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Aufstand im Kricket-Klub

Von Dirk Heilmann
Als Sir Mark Moody-Stuart, Chairman von Anglo American, die neue Personalie verkündet, ist die Überraschung groß ? doch die 49-jährige Cynthia Carroll bringt frischen Wind in den Bergbaukonzern. Wie Cynthia Carroll beim britisch-südafrikanischen Bergbauriesen Anglo American aufräumt.
Cynthia Carroll, Chefin von Anglo American, bringt frischen Wind in den Bergbaukonzern. Foto: bachmann-illustration.de
LONDON. Morgens um sieben Uhr in Davos. Sir Mark Moody-Stuart, Chairman von Anglo American, sitzt allein am Tisch und bereitet sich auf einen langen Tag auf dem Weltwirtschaftsforum vor. Da betritt eine sportliche Frau mittleren Alters mit halblangen, mittelblonden Haaren den Raum. Anstatt sich in dem leeren Raum an einen anderen Tisch zu setzen, geht sie auf den älteren Gentleman mit den buschigen, weißen Augenbrauen zu und setzt sich vor ihn.?Ich bin Cynthia Carroll?, sagt sie und erzählt in unverkennbar amerikanischem Tonfall, dass sie beim kanadischen Aluminiumkonzern Alcan die Metallsparte führt. ?Und was machen Sie?? fragt sie anschließend.

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So trifft der Chairman von Anglo American im Januar 2006 seine künftige Vorstandschefin. Carroll muss bei Moody-Stuart im winterlichen Davos einen tiefen Eindruck hinterlassen haben, denn neun Monate später stellt er sie einer überraschten Weltöffentlichkeit als neue Chefin des britisch-südafrikanischen Bergbauriesen vor.Viele Aktionäre hatten frischen Wind für den Konzern gefordert, dessen Kultur als konservativ bis verknöchert beschrieben wird. Den sollten sie bekommen. Eine Frau, keine Erfahrung in der Minenindustrie, nicht aus Südafrika und ohne Oxford-Abschluss ? stärker konnte der Bruch mit der Firmentradition nicht sein.Entsprechend war die Reaktion: Niemand in der Londoner City hatte die 49-jährige Alcan-Managerin auf der Rechnung gehabt. Und so fiel die Aktie Ende Oktober 2006 erst einmal, als die Personalie Cynthia Carroll verkündet wurde. Fast eine Milliarde Dollar Börsenwert weg als Begrüßungsgeschenk. Cynthia wer?Auch in Südafrika war die Skepsis groß, und so ganz vergangen ist sie noch nicht. Das hat auch mit der Tradition des Konzerns zu tun. 1917 gründet der hessische Emigrant Ernest Oppenheimer auf den Goldfeldern bei Johannesburg Anglo American. Er gewinnt den Diamantenriesen De Beers als zweites Standbein hinzu. Platin wird das dritte. Ein nobles Geschäft, traditionell von weißen Südafrikanern mit Oxford-Diplom geführt ? das industrielle Herz Südafrikas, auch eine wichtige Stütze des Apartheid-Regimes.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Carroll räumt auf.Eine ?Kricket-Klub-Atmosphäre? bescheinigt ein langjähriger Kenner dem Konzern. Ein Anglo-Manager wird nicht gefeuert, er bleibt als Berater im Klub.Damit räumt Carroll schon mal als Erstes auf. Sie drückt den angesehenen und mächtigen Chef der hochprofitablen Platin-Sparte, Ralph Havenstein, nebst weiteren Direktoren aus dem Konzern. Eine Unfallserie mit einer Reihe von Toten in den südafrikanischen Minen gibt ihr den Anlass. Sie geht sogar noch weiter und schließt die Bergwerke vorübergehend, um die Sicherheitsstandards für die 30 000 Arbeiter zu verbessern. Das kostet bares Geld, doch Carroll beteuert, dass sich kein Anleger bei ihr beschwert habe. ?Damit hat sie zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen?, sagt der Bergbauingenieur und Fondsmanager Heye Daun, ?sie hat ihre Autorität demonstriert und eine unnötige Führungsebene beseitigt.? Die Zeiten, in denen die Sparten sehr unabhängig von der Zentrale arbeiteten, sind vorbei. Carroll will aus Anglo American einen modernen, straff geführten Minenkonzern à la BHP Billiton oder Rio Tinto formen.Im Gegensatz zu ihrem oft arrogant wirkenden Vorgänger Tony Trahar tritt die neue Chefin anteilnehmend, spontan und offen auf. ?Sie ist eine sehr warme Person, aber bestimmt nicht weich?, schildert Daun seine Eindrücke aus einem Investorengespräch. In Konferenzen und Interviews wirkt sie natürlich und unkompliziert, zieht oft ihren Mund zu einem breiten Lachen auseinander.Nicht nur die Anleger bekommen ihre Charmeoffensive zu spüren, auch die südafrikanische Regierung, zu der Anglo ein traditionell schwieriges Verhältnis hat. Carroll verzichtet auf öffentliche Kritik an der Wirtschaftspolitik und sucht das Gespräch. Auf einer afrikanischen Bergbau-Konferenz lobte sie jüngst das Potenzial des Kontinents: ?Afrikas Zeit ist gekommen?, schloss sie ihren Vortrag. Das hören Politiker gerne. Auch vor einem Kooperationsvertrag mit China scheute sie nicht zurück. Hauptziel: gemeinsame Projekte in Afrika.?Ich habe meine ganze Karriere lang in männerdominierten Umgebungen gearbeitet?, sagt Carroll, ?erst Öl, dann Aluminium.? Sie weiß mit der anfänglichen Skepsis umzugehen: ?Nach ein paar Monaten geht es nur noch um Leistung.? Oft habe sie gehört, sie sei zu jung oder habe nicht die nötige Erfahrung, aber ? ?ich habe nie gedacht, dass ich irgendetwas nicht schaffen könnte?. Auf jeden Fall hat sie sich vorgenommen, mehr Frauen zu Anglo zu holen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Werdegang per Zufall.Ins Rohstoffgeschäft kommt sie eher per Zufall. Eigentlich interessiert sie sich wenig für Naturwissenschaften und will Kunstgeschichte und Sprachen studieren. Im College belegt sie Geologie gleich im ersten Jahr, um den Pflichtanteil Naturwissenschaft hinter sich zu bringen. Doch das Fach fasziniert sie, und sie wählt sogar einen sommerlichen Praxiskurs in Montana. Das weckt ihre Leidenschaft, und sie wechselt komplett zur Geologie.Als Erstes arbeitet sie dann auch als Öl-Geologin bei dem später von BP übernommenen US-Konzern Amoco. Nach neun Jahren schiebt sie noch einen MBA in Harvard ein und heuert anschließend beim Aluminiumriesen Alcan an.Trotz ihrer steilen Karriere dort sieht sie sich nicht als Workaholic. ?Ich würde nicht rund um die Uhr arbeiten, wenn mir das keinen Spaß machte.? Um ihre vier Kinder, drei Mädchen und einen Sohn, kümmert sich ihr Mann, ein Finanzmanager. Er hat nach der Geburt des vierten Kindes aufgehört zu arbeiten ? damals zog die Familie gerade von Irland nach Kanada um. Im vergangenen Sommer ist sie nach London gewechselt. ?Ich habe einen wundervollen Ehemann?, sagt sie. ?Er unterstützt mich sehr, wir arbeiten als Team.? Ihr Leben sei sehr ausgewogen, findet Carroll, die gerne Kajak und Ski fährt und außerdem Nähen als Hobby angibt.?Ich bin von Natur aus Optimist. Es liegt mir nicht, mir Sorgen zu machen?, beschreibt sie ihre Grundhaltung. Den Optimismus wird sie brauchen, wenn sie am heutigen Mittwoch Analysten und Journalisten ihre erste Jahresbilanz präsentiert. Bestimmt werden sie fragen, ob Anglo im Fusionsreigen den Anschluss verliert. Sollten die Konkurrenten BHP und Rio Tinto sowie Vale und Xstrata zusammenfinden, dann wäre der Abstand zu den neuen Giganten gewaltig groß.
Anglo AmericanDie Managerin1956 Cynthia Carroll wird im US-Bundesstaat Pennsylvania geboren. Sie studiert ab 1974 am Skidmore College in New York, ab.1979 an der University of Kansas.1982 Sie schließt mit einem Masters in Geologie ab und arbeitet beim Ölkonzern Amoco.1989 Sie macht in Harvard ihren MBA und geht zum kanadischen Aluminiumkonzern Alcan.1996 Carroll wechselt nach Irland und leitet dort die Tochterfirma Aughinish Alumina.2002 Sie wird Chefin der Sparte Alcan Primary Metal.2007 Sie wechselt am 1. Januar zu Anglo American und übernimmt zum 1. März die Führung.Das UnternehmenAnglo American ist gemessen an der Produktion der drittgrößte Bergbaukonzern der Welt. Im Jahr 2006 hat er bei 39 Milliarden Dollar Umsatz knapp zehn Milliarden Dollar operativen Gewinn erzielt.1917 Der hessische Emigrant Ernest Oppenheimer gründet die Firma mit einer Million Pfund Kapital, um die Goldvorkommen bei Johannesburg auszubeuten.1926 Anglo wird Hauptaktionär beim Diamantenkonzern De Beers. Oppenheimer expandiert in den Kupfer- und Platinbergbau, später auch in Kohle und Chemie.1961 Der Kauf von Hudson Bay Mining ist der erste Schritt ins Ausland. Es folgen Zukäufe in Lateinamerika und die Expansion in Industrien wie Stahl und Papier.1999 Anglo verlagert den Konzernsitz nach London und baut das weitverzweigte Reich um. Es folgen Verkäufe für neun Milliarden und Zukäufe für 15 Milliarden Dollar. Später als andere Minenkonzerne besinnt sich Anglo auf das Kerngeschäft und stößt Randbereiche wie Stahl und Papier ab.2007 Cynthia Carroll folgt Tony Trahar an der Spitze des Konzerns. Sie muss den Umbau vollenden und neues Wachstum im Minengeschäft finden.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.02.2008