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Aus für den Vollstrecker

Joachim Hofer und Hans-Peter Siebenhaar
Der belgische Sanierer Guillaume de Posch gibt überraschend seinen Chefposten beim deutschen Fernsehkonzern Pro Sieben Sat 1 entnervt auf. Zuletzt versuchte er, die milliardenschwere Schuldenlast durch den Verkauf von Tafelsilber zu verringern. Doch in der deutschen Fernsehbranche war er nie richtig angekommen.
Guillaume de Posch sammelte Erfahrungen bei RTL. Foto: dpa
MÜNCHEN/DÜSSELDORF. Offenes Hemd, ein verschmitztes Lächeln auf den Lippen ? als sich Guillaume de Posch vor anderthalb Wochen in München zum letzten Mal zum Hintergrundgespräch mit Reportern trifft, da lässt er sich nichts anmerken.Konzentriert wie immer trägt der gebürtige Belgier im rosafarbenen Ambiente des Frühstückscafés Dailies seine Geschichte vor: von den glänzenden Aussichten des Medienkonzerns Pro Sieben Sat 1 nach der Milliardenübernahme des niederländischen Konkurrenten SBS.

Die besten Jobs von allen

Doch zu diesem Zeitpunkt muss längst festgestanden haben, dass er zum Jahresende aufhört. Und direkt neben ihm sitzen an diesem regnerischen Morgen die Männer, die künftig eine zentrale Rolle haben: Deutschland-Fernsehchef Andreas Bartl, der gestern in den Vorstand aufrückte, und Götz Mäuser, Chef des Aufsichtsrats und Partner beim Finanzinvestor Permira.Bartl hält sich zurück in der Journalistenrunde, lässt noch seinem Chef den Vortritt. Nur eines ist auffällig: Die Sparpläne seiner Eigentümer verteidigt Bartl vehement. Nein, es werde keinen Kahlschlag im Programm geben, ja, die Einschnitte seien völlig normal ? beste Voraussetzungen, um de Posch abzulösen.Auch de Posch war sich nie zu schade, radikale Kürzungen zu rechtfertigen. Der Vorstandschef der Münchener Sendergruppe Pro Sieben Sat 1 holte sich noch in der vergangenen Woche Unterstützung bei seinem Gesellschafter Permira. Götz Mäuser, Partner des Frankfurter Finanzinvestors, war eigens in die Isarmetropole gereist, um die Kritiker zu beruhigen. Doch so richtig wollte dem Belgier niemand mehr vertrauen. Schon seit Monaten wurde spekuliert, dass er zurücktritt.Wie ein Finanzbeamter aus DingolfingIn der deutschen Fernsehbranche ist Guillaume de Posch nie richtig angekommen. Der Belgier aus dem wallonischen Städtchen Arlon, der mit einer Deutschen verheiratet ist, wirkte mit seiner hageren Figur und seinem sauber gezogenen Scheitel stets ein wenig wie ein Finanzbeamter aus Dingolfing. Die Begeisterung für das Programm haben dem Zahlenmenschen de Posch selbst die eigenen Mitarbeiter nie richtig abgenommen.Doch die Zahlen stimmten bei Pro Sieben Sat 1 schon lange nicht mehr. Der Aktienkurs ist im Keller. Der Konzern rutschte im ersten Quartal sogar in die roten Zahlen. Das Ergebnis vor Steuern lag in den ersten drei Monaten bei minus 8,5 Millionen Euro. Im Vorjahreszeitraum waren es noch 67,5 Millionen Euro. ?Wir hatten ein schwieriges erstes Quartal im deutschen Markt?, sagte Guillaume de Posch und redete sich mal wieder die Fernsehwelt schön. In Wahrheit hatte Pro Sieben Sat 1 durch ein falsches Werbezeitenmodell viele lukrative Kunden vergrault und die Umsätze in den Keller geschickt.Zuletzt wurde es um Guillaume de Posch einsam. Sein langjähriger Werbevorstand Peter Christmann musste wegen des Werbechaos gehen. Das von Christmann favorisierte Werbezeitenmodell wurde nicht angenommen. De Posch übernahm zusätzlich dessen Aufgabe. Auch der langjährige Finanzvorstand Lothar Lanz hat das Unternehmen auf eigenen Wunsch verlassen.Wie groß mittlerweile die Wut über den Unternehmenskurs bei den Kleinaktionären ist, bekam de Posch in der vergangenen Woche zu spüren. Wegen der Schuldenlast von 3,4 Milliarden Euro ist der Konzern nahezu handlungsunfähig. Die Kleinaktionäre kritisierten, Permira und der amerikanische Finanzinvestor KKR würden die größte deutsche Sendergruppe (Sat 1, Pro Sieben, Kabel 1, N 24, Neun Live) ausplündern. Trotzdem haben sich Permira und KKR bereits großzügig mit einer opulenten Dividende bedient.Die Nähe zu den Gesellschaftern hatte de Posch stets gesucht. So beförderte ihn erst die alte Freundschaft zum Hollywoodmilliardär Haim Saban überhaupt in den Chefsessel des Konzerns im Münchener Medienvorort Unterföhring. Der israelisch-amerikanische Investor Saban übernahm vor fünf Jahren im zweiten Anlauf die kränkelnde Sendergruppe, und der oft als Controllfreak gescholtene de Posch wurde zu seinem Vollstrecker. Endlose Telefonkonferenzen in der Nacht und ständiges Tippen auf dem Blackberry gehörten zu de Poschs Alltag.Der Vorstandschef, der sich gerne bei Lyrik von Charles Baudelaire entspannt, machte sich für Saban bezahlt. Er und seine Partner verkauften später ihr Investment in Pro Sieben Sat 1 mit Milliardengewinn. Davon träumen nun auch die beiden neuen Großaktionäre, die Finanzinvestoren Permira und KKR. Doch ein Saban 2.0 wird es offenbar nicht geben. De Posch kenne die unüberwindbaren Hürden für einen ähnlichen finanziellen Coup und habe aufgegeben, vermuten Brancheninsider in München.Wie dramatisch die Situation mittlerweile ist, zeigt de Poschs letzter Schachzug. Er verkauft wertvolles Tafelsilber, die skandinavische Bezahlsender-Gruppe C More, für rund 320 Millionen Euro, um den Schuldenberg abzutragen.In der Branche gab es zuletzt wahlweise Spott oder Mitleid für de Posch und seinen TV-Konzern. ?Die Besitzer quetschen das Unternehmen aus, und keiner kann was dagegen machen?, sagt ein TV-Manager. Auch EM-Sport-Chef Werner Klatten meint mit Blick auf die Schulden von Pro Sieben Sat 1 süffisant: ?Das ist eine unternehmerische Herausforderung, und ich gratuliere jedem, der sie meistert.?Guillaume de Posch hat darauf keine Lust mehr ? und geht jetzt zum Jahresende.Guillaume de Posch 1958Er wird am 17. Februar in Arlon/Belgien geboren. Er studiert später Betriebswirtschaft an der Ecole de Commerce Solvay in Brüssel.1984Guillaume de Posch startet seine Karriere beim Energie- und Dienstleistungskonzern Tractebel, für den er zuletzt als Vice President in in Hongkong arbeitet.1990Er wechselt zu McKinsey & Company in Belgien.1993Er wird Assistent der Geschäftsführung beim Vorläufer der heutigen RTL Group in Luxemburg. Später übernimmt er die Verantwortung für die TV-Aktivitäten in den französischsprachigen Ländern. Seit 1997 ist er stellvertretender Geschäftsführer und Programmverantwortlicher des Pay-TV-Unternehmens TPS in Frankreich.2004Er wird nach einer kurzen Zeit als Chief Operating Officer (COO) im Juni neuer Vorstandschef des Medienkonzerns Pro Sieben Sat 1.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.06.2008