Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Auf immer neuen Schienen

Von Markus Pfeil, Handelsblatt
Robert Lohr lenkt mit 72 Jahren den größten Autotransporter-Hersteller in Europa. Von Arbeitsplatzverlagerung in Billiglohnländer, Börse oder Finanzinvestoren will er nichts wissen - und ist vielleicht deshalb so erfolgreich.
HANGENBIETEN. Immer muss Robert Lohr sich hinten anstellen, wenn er in die Werkshalle will. Denn seine Initialen auf dem Asphalt verraten ihm seinen Parkplatz. ?Wir haben die Namensschilder der Mitarbeiter alphabetisch geordnet. Und RL kommt ziemlich weit hinten.?Was profilneurotischere Manager zur einer Vorstandssonderparkregel motiviert hätte, lässt Lohr kalt. Trocken beschreibt er seinen Status: ?1963 habe ich meine Firma gegründet und mich zum Präsidenten ernannt. Seitdem wurde ich nicht mehr befördert.?

Die besten Jobs von allen

In Hangenbieten, einer 1500-Seelen-Gemeinde im Elsass, baut seine Groupe Lohr Autotransporter, mit einem Marktanteil von 40 Prozent die meisten in Europa. Ungestört in der elsässischen Idylle und in Familienhand. Seine knapp 2000 Mitarbeiter erwirtschaften im Elsass und an den Standorten in den USA, der Türkei und Mexiko einen Umsatz von 202 Millionen. Nettogewinn: 2,2 Millionen Euro.Großzügig, aber nicht gönnerhaft kommt er daher, eher bescheiden. Im elsässischen Hauptwerk klopft Lohr den Angestellten auf die Schulter, wenn er wie jeden Tag in die Betriebskantine geht. Einmal in der Woche schaut er in der Produktion nach dem Rechten. Begegnet er einem Mitarbeiter, grüßt er ihn per Handschlag. Der Manager mit Volksschulabschluss und ohne Uni-Diplom ist bodenständig geblieben.Lohr war 17, als sein Vater starb und er dessen Hufschmiede übernahm. Erst baute er Ackerwagen, dann Kipplaster. In den 60ern fragte ihn ein Freund, ob er einen Autotransporter bauen könne. Konnte er. ?Beim ersten hat rein gar nichts funktioniert?, sagt Lohr. Er lacht. Hunderte Falten kringeln sich dann um seine halb verschlossenen Augen. Bald schon hatte er einen Auftrag für fünf Transporter und Arbeit für ein halbes Jahr. Heute ist die alte Mühle am Weihergraben in Hangenbieten seine Schaltzentrale. Hinter dem gusseisernen Tor und der von knorrigen Pappeln gesäumten Einfahrt liegt das 1832 erbaute Fachwerkhaus, keinen Steinwurf von der väterlichen Schmiede entfernt. Im Nachbardorf Duppigheim produziert Lohr auf 60 Hektar neben Autotransportern auch Straßenbahnen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Das Ende des Kalten Krieges war der Beginn des Straßenbahn-Baus.Straßenbahnen sollen sein zweites Standbein werden. Früher hat er die Hälfte des Umsatzes mit Brückenleger und Feldküchen für das Militär gemacht. Nach dem Ende des Kalten Kriegs ist ihm dieser Geschäftszweig aber weggebrochen. Die Straßenbahnen sollen das zyklische Geschäft mit den Transportern ausgleichen, das immer kriselt, wenn es auch den Automobilunternehmen schlecht geht ? oder der Konkurrenz gut. Wie Anfang der 90er, als Italien die Lira um ein Drittel abwertete und Lohrs größter Konkurrent, die Firma Rolfo, mit Kampfpreisen am Markt war. Die Groupe Lohr büßte 1992 die Hälfte ihres Umsatzes ein.?Damals haben wir uns entschieden, unsere finanziellen Reserven einzusetzen, um neue Produkte zu entwickeln und unsere Produktionsanlagen zu modernisieren?, sagt der Chef. Mit den Straßenbahnen soll der Umsatz in drei bis fünf Jahren auf über 350 Millionen Euro steigen. Fast 200 neue Mitarbeiter hat er deshalb eingestellt. Seine Züge sind die ersten der Welt, die auf Autoreifen fahren: Nur eine schmale Führschiene hält das Gefährt auf Linie.Stolz führt Lohr Besucher durch die Werkshalle, dorthin, wo es nach Arbeit riecht. Wie ein kleiner Junge kriecht er an den Schweißrobotern vorbei, klettert über Absperrgitter. Alles will er persönlich zeigen ? auch die Teststrecke. ?Zehn Meter Wendekreis, absolut geräuschfrei, Höchstgeschwindigkeit 70, maximale Steigung 13 Prozent?, schwärmt er während der Fahrt.Technische Daten, die wie gemacht sind für historische Städte mit schmalen Gassen. In Clermont-Ferrand und Padua sollen Lohrs Straßenbahnen noch in diesem Jahr zum Einsatz kommen. Auch für die Strecke von Mestre nach Venedig hat er den Zuschlag bekommen. Die erste Anzahlung ist unterwegs ? und sie wird sehnlichst erwartet. Denn die neue Strategie hat viel Geld gekostet, heute hat die Groupe Lohr so viel Schulden wie Eigenkapital.Die Börse allerdings war für ihn nie eine Alternative zur Geldbeschaffung: ?Dann würde ich ja die Hälfte meiner Zeit mit Analysten verbringen.? Er wolle sich nicht dem Postulat der Aktionäre beugen, ein Unternehmen bestehe aus mehr als nur Gewinnen. Auch würde er nie Jobs ins Ausland verlagern. Vor fünf Jahren wollte ein Finanzinvestor, der ein Fünftel der Lohr-Anteile besaß, die Produktion nach Osteuropa verlegen. Lohr entschied sich dagegen, verschuldete sich persönlich und kaufte die Anteile zurück. ?Sonst hätten wir heute doppelt so viel Eigenkapital und keine Schulden ? aber nur noch 300 Mitarbeiter. Und keine Straßenbahnen.? Vielleicht auch keine Visionen. Wie die von rollenden Straßen mit Verladesystemen für LKW, die den Straßenverkehr mit der Schiene verbinden. Eine Teststrecke gibt es schon.Er redet von seinen Plänen, als ob er 40 wäre. Er ist 72. Dass seine Firma wie jedes Familienunternehmen irgendwann einen Nachfolger braucht, weiß er. Seine zwei Töchter arbeiten in der Personal- und der Finanzabteilung. Für die Geschäftsführung hat Lohr einen Kreis von Kandidaten im Kopf. ?Gesprochen wird in der Firma nicht darüber?, sagt einer seiner Mitarbeiter. ?Dafür ist er viel zu jung.?
Dieser Artikel ist erschienen am 20.06.2005