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Aufmerksamkeit

Dorothee Echter
Führungspersonen sind in erster Linie Aufmerksamkeitsmanager. Wohin sie ihre Beachtung richten, da bewegt sich etwas.
Wer Ziele umsetzen will, braucht mehr als Geld, Zeit, Anweisungen, Regelungen oder den eigenen schieren Willen zum Erfolg. Er braucht Aufmerksamkeit für andere: wertschätzende Beachtung. Aufmerksamkeit zu bekommen, ist lebenswichtig - auch im Berufsleben.
Führungspersonen sind in erster Linie Aufmerksamkeitsmanager. Wohin sie ihre Beachtung richten, da bewegt sich etwas. Wer Ziele umsetzen will, braucht mehr als Geld, Zeit, Anweisungen, Regelungen oder den eigenen schieren Willen zum Erfolg. Er braucht Aufmerksamkeit für andere: wertschätzende Beachtung. Aufmerksamkeit zu bekommen, ist lebenswichtig. Kinder können am Mangel von Beachtung sterben, deshalb ziehen sie - das zeigten Forschungen wiederholt - sogar Streit und Prügel der Nichtbeachtung vor.

Nichts wirkt sich auf Leistung so dynamisierend aus wie die freundliche Kenntnisnahme durch die Führenden. Im Fokus zu stehen, ist für uns alle Doping: in den Medien zitiert, im Fernsehen gezeigt zu werden, Applaus zu hören, hilft uns sofort über trübe Stimmungen hinweg. Der liebevolle Blick eines geschätzten Menschen verzaubert unseren Tag. Wenn wir um unsere Meinung oder um Rat gebeten werden, erscheint unser Gegenüber gleich sympathischer. Wenn jemand registriert, wie sehr wir uns anstrengen, sind wir beflügelt - denn nichts ist motivierender, als die Aufmerksamkeit derer, die wir schätzen.

Die besten Jobs von allen


Doch wir sind nicht nur Nehmende. Wir alle, in Führungspositionen oder als Coach, sind umgeben von Menschen, Aufgaben und Apparaten, die unsere Beachtung brauchen und fordern. Wir können Hinwendung verschenken, tauschen oder verkaufen.

Aufmerksamkeit ist eine knappe und hochbezahlte Ressource, der Handel mit ihr ein hartes Geschäft geworden, spätestens seit die neuen Technologien alle Transaktionen messen können: Einschaltquoten, Zitierhäufigkeit, Analyse von Besuchen bei Internet-Adressen. Der Wissenschaftler Georg Franck (Ökonomie der Aufmerksamkeit, 1998) bezeichnet Aufmerksamkeit auch als "neue Währung", die das Geld ablösen könnte.

Aufmerksam zu leben, das ist leicht und schwierig zugleich. Leicht, wenn wir unseren Fokus auf ein Objekt richten, ohne uns dessen wirklich bewusst zu sein, zum Beispiel wenn wir in ein Buch versunken sind und alles um uns herum vergessen, oder wenn wir, von Terminen und Anforderungen getrieben, hektisch agieren. Schwierig ist, in jedem Moment wach und bewusst zu leben. Auf unsere Seele, unseren Intellekt und unseren Körper zu achten, uns - ganz wie spirituelle Führer - allen Wesen in liebevoller Aufmerksamkeit zuzuwenden. Diesem Ideal kann man sich wohl nur durch Jahrzehnte meditativer Übung annähern.

Aber auch Führungspersonen sind - ob sie sich die Zeit nehmen wollen oder nicht - in erster Linie Manager ihrer eigenen Aufmerksamkeit. Analysieren Sie also Ihr Aufmerksamkeitsbudget und tun Sie so oft wie möglich Dinge ganz bewusst:

  • Woran denken Sie sehr oft? Wofür schlägt Ihr Herz? Was schmerzt Sie? Welche Konsequenzen hat das für Ihr Handeln?

  • Was ist in Ihrem Leben wirklich wichtig? Was kommt in Ihrem Zeitbudget immer wieder zu kurz? Und warum ist es gerade das, was unter den Tisch fällt?

  • Wie oft tun Sie etwas ganz bewusst? Und wie oft tun Sie es getrieben oder gewohnheitsmäßig? Mit welchen Auswirkungen?

  • Wie wach und zugewandt sind Sie Ihren Gesprächspartnern gegenüber?

    Widmen Sie mehr Zeit und Liebe den fachlichen Fragen als Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern? Sie werden sich dann in Zukunft noch mehr selbst mit den inhaltlichen Themen beschäftigen müssen und dürfen nicht hoffen, dass Ihr Team sich entwickelt.

    Begeben Sie sich täglich an die Arbeitsplätze Ihres Teams und interessieren sich für seine Befindlichkeit? Ergebnisse werden dann schneller erzielt, Initiative, Selbstständigkeit und Qualifikation steigen.

    Veränderungen in Ihrem persönlichen Aufmerksamkeitsmanagement beginnen immer mit dem Bewusst-machen. Als Coach von Spitzenführungskräften stelle ich häufig fest, dass die Wirkungen, die von Beachtung oder Nichtbeachtung durch Führungskräfte ausgehen, von ihnen selbst fast immer dramatisch unterschätzt werden. Die gute Nachricht ist, dass Sie durch bewusstes positives Beachten größere Effekte in Ihrem Unternehmen erzielen können, als Sie es sich je erträumt haben.
  • Dieser Artikel ist erschienen am 14.02.2001