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Aus den Fugen geraten

Es war schon erstaunlich, was am 11. September 2001 nachmittags um halb drei in unserem Büro passierte. Und mit ein bisschen Abstand lässt sich ja sogar darüber reden.
Es war schon erstaunlich, was am 11. September 2001 nachmittags um halb drei in unserem Büro passierte. Und mit ein bisschen Abstand lässt sich ja sogar darüber reden.

Schmidt war der Erste, der Wind davon bekommen hatte, weil er, anstatt zu arbeiten, den ganzen Tag unerlaubt im Netz surft. Er verschickte eine Mail übers Intranet, die sich wie ein weiterer von seinen schlechten Bürowitzen las. Was für ein Schwachsinn.

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Dass etwas nicht stimmte, begriff ich etwa um drei, als Bellmann zu mir ins Zimmer kam. Bellmann! Mit dem hatte ich seit drei Wochen kein Wort mehr gewechselt, das übers "rein Geschäftliche" hinausging. Der Typ hatte die Stirn gehabt, mir während meines Urlaubs im August meinen wichtigsten Fall abzuluchsen. Gleich am ersten Tag, als ich zurückgekommen war, hatte mich Rumenich, unsere Chefin, zu sich gerufen und gesagt: "Nehmen Sie's nicht persönlich, Herr Schwarz, aber wir hatten Handlungsbedarf in der Sache, als Sie weg waren. Also habe ich Bellmann damit betraut. Das richtet sich nicht gegen Sie - aber Bellmann war einfach da, und Sie nicht."

Ich bin noch nie aus dem Urlaub zurückgekommen, ohne so eine Hiobsbotschaft in Empfang nehmen zu müssen. Bellmann war natürlich klar, dass er mich jetzt zum Feind hatte, und deshalb mied er mich, wo er nur konnte. Und jetzt stand er plötzlich in meinem Zimmer und fuchtelte mit seinen dicken Armen in der Luft herum und schrie: "Das ist einfach unglaublich. Das ist nicht zu fassen. Das - mir fehlen die Worte."

Ich hatte einfach nur das Gefühl, er wolle sich an mich ranschmeißen, um gut Wetter zu machen. Ich glaubte ihm kein Wort. Aber er ließ nicht locker und sagte, ich solle ins Netz gehen. Er stellte sich neben mich, seine Nähe und sein Geruch waren mir unangenehm. Und ich ging ins Netz und da sah ich es auch. Ich sagte: "Das ist einfach unglaublich. Das ist nicht zu fassen. Das - mir fehlen die Worte."

Er war zufrieden, dass er mich davon überzeugt hatte, es sei wirklich etwas passiert, und wir sagten: "Jetzt machen wir erst mal weiter. Mal sehen, was passiert." Bellmann ging wieder in sein Zimmer und ich hing im Netz und dachte immer nur, "das ist unglaublich. Das ist nicht zu fassen. Das - mir fehlen die Worte."

Ich öffnete meine Zimmertür und sah in den Gang hinaus. Irgendwie schienen mir die Leute dort anders als sonst, so als seien sie alle mit der gleichen Sache beschäftigt, so ernst und konzentriert in einer Art stillem Aufruhr. Ohne Ziel verließ ich mein Zimmer, ich hatte einfach das Gefühl, dass es jetzt, wo vielleicht die Welt unterging, plötzlich erlaubt sei, ein bisschen auf eigene Faust herumzuspazieren.

Ich kam am Raucherzimmer vorbei. In unseren Büros wird selbstverständlich nirgends geraucht, auf der gesamten Etage, in der ich arbeite, gibt es eine einzige, vielleicht zehn Quadratmeter große Kammer, in der man sich eine anzünden darf. Sieht aus wie eine Knastzelle, und wer da vor den Augen der anderen hineingeht, hat damit sowieso bewiesen, dass ihm seine Karriere egal ist. Deshalb benehmen sich die Leute, die es trotzdem tun, normalerweise so schamhaft, als würden sie einen Swingerclub besuchen, und die Tür ist immer verschlossen.

Aber jetzt stand sie offen, und wen sah ich, mittendrin auf einem Sofa sitzen und eine rauchen? Rumenich, die härteste Nichtraucherin von allen. Das Gute am Raucherraum ist ja, dass es dort auch einen Fernseher gibt. Und der lief nun, und ich dachte mir, wenn Rumenich nicht an ihrem Schreibtisch sitzt und arbeitet, kann ich auch hineingehen, fernsehen, und eine rauchen. All die übertretungen und Fehler, die das bedeutet, sind im Augenblick offenbar nicht von Bedeutung.

Und dann saßen wir da, Rumenich und ich, und immer mehr andere, und starrten ungläubig in den Fernseher und irgendwann kam sogar Bellmann dazu, nachdem sogar er begriffen hatte, dass er am Schreibtisch heute keine Punkte mehr machen konnte. Schmidt sah ich auch in einer Ecke stehen, die Augen zum Bildschirm gerichtet. Schmidt, der sich normalerweise sofort atomisierte, wenn er einen von seinen Vorgesetzten sah - und in diesem Raucherraum waren jetzt nur Vorgesetzte von ihm.

Nach einer weiteren halben Stunde war der Raucherraum so voll wie noch nie zuvor, bis auf den Flur hinaus standen die Leute. Und von überall her hörte ich: "Das ist einfach unglaublich. Das ist nicht zu fassen. Das - mir fehlen die Worte."

Und am Ende dieses Arbeitstages, um acht oder neun Uhr, wollten wir nicht auseinandergehen, ohne uns zu umarmen, egal wer wen. Wir wollten uns die Hände geben und uns schwören, nie wieder irgendwelche Schweinereien gegeneinander auszuhecken. Und einige von uns haben es vielleicht tatsächlich getan. Und wer weiß, vielleicht wird es ja wirklich eine Weile dauern, bis wir wieder ganz die Alten sind.
Dieser Artikel ist erschienen am 10.11.2001