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Aufgetaucht aus dem Schuldenmeer

Von M. Freitag, K. Slodczyk, Handelsblatt
Es ist Normalität eingekehrt, seit Kai-Uwe Ricke vor anderthalb Jahren den Vorstandsvorsitz bei der Telekom übernommen hat. Die Aktionäre konnte er während der Hautpversammlung einwickeln - er bietet auch keine Angriffsfläche.
Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke. Foto: dpa
KÖLN. Es ist jetzt fast genau ein Jahr her, dass Kai-Uwe Ricke in der Kölnarena als Büßer vor die Aktionäre der Deutschen Telekom trat. ?Wir haben Sie mit unserer Leistung nicht zufrieden stellen können?, sagte er gleich zu Beginn seiner Hauptversammlungsrede. ?Da gibt es überhaupt nichts zu beschönigen.?Als der Telekom-Chef am Dienstag um kurz nach halb elf wieder ans Mikrofon tritt, schlägt er andere Töne an. ?Unsere Doppelstrategie aus Schuldenreduzierung und Förderung des profitablen Wachstums ist aufgegangen?, sagt er. ?Wir hatten uns ehrgeizige Finanzziele gesetzt, und wir haben sie erreicht.? Man ist wieder selbstbewusst bei der Telekom, und wäre da nicht der Makel mit der Maut, Ricke ?persönlich wäre mit dem vergangenen Geschäftsjahr zufrieden?.

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Es ist Normalität eingekehrt, seit Kai-Uwe Ricke, 42, vor anderthalb Jahren den Vorstandsvorsitz übernommen hat. Die Schulden sinken, der Gewinn steigt langsam, beim Aktienkurs tut sich nicht viel. Und die Normalität ist auch bei den Eigentümern des Konzerns angekommen ? trotz des Desasters um Toll Collect. Wenn Ricke ankündigt, er wolle sich ?mit aller Kraft dafür einsetzen, Ihnen im kommenden Jahr wieder eine Dividende zur Ausschüttung vorschlagen zu können?, applaudieren die 6 000 T-Aktionäre in der Kölner Halle freundlich.Selbst seine Ankündigung, die Telekom werde Toll Collect zum Erfolg führen, wird nicht von höhnischem Gelächter begleitet, sondern von dünnem Klatschen. Keine Spur mehr vom ?Hihaho, Sommer ist k.o.?, mit dem die Aktionäre vor zwei Jahren den Abschied von Rickes Vorgänger Ron Sommer einleiteten. Die Zeiten sind vorbei, als Hauptversammlungen zum Aufstand der Volksaktionäre gerieten.Das liegt auch an Kai-Uwe Ricke. Der Mann bietet keine Angriffsflächen. In der Öffentlichkeit hält er sich zurück, gibt kaum Interviews, ist selten im Fernsehen. Da trifft die Kritik nicht automatisch den Vorstandsvorsitzenden, sondern die zuständigen Ressortchefs ? etwa T-Com-Chef Josef Brauner, der lange für das Maut-Projekt zuständig war und nach der Pannenserie abtrat, oder Personalvorstand Heinz Klinkhammer, der den Abbau von mehr als 40 000 Arbeitsplätzen bis 2005 managen muss.Selbst die Chefkritiker sind leiser geworden. ?Nach dem größten Verlust in der Geschichte der Bundesrepublik ist die Telekom auf dem Weg zu einem normalen Unternehmen?, fasst Lars Labryga für die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger zusammen. ?Das ist grundsätzlich positiv.? Labryga und seine Kollegen von Aktionärsvereinigungen und Fondsgesellschaften kritisieren zwar die ?Lachnummer Toll Collect? und die neue variable Vergütung für die Aufsichtsräte. Aber insgesamt verteilen sie gute Noten. Die Maut sei der einzige tiefschwarze Fleck auf Rickes ansonsten weitgehend weißer Weste, sagt Hans-Richard Schmitz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz.Rickes Gehalt sei im Vergleich zu den Vorstandsbezügen bei Daimler- Chrysler bescheiden, lobt gar Aktionärsschützer Labryga. Und wenn der Vorstandschef dann noch vorträgt, genau wie alle anderen Telekom-Vorstände verzichte er 2004 auf ein gesamtes Bruttomonatsgehalt, dann kommt das gut an bei den Aktionären. Die müssen schließlich selbst verzichten. Auf Dividende und Kursgewinne.Aber irgendwie, so scheint es, nehmen sie es Ricke nicht übel: Der Konzernchef spricht pointiert, aber nüchtern, beugt sich zwar engagiert über das Podium, verzichtet aber während seiner 70-minütigen Rede auf große Gesten. Und das erste Grinsen huscht über sein Gesicht, als er die Mitarbeiter erwähnt, die in großen T-Punkt-Geschäften ratlosen Kunden helfen sollen. Das seien ?Welcome-Manager. Uns ist kein besserer deutscher Begriff eingefallen.? Es ist ein entschuldigendes Grinsen, und die Aktionäre begleiten es mit einem belustigten Aufstöhnen, keinem zornigen.Der Mann vorne am Podium weiß, was Anleger hören wollen. ?Viele von Ihnen werden sich sicherlich schon einmal im T-Punkt geärgert haben.? Ricke spricht zum Aktionär, der auch Kunde ist: ?Lange Schlangen, den falschen Berater gewählt, Zeit verloren und nicht zufrieden nach Hause gegangen.? Dann ruft er: ?Das werden wir ändern, aber es ist ein langer Weg.?Schlechte Nachrichten gehen da schon mal unter. Fast scheint es, als registrierten die Aktionäre nur noch Positives: etwa, als Ricke ankündigt, die Telekom werde auch in diesem Jahr 4 000 Auszubildende einstellen. Das bringt ihm den längsten Applaus seiner Rede. Als er aber ergänzt, dass deutlich weniger Auszubildende als bisher übernommen werden, überhören die Anteilseigner das ? alles ganz normal.Sie haben ihr Urteil offenbar schon gefällt. Ricke begeistert sie nicht, er enttäuscht sie nicht, er ist ?sehr solide?. So sagt es der Rentner, der in der Lobby in ein Bockwurstbrötchen beißt. Er hat einst 66,50 Euro für seine T-Aktien bezahlt. ?Ich bin bald 70, und da werde ich es wohl nicht mehr erleben, dass ich mein Geld zurückbekomme?, sagt er. Aber es klingt nicht deprimiert.
Dieser Artikel ist erschienen am 19.05.2004