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Aus der Börse, aus dem Sinn

Simone Thies
Foto: Horst Larog; Bob Heinemann
Unternehmen, Aktionärsschützer und Analysten haben in diesem Jahr ihr ganz eigenes Sommertheater veranstaltet: "Pennystocks" hieß das Drama, und Hauptdarsteller waren diejenigen Aktien am Neuen Markt, für deren Gegenwert man seit geraumer Zeit noch nicht einmal mehr ein Glas Bier bekommt.
"Ausschluss vom Neuen Markt" lautete die Forderung, und die Deutsche Börse reagierte prompt mit einem neuen Regelwerk: Unternehmen, deren Aktienkurs über einen bestimmten Zeitraum hinweg die Ein-Euro-Hürde nicht nimmt und deren Marktkapitalisierung (= Anzahl der Aktien x Kurs) dauerhaft unter 20 Millionen Euro liegt, werden seit dem 1. Oktober ausgeschlossen. Insolvenz-Kandidaten und Billigaktien sollen so möglichst schnell von der Bildfläche verschwinden.

Was als Image-Politur für den Neuen Markt wirken soll, hinterlässt trübe Aussichten bei den Aktionären eben jener rausgekegelten Unternehmen.

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Natürlich streichen die Neue-Markt- Buden nicht kampflos die Segel. Die Foris AG erzielte mit ihrer Klage gegen die Deutsche Börse einen Teilerfolg: sechs Monate Schonfrist. Auch auf Advanced Medien und Abacho dürfen die neuen Richtlinien nach richterlichem Beschluss frühestens ab April 2002 angewendet werden. Diese drei Gesellschaften haben damit genug Zeit, ihre Aktionäre behutsam auf die triste Zukunft vorzubereiten - oder doch noch genügend Kapital aufzutreiben, um mit Finanz- und Presseaktionen den daniederliegenden Kurs hochzupäppeln.

Nach so viel Tamtam stellt sich die Frage, ob denn nun jedes Unternehmen in der Gefahrenzone das Delisting tatsächlich verdient. "Im Großen und Ganzen ja", meinen Analysten. Doch Ausnahmen bestätigen die Regel. So gehört der Trickfilmproduzent RTV Family in den Augen der WestLB-Finanzexperten zu den "fundamental nicht wirklich gerechtfertigten" Ausschlusskandidaten. Trotz des bedrohlich niedrigen Aktienkurses von knapp über einem Euro und einer schwachen Marktkaditalisierung von 26 Millionen Euro haben Analysten nach wie vor Vertrauen in das Geschäftsmodell.

Mit einem weinenden und einem lachenden Auge sehen Daytrader die aktuelle Entwicklung. Gerade für sie waren die Pennystocks des Neuen Marktes beliebte Spekulationsobjekte. Jetzt müssen sie eine neue Spielwiese suchen. Andererseits wird in Zockerkreisen davon ausgegangen, dass einige Unternehmen mit Aktienrückkäufen oder Reverse-Splits, umgekehrten Aktiensplits, ihre Kurse zu retten versuchen. Ein viel versprechendes Terrain für Spekulanten.

Analysten sehen dieser etwaigen Treibjagd gelassen entgegen. Die Unternehmen, die das Delisting "verdienen", hätten ohnehin keine finanziellen Mittel mehr, um solche Kurs-Manipulationen vorzunehmen. Der eigentliche Dumme in diesem Spiel ist der "unfreiwillige" Pennystock-Aktionär - derjenige, der sich die Werte in Zeiten des Aufschwungs ins Depot gelegt und die Verkaufssignale schlicht übersehen hat. Denn er kann nach Ausschluss seiner Papiere aus dem einstigen deutschen Paradesegment die Hoffnung auf Erholung der Kurse begraben. Wo keine Nachfrage, da kein gescheiter Kurs.

Denn finden sich die Papiere erst mal im Freiverkehr oder im Geregelten Markt wieder, werden sie selbst für Daytrader uninteressant. - Und damit endet das Drama ganz klassisch: mit dem Tod des jugendlichen Helden.
Dieser Artikel ist erschienen am 31.10.2001