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Aufschieben

Elisabeth Jahrreiß
Denken Sie doch einmal einen Moment lang darüber nach, wovon Sie das Lesen dieser Kolumne abhält und welche Sache Sie in dieser Woche oder heute nicht getan haben, die - hätten Sie sie erledigt - einen signifikanten Unterschied in Ihrem beruflichen oder persönlichen Leben ausmachen würde.
Denken Sie doch einmal einen Moment lang darüber nach, wovon Sie das Lesen dieser Kolumne abhält und welche Sache Sie in dieser Woche oder heute nicht getan haben, die - hätten Sie sie erledigt - einen signifikanten Unterschied in Ihrem beruflichen oder persönlichen Leben ausmachen würde.

Wenn Sie allerdings zu der eher seltenen Spezies von Menschen gehören, die stets alles Wichtige sofort erledigt, dann können Sie jetzt getrost aufhören zu lesen. Die meisten Menschen, denen ich in der Beratung begegne, leiden geradezu unter dem teuflischen Zyklus ihrer Verliererstrategie und kommen trotz aller Kenntnisse über effektives Zeitmanagement keinen Schritt weiter. Den Prozess beschreiben sie alle gleich: eine Aufgabe ist zu erledigen. Typ: unangenehm. Priorität: sehr hoch. Motivation: unter dem Nullpunkt. Wichtigkeit (für die eigenen Ziele): unklar.

Die besten Jobs von allen


Zuerst gehen wir in die Planungsphase. Wir beherrschen nahezu jede Zeitmanagement-Theorie und schreiben Checklisten. Dann versuchen wir mit Zeitplaner und -systemen zu planen, Termine und Meilensteine zu setzen. Prioritäten und Ziele werden formuliert. Leider haben unangenehme Aufgaben die Eigenschaften, ganz klar umrissen zu sein, über ihre Dringlichkeit besteht kein Zweifel und wir wissen schon, bevor wir Termine eintragen, um die Halbherzigkeit dieser Angelegenheit. Spätestens hier beschleicht uns das leider nicht mehr ungewisse Gefühl, dass wir einen Riesenaufwand betreiben, um uns selbst zu betrügen.

Danach tun sich jede Menge von Aufgaben auf, die keinerlei Aufschub dulden. Hingebungsvoll werden von Topmanagerinnen mit zwei Putzfrauen Hemden gebügelt und Fenster geputzt, Vorstandsmitglieder mit Fahrer betanken ihre Autos, Familienmitglieder auch der weiteren Verwandtschaft freuen sich über unerwartete Post, Kinder sind völlig verwirrt, weil ihr Vater sie plötzlich doch zum Fußballturnier begleitet, Mitarbeiter können gar nicht fassen, dass ihr Vorgesetzter Muße für ein persönliches Gespräch hat. Und viele von uns erinnern sich daran, dass drei Tage vor Abgabe der Semesterarbeit ihre Studentenbude vor lauter Aufräumwut elternbesuchstauglich war. Wenn nun wirklich alles andere erledigt ist beginnt die Ausredenphase. Es ist jedem eingänglich, dass sich eine Aufgabe viel schneller erledigt, wenn man sie ausgeruht angeht. Jedenfalls ist es immer gut, eine Nacht darüber zu schlafen. Der Mitarbeiter, der auf das längst fällige Gespräch wartet, hat es schließlich verdient, dass man sich gebührend vorbereitet. Solche Gespräche führt man nicht am Freitag. Man will schließlich niemandem das Wochenende verderben. Montags ist jour fixe, da bleibt keine Zeit. Ach ja, Dienstag und Mittwoch nicht da, Donnerstag ist der gesamte Tag verplant aber Freitag, ach ja, Freitag... Und die ganze Zeit ist diese Aufgabe präsent, das schlechte Gewissen und die bittere Erkenntnis, dass man wieder nur sich selbst betrügt. Gerne werden in dieser Phase auch andere Menschen eingebunden, um das Leid zu klagen, "Ist das nicht furchtbar"- und "Mir geht es genauso"-Floskeln auszutauschen und keinen Schritt weiter zu kommen.

Zweifel. Irgendwann fängt man möglicherweise an, sich zu fragen, warum man überhaupt unangenehme Aufgaben zu erledigen hat. Warum sucht man sich nicht eine Tätigkeit, in der es solche Aufgaben nicht gibt. Viele glauben in dieser Phase der alten Verliererweisheit, dass bei allen anderen immer alles besser und leichter ist. Und man fühlt sich als Versager, termingehetzt, problemorientiert, lustlos, fremdbestimmt, hilflos. Jedes weitere Aufschieben, jede neue Ausrede macht die Aufgabe größer, die eigene Situation schwieriger. Wo es am Anfang nur einer guten Vorbereitung und einer positiven Grundhaltung gepaart mit ein wenig Mut bedurft hätte, wird das seit Wochen überfällige Mitarbeitergespräch zum Alptraum - wenn es überhaupt noch geführt wird und nicht als Gespenst herumgeistert und alle folgenden Gespräche überlagert. Es macht auch hier Sinn, statt an den Symptomen zu doktern, an die Wurzel zu gehen:

  • Welchen Unterschied macht es, wenn wir nicht die Zeit, sondern uns managen?

  • Welche Vorteile hat das Aufschieben? Dringende Angelegenheiten sind nicht notwendigerweise wichtig.

  • Die Eiligkeit von Angelegenheiten beruht häufig auf den Erwartungen anderer.

  • Dringliche Dinge zu tun, ist oft angenehm, leicht, macht Spaß, ist sichtbar, beschert uns die Aufmerksamkeit anderer.

  • Dinge, die nicht dringend sind, können dennoch wichtig sein.

  • Dringende Dinge erfordern Reaktionen, wichtige Dinge, die nicht dringlich sind, erfordern Entscheidungen Wenn wir keine klare Vorstellung von dem haben, was wir wollen, lassen wir uns von Dringlichkeiten steuern.

  • Wenn wir keine klare Vorstellung von dem haben, was wir wollen, können wir nicht wissen, was wichtig ist.

  • Solange wir nicht wissen, was für uns wichtig ist, lassen wir uns von fremden Zielen leiten.

  • Die Erledigung von Sachen, die für unsere eigentlichen (verborgenen) Ziele unwichtig sind, ist kraftraubend, frustrierend, nutzlos. Sie führt uns weg von uns.

  • Wenn eine Sache unwichtig ist für uns, ist es egal, ob sie eilig ist oder nicht.

  • Wenn wir nur für uns wichtige Dinge tun , haben wir viel Zeit.

    "Der erfolgreiche Mensch hat die Eigenschaft, die Dinge zu tun, die Versager nicht gerne tun. Die Erfolgreichen tun sie auch nicht notwendigerweise gern. Aber ihre Abneigung ist der Kraft ihrer Sinnerfüllung untergeordnet", sagt E.M.Gray.
  • Dieser Artikel ist erschienen am 21.05.2001