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Auf hoher See

Peter Ringel
Die deutschen Reedereien brauchen dringend Nachwuchs. Doch ein Nautik-Studium ist nicht nur was für harte Jungs. Peter Ringel hat sich für seine Reportage auf dem Ausbildungsschiff "Beluga Constitution" umgesehen.
Der Liegeplatz im Bremer Hafen ist noch nicht frei. Für die Besatzung des Schwergutfrachters "Beluga Constitution" heißt das: Warten in der Außenweser. "Habt ihr einen Anker?", knattert es aus dem Funkgerät. "Dann macht ihn nass!" Die Ankerkette rasselt vom Vordeck in die trübe Nordsee. Statt wie geplant am Mittag, kommt der Lotse bei Bremerhaven erst abends an Bord. Nichts Ungewöhnliches in der Handelsschifffahrt. Weniger gewöhnlich ist dagegen das Schiff. Unter der Brücke des nagelneuen Schwergutfrachters wurde eigens ein Deck eingezogen. Dort leben und lernen acht Kadetten der Bremer Sea Academy

Wie die schweren Ankerketten und Festmacherleinen per Motorwinde zu bewegen sind, wissen die beiden Studenten Julia Petzold und Christoph Grams schon. Und mit dem irrwitzig dünnen Joystick - ein Steuerrad gibt es längst nicht mehr - haben die Kadetten den 157-Meter-Frachter sogar schon durchs Revier gesteuert. Neben sich den Lotsen, der den Kurs vorgibt. Auch sonst steht meist ein Matrose oder Offizier hinter dem nautischen Nachwuchs - werden doch Millionenwerte über den Ozean geschippert

Die besten Jobs von allen


In Bremen hieven die Bordkräne eine 20 Meter lange Gasturbine in den offenen Schiffsbauch. Rings um den 288-Tonnen-Giganten verstauen die Arbeiter kleinere Kraftwerksteile. Damit geht es direkt nach Mumbai in Indien. Oder auch nicht. Denn in Hamburg muss vielleicht eine weitere Turbine an Bord. Bis das klar ist, heißt es wieder einmal warten. Landgang erlaubt der Kapitän nicht - es könnte ja gleich losgehen

Mein Eigenes Schiff.
"Ich will Reeder werden", sagt Christoph Grams selbstbewusst. Einen dünnen Schifferbart hat der 21-Jährige immerhin schon. In der neunten Klasse machte er ein Praktikum auf See. Plötzlich wurden die Noten besser. Denn seit der Zeit an Bord weiß der Bremer Nautikstudent, was er will: Erst das Kapitänspatent, dann ein eigenes Schiff. Die Chancen sind gut, denn die Branche boomt. Schon jetzt mangelt es an Personal für Brücke und Maschinenraum, weil die Reeder jahrzehntelang die Ausbildung schleifen ließen

Damit der Nachwuchs bei der Reederei Beluga anheuert, gründete die vor gut zwei Jahren ihre Sea Academy. Ausgebildet werden dort Schiffsmechaniker und Offiziersassistenten; Nautik-Studierende können ihre zwei Praxissemester absolvieren. Jeweils acht Kadetten sind für ein halbes Jahr an Bord, betreut von einem Extra-Offizier. "Wir wollen hoch motivierte Leute, die Lust auf Schwergut haben", sagt Projektentwicklerin Verena Frank

Direkt neben den Kajüten liegt der Unterrichtsraum. Dort steht Ralf Tewes, über den großen Bildschirm an der Wand flimmert der Grundriss des Schiffs. Vor dem Ausbildungsoffizier hocken die Kadetten an ihren Laptops und lernen gemeinsam. Zwei Stunden an fast jedem Nachmittag. Per Simulationsprogramm fahren sie den Frachter übers Meer und navigieren. Hängt neue Ladung am Kran, landen die Begleitpapiere gleich im Unterricht. Der maritime Crashkurs reicht von der Kollisionsverhütung bis zur Dieselmaschine. "Ein grober Überblick hilft, die Zusammenhänge an Bord zu verstehen", sagt Grams. Vertieft wird das Wissen dann an der Hochschule: Nautik-Studiengänge gibt es in Bremen, Wismar Elsfleth und Leer.

Bad in Schweröl.
An Deck heißt es dagegen anpacken. Die Kadetten schmieren Drähte, streichen das Schiff immer von neuem, "laschen", also sichern, die Ladung und machen die Leinen fürs Anlegen klar - es gibt immer viel zu tun. "Die wollen genau so schnell sein wie die Matrosen", lobt Tewes den ehrgeizigen Nachwuchs. Der ehemalige Marineoffizier achtet auf Abwechslung. Wochenlanges Rostklopfen wie in seiner Lehrzeit will er den Kadetten nicht zumuten. Um die Äquatortaufe kamen sie allerdings nicht herum.

"Erst mussten wir durch dunkle Rohre krabbeln und dann in Schweröl baden", strahlt Christoph, "das war toll." Zumindest ein Teil der Seefahrt-Romantik ist geblieben. Anders als im schnellen Containergeschäft dauert das Laden bei Schwergut länger. "Man kriegt zumindest was vom Hafen mit", sagt die 20-jährige Julia Petzold. Beeindruckend fand sie den Stopp in Nigeria: "Auf der einen Seite fahren traditionelle Einbäume durch ein Klischee-Afrika, auf der anderen liegt ein Hightech-Hafen." Zwischen diesen Welten standen Wachen mit Maschinenpistolen an der Gangway.

Die Elsflether Nautikstudentin ist nicht die einzige Frau an Bord. Ihre Kajüte im Jugendherbergsschick teilt sie sich mit einer weiteren Kadettin. Verstärkt wird die weibliche Fraktion von der Ersten Offizierin. Petzold hat bereits auf Traditionsseglern in einer Männercrew gearbeitet.

Die junge Frau im roten Overall, die Dreadlocks vom Helm gebändigt, empfindet das Zusammenleben auf der "Beluga Constitution" als problemlos. "Wir können uns natürlich nicht wie Prinzessinnen benehmen". Ihre Hände sind so schmutzig wie die der anderen. Wenn sich bei Sturm die Wellen auftürmen, wird schon einmal geflachst: "Eine Frau an Bord gibt Unglück." Ansonsten kennt Julia derbe Sprüche nur aus den Häfen. "Zu meiner Zeit ist nur mitgefahren, was im Stehen über die Reling pinkeln kann", fiel einem alten Hamburger Dockarbeiter ein. Bei der Mannschaft seien die Frauen dagegen voll akzeptiert, glaubt der Kapitän

Frau Kapitän oder Kapitänin?
Die Männerdomäne Seefahrt gerät nur langsam ins Wanken: Unter den knapp 1.500 Kapitänen auf deutschen Schiffen waren 2006 zwar nur sechs Frauen. Doch beim Nachwuchs sieht das Verhältnis schon anders aus: Laut dem Verband Deutscher Reeder (VDR) sind von den mehr als 3.000 Offizieren auf deutschen Schiffen knapp 70 weiblich, Tendenz steigend. Wie bei anderen angehenden Ingenieuren ist laut Max Johns vom VDR mittlerweile auch bei den Nautikern ein knappes Viertel der Studierenden weiblich. "Frauen an Bord sind zwar noch keine Normalität", sagt Johns, "an Bord läuft es aber erstaunlich gut." Gestritten wird eher über Kleinigkeiten, etwa ob es "Frau Kapitän" oder "Kapitänin" heißt. Johns hält Letzteres für korrekt: "Eines Tages wird uns der Duden Recht geben."

Zunächst wurde erwartet, dass es Frauen schnell wieder an Land ziehen würde. Das ist zwar der Fall, bei Männern allerdings nicht anders. Die jüngere Generation des nautischen Personals hält es im Schnitt keine sechs Jahre mehr auf der Brücke, bedauert man beim Reederverband. Seebären auf Lebenszeit sind ein Auslaufmodell. Denn an Land ist der nautische Sachverstand ebenfalls gefragt. Sei es mit einem Fuß an Bord als Lotse, in der Befrachtungsabteilung der Reedereien oder in der Havarieabteilung einer Versicherung

Erstsemesterin Petzold macht sich über ihre Karriere noch wenig Gedanken: "Ich weiß noch nicht, ob ich mal Kapitänin werde." Mit dem Ingenieursdiplom genießt sie auch so beste Aussichten. Die deutschen Reeder suchen händeringend nach Fachkräften. Im kommenden Jahrzehnt werden pro Jahr etwa 650 Nautiker von Fachschulen und Fachhochschulen gebraucht. Doch der VDR erwartet im aktuellen Jahrgang höchstens 200 Absolventen, davor waren es ganze 160.

Die Gründe für den Nachwuchsmangel: Die rund 3.000 Schiffe der deutschen Handelsflotte fahren verstärkt unter deutscher Flagge. Und mit dem Welthandel dürfte die Frachtflotte in den nächsten Jahren weiter wachsen. Außerdem steht eine große Pensionierungswelle an. Beim Reederverband gibt es deshalb einen internen Solidarfonds: Wer nicht ausbildet, zahlt mehr. In diesem Jahr kommen so 3,5 Millionen Euro zusammen. Davon fließt knapp ein Drittel an Fachhochschulen, der Rest an die Unternehmen, die für nautischen Nachwuchs sorgen. Ein Teil des Geldes wird an die Kadetten weitergegeben, 500 Euro gibt es bei Beluga pro Monat

Wer beispielsweise beim "Laschen" der Ladung hilft, kann etwas dazuverdienen. Gelegenheit zum Ausgeben gibt es allerdings kaum. Falls die "Beluga Constitution" Kurs auf Deutschlands größten Hafen Hamburg, nimmt, zieht es die Kadetten zur Reeperbahn - so viel Tradition muss sein. Doch ob Hamburg oder Mumbai angesteuert wird, das weiß nicht einmal der Kapitän

[ www.reederverband.de ]



Dieser Artikel ist erschienen am 04.06.2007