warmlaufen bei der Konzernmarke Seat, holte ihn Winterkorn 2002 zu Audi und nimmt ihn jetzt mit nach Wolfsburg.Damit ist de Silva endgültig zu einer Schlüsselfigur im System Piëch aufgestiegen. Der Winterkorn-Mentor, Porsche-Enkel, VW-Aufsichtsratschef und Milliardär will den VW-Konzern fit machen, um gegen Toyota im Kampf um die weltweite Führung im Autobau antreten zu können. Dafür braucht er den sensiblen Italiener mit seinem sicheren Stilgefühl. Er wird künftig darüber wachen müssen, dass sich die Autos des Konzerns bei einer wachsenden Zahl gleicher Komponenten noch genügend unterscheiden, um ihre eigene Markenidentität zu wahren.Denn Winterkorn will den Konzern stärker zentralisieren, um kostspielige Doppelentwicklungen zu vermeiden und die Synergien zwischen den Marken besser zu nutzen. Die Gefahr ist groß, dass dadurch die Individualität der einzelnen Marken auf der Strecke bleibt. Umso wichtiger wird de Silvas Aufgabe, jeder Marke auch ihr eigenes Kleid und Gesicht zu geben.Dabei kommt ihm seine Gabe zugute, komplexe Formensprache einfach auszudrücken. Die Marke Audi symbolisierte er einmal mit einem Rechteck, Lamborghini mit einem dynamischen Dreieck und Seat mit einem Kreis. An den einfach erscheinenden geometrischen Formen richtete er konsequent die Entwürfe der Fahrzeuge aus ? von der Karosserie bis zum Türknopf. ?Jedes Detail muss zur Marke passen?, lautet sein Credo. De Silva ist eben absoluter Perfektionist. Das macht die Zusammenarbeit nicht immer leicht, berichten Weggefährten. Doch diese Versessenheit passt optimal zu seinen Chefs Winterkorn und Piëch.Lob kommt auch von außen: ?Mit de Silva hat Audi und jetzt VW einen großen Fang gemacht?, sagt der Chef eines großen Zulieferers. Mitarbeiter sehen in ihm gar einen ?Visionär?.Die Liebe zu Autos hat bei de Silva vor seinem Berufsleben angefangen und geht weit darüber hinaus. Der Vater, ein Architekt, verschaffte ihm schon mit 21 Jahren ein Praktikum im Fiat-Designzentrum. Von seinem ersten Auto, einem Fiat 500, schwärmt de Silva bis heute: ?Ein wunderschönes Auto.? Noch mehr bewundert er die legendäre Citroën DS aus den 50er-Jahren ? ?weil kein Serienauto beim Design seiner Zeit so weit voraus war?. Selbstbewusst zählt der sonst so zurückhaltende Manager auch den von ihm entwickelten Alfa Romeo 156 zu den fünf schönsten Autos der Welt. Mit dem preisgekrönten Modell schaffte er 1997 den Durchbruch. ?Es war einmalig, mit einer neuen Modellreihe zur Rettung einer Marke beizutragen. Die Freiheiten waren sehr groß, aber eben auch die Belastung?, sagt de Silva heute. Er habe immer das Glück gehabt, dass seine Vorgesetzten ihm vertraut und große Freiheiten gelassen hätten.Daran wird sich nichts ändern. Denn auch bei VW kann sich de Silva der starken Rückendeckung seines Chefs sicher sein. Auch, weil er mehr kann als zeichnen: Schon früh beschäftigte er sich mit Plattform-Strategien und Modul-Systemen und ihren Auswirkungen auf den Designer-Job. Denn ?ein schönes Auto nur zu zeichnen ist gar nicht so schwer?, weiß er und tritt den Beweis in ein paar Sekunden mit wenigen Strichen an. Damit allein wird es nicht getan sein. Denn de Silva tritt einen der begehrtesten, aber auch komplexesten Jobs der Autoindustrie an.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.01.2007