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Auf nach Europa!

Maren Kebbel
Einen Lebenslauf ohne Auslandserfahrung? Das können sich die 120 jungen Medienmacherinnen nicht vorstellen. Sie sind nach Brüssel gereist, um zu erleben, wie das Europäische Parlament funktioniert ? und haben neben einem Blick hinter die Kulissen auch lebenspraktische Ratschläge erhalten.
Karin Riis-Jorgensen kommt ohne Umschweife zur Sache: "Sucht Euch einen Partner, der Euch unterstützt, wenn ihr Karriere machen wollt." Und Silvana Koch-Mehrin ergänzt das Statement ihrer Kollegin: "Ihr könnt nicht zwei Baustellen zur gleichen Zeit haben ? Partnerschaft und Karriere."

Die Ansichten der beiden Parlamentarierinnen von der Allianz der Liberalen und Demokraten für Europa (ALDE) finden Anklang beim Publikum ? rund 120 junge Medienmacherinnen aus Deutschland, Frankreich und Dänemark.

Die besten Jobs von allen


Kind und Karriere

Silvana Koch-Mehrin (MEP) (links) im Gespräch mit Teilnehmerinnen.
Dass Familie und Karriere zusammenpassen, ist für die jungen Frauen selbstverständlich. Silvana Koch-Mehrin, die für die FDP im Parlament sitzt, hat zwei Töchter. "Die meisten Kolleginnen in meinem Alter sind auch Mütter", sagt die 36jährige Politikerin. Von den Heimchen-am-Herd-Ansichten einer Eva Herman sind Koch-Mehrin und ihre Zuhörerinnen meilenweit entfernt.

Doch nicht nur über das Private, auch über ihren Berufsweg machen sich die Eingeladenen Gedanken. Wohin soll die Karriere gehen? Um zu sehen, was Europa zu bieten hat, sind sie auf Einladung von Koch-Mehrin und der Jugendpresse Ende November 2006 für zwei Tage nach Brüssel gereist. "Frauen sind in der Politik unterrepräsentiert. Und auch die Berichterstattung über Politik wird in Europa von Männern dominiert: Weibliche Korrespondenten gibt es kaum", erklärt Koch-Mehrin die Gründe für ihr Anliegen, die Beteiligung von Frauen in der Politik und in der Politikberichterstattung zu verbessern. "Daher möchte ich jugendlichen Redakteurinnen die Arbeitsbedingungen in Brüssel vorstellen und sie bei der Wahl ihres Berufswunsches unterstützen." Direkt vor Ort könnten sie am besten über die EU recherchieren, Arbeitsmöglichkeiten kennen lernen und in Gesprächen mit hochrangigen Vertreterinnen der Europäischen Union Erfahrungen sammeln. Brüssel intern

Die Teilnehmerinnen lauschen der Übertragung einer Plenarsitzung aus dem Nebenraum. Alfhild Bohringer (ganz rechts), Sina Kaufmann (2.v.r.).
Einig sind sich die Jugendlichen darin, dass es nicht reicht, nur das deutsche System zu kennen. Doch ob sie nun alle im EU-Umfeld arbeiten wollen? Hier sind die Meinungen so vielschichtig wie die Jobmöglichkeiten.

Alfhild Bohringer, die an der Berliner Humboldt-Universität Sozialwissenschaften studiert, stellt sich die Arbeit als Europa-Korrespondentin spannend vor und ist daher bei dem Vortrag von Europa-Digital-Macher Axel Heyer ganz Ohr. Doch trotz seiner positiven Beschreibung dieses Berufsfelds überwiegt bei ihr schließlich die Skepsis. Denn sie vermutet, dass die Jobchancen gen Null tendieren. "Da orientiere ich mich besser gleich anders", sagt sie. Denn die Vorstellung, später dann doch nicht auf einer Korrespondentenstelle zu sitzen, sondern zweckgebunden schreiben zu müssen, etwa für Kundenmagazine oder Werbeflyer, sind ihr und ihrer Freundin Sina Kaufmann aus Bonn ein Graus.
Babylonische Sprachverwirrung: Keine Sitzung ohne Kopfhörer.
Kein Wunder, dass sie auch dem Berufsfeld des Lobbyisten ablehnend gegenüberstehen. "Lobbyisten sind Leute, die für Geld jede Überzeugung vertreten", sagen sie.

Gegen so eine kritische Zuhörerschaft hat Ingrid Herzog einen schweren Stand. Die Bayer-Lobbyistin definiert ihren Job als Interessenvertretung, betont, dass sie die Politiker nicht überrede, sondern nur informiere. "Ich vertrete zwar die Anliegen eines Unternehmens, aber auch NGOs bezahlen Lobbyisten und die versuchen genauso, bei den Politikern Gehör zu finden", sagt sie. Doch Herzog konnte die meisten der jungen Zuhörerinnen nicht von ihrer Meinung überzeugen, dass der Lobbyismus ein ausgewogenes System sei. Abgeschlossener Kosmos

Stehen der Bürokratie eher skeptisch gegenüber: Katja Rudolph (2.v.r.) und Stefanie Becker (rechts) in einem Sitzungssaal.
In den zwei Tagen haben die Besucher Einblicke in die Berufsfelder Lobbyist, Parlamentarier, Korrespondent und EU-Kommissar bekommen. Haben sie Lust auf mehr, Lust auf ein Praktikum bei der EU bekommen?

Neben großem Interesse an Praktika wird auch an diesem Punkt Skepsis laut. "Praktika bei einer internationalen Organisation wie der EU stehen bei Studenten zwar hoch im Kurs", sagt Katja Rudolph, die in Jena Psychologie, Medien- und Wirtschaftswissenschaften studiert. Doch ? so fügt sie kritisch hinzu ? machten das viele Studenten eher aus Eigennutz, denn aus Idealismus. "Denen geht es nicht darum, Europa zu verändern, sondern um eine Bescheinigung für ihren Lebenslauf." Sie sei eher an praktischer Europaerfahrung interessiert. "In Paris habe ich ein freiwilliges soziales Jahr geleistet und mit anderen Freiwilligen aus ganz Europa zusammengelebt," sagt sie.

Auch Stefanie Becker aus Potsdam ist von der Brüsseler Bürokratie und den gigantischen Ausmaßen des Europaparlaments eher abgeschreckt. Im Gebäude an der Rue Wiertz mit den endlosen Gängen und unzähligen Sälen und Räumen gibt es sogar Bank, Post, Supermarkt und Fitness-Studio.
"Confluences", eine Skulptur von Olivier Strebelle, verkörpert das Wesen Europas.
Die Abgeordnetenbüros sind serienmäßig mit Schlafsofa und Badezimmer ausgestattet. Ein Kosmos für sich. Wo bleibt der Bezug zum Bürger? "Kann der Einzelne hier überhaupt noch etwas verändern", fragt die 19-Jährige.

Doch Roman Stanslowski, Assistent von Frau Koch-Mehrin, macht Mut. Die Besuchertruppe ist inzwischen bei einer riesigen Skulptur im Erdgeschoss angekommen. Sie heißt "Confluences" und besteht aus vielen miteinander verbundenen, gebogenen Metallstangen. "Europa ist wie diese Skulptur", sagt Stanslowski, "Wenn man an einer Stelle rüttelt, passiert erstmal nichts. Aber dann, zwei bis drei Minuten später, bewegt sich alle Streben." Und Rütteln am Bestehenden werden die Medienmacherinnen bestimmt ? das haben sie schon mit ihren Statements in Brüssel gezeigt.


Mehr Infos zur Jugendpresse und weiteren Veranstaltungen unter www.jugendpresse.de
Dieser Artikel ist erschienen am 04.12.2006